Literarischer Blutdurst

Henning Mankell, Erfinder des schwermütigen Ermittlers Kurt Wallander, ist tot. Seine Bücher sind gesellschaftspolitisch, sein Engagement war es auch.

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Gab es eine Zeit vor Wallander? Eine Zeit ohne den mürrischen Ermittler aus der kleinen südschwedischen Stadt Ystad, in der sich Serienkiller anscheinend bloss deshalb austobten, damit sich auf Kurt Wallanders Stirn noch ein paar Sorgen- und Trauerfalten mehr legen konnten? Schwer vorstellbar. Aber erst 1991 erschien «Mörder ohne Gesicht», da war vom späteren Welterfolg noch nichts zu ahnen. 2010 schloss der Autor mit «Der Feind im Schatten» die Wallander-Saga ab. Er schickte seinen Helden nicht bloss in Pension, sondern auch gleich in die Dämmerung der Demenz.

In diesen 20 Jahren hat Henning Mankell nicht nur Ystad als kriminalistische Metropole etabliert, sondern das Genre selbst verändert. Bis dahin waren die populärsten Ermittler entweder smarte oder anrüchige Figuren, sie waren genial wie Sherlock Holmes, elegant-bizarr wie Hercule Poirot aus dem alten Europa oder eben die «Hard-boiled»-Typen von jenseits des Atlantiks, ihren kriminellen Gegnern auf allen Gebieten ebenbürtig. Kurt (schwedisch «Kört» auszusprechen) Wallander ist das komplette Gegenteil, ein mürrischer, leicht depressiver Eigenbrötler, der sich schlecht ernährt, sich zu wenig bewegt, am liebsten allein Opernaufnahmen hört und sich mit seinen Mitmenschen, auch mit denen in seiner Familie, schwertut.

Jedes Verbrechen trifft ihn im Innersten, als lasse seine Vorstellung von der Schöpfung Untaten jeder Art gar nicht zu. Sein Umgang mit ihnen ist weder intuitiv noch genial noch brachial, sondern: geduldige Polizeiarbeit. Noch nie wurden dem Leserpublikum die Details eines Falles derart repetitiv und redundant vorgekaut wie in den Büros von Ystad. Immer wieder dreht die Ermittlergruppe Fakten und Aussagen um wie abgegriffene Münzen, auf deren Rückseite sie doch noch einen versteckten Hinweis zu finden hofft. Und tatsächlich, irgendwann setzt sich das Mosaik der Indizien neu zusammen, drängt ein vergessenes Detail in den Vordergrund und taucht den Fall in ein neues Licht. «In den Zwischenräumen entsteht die Wahrheit», und mit jedem Mord, so lernen wir mit Wallander, vermittelt der Mörder seinen Verfolgern eine Botschaft – in einer Sprache, die diese erst lernen müssen.

Es beginnt mit den Wollsocken

Aus dieser Dechiffrierung resultiert die Spannung der Wallander-Romane; den Mörder, ist er einmal bekannt, zu fassen, ist dann bloss noch Routine. Als Gegengewicht zur grauen Bürokratie liess Mankell seine Mörder immer blutiger vorgehen, dachte sich immer grausigere Todesarten aus – vom Sturz auf vorbereitete Bambusspiesse über das Einträufeln von Salzsäure in die Augen bis zum unendlich langsamen Ertrinken durch genau austarierte Gewichte. Wobei der Autor, auf solchen literarischen Blutdurst angesprochen, stets erwiderte, die Wirklichkeit, die ihm in Polizeiakten begegne, sei viel, viel schlimmer.

Gewiss, vor Henning Mankell gab es das schwedische Autorenduo Sjöwall/Wahlöö und ihren Kommissar Martin Beck. Aber erst mit Kurt Wallander wurde der depressive Nordlandermittler zur Marke. Zu dieser gehört neben dem Herumpuzzeln im Büro ein kulturkritischer Moralismus. «Alles Unheil entsteht daher, dass wir unsere Wollsocken nicht mehr stopfen», erklärt Wallander einmal seiner Tochter Linda, will sagen: Die Hopp-und-weg-Mentalität, die solche kleinen Dinge offenbaren, führt im Grossen zu ähnlich wegwerfendem Umgang mit Menschen.

«Was ist das für eine Welt?»

Mankells Wallander ist, wie sein Schöpfer, Gesellschaftskritiker im globalen Massstab. Hinter dem konkreten Fall erheben grosse Weltverbrechen wie Mädchenhandel, Ausbeutung, Umweltzerstörung, Terrorismus ihr Haupt, weshalb ein Kommissar aus der südschwedischen Provinz prinzipiell überfordert sein muss; kein Wunder, dass er, selbst wenn er seine Fälle immer löst, nicht anders kann als händeringend fragen: «Was ist das für eine Welt, in der wir leben?» Da helfen eben nur ein Spaziergang am eisschollenbedeckten Meer, eine Opern-CD und eine Flasche Rotwein. In dieser Figur, die redlich den Stein der Aufklärung nach oben schiebt, damit er mit dem nächsten Mord wieder herunterrollt, hat sich ein Millionenpublikum wiedergefunden, das der schlimmen Welt ähnlich hilflos gegenübersteht. 40 Millionen Bücher hat Henning Mankell weltweit verkauft, etwa die Hälfte im deutschsprachigen Raum.

Anders als seine Figur hat deren Schöpfer durchaus Mittel und Wege gefunden, sich in «so einer Welt» sinnvoll zu engagieren. Er hat vor, neben und nach den Krimis zahlreiche Romane geschrieben, die politische Bildung im besten Sinne betreiben. Sehr früh hat er sich der Flüchtlingsfrage angenommen, in Romanen wie in Theaterstücken – Mankell hat am Theater begonnen und viele Jahre Regie geführt, in Schweden und vor allem in Moçambique, wo er von 1985 an das Teatro Avenida in Maputo geleitet hat, jeweils eine Jahreshälfte in Afrika lebend.

Vorlagen für 32 Folgen

Die Flüchtlingsfrage hat ihn auch in seinen letzten Interviews umgetrieben; vor wenigen Tagen warnte er im Gespräch mit den Kollegen von der «Welt» davor, dass Europa seine Identität verlieren könne, wenn es sich nicht auf eine gemeinsame Politik der Aufnahme von Flüchtlingen einigen könne.

Mankells politisches Engagement ging über karitative und künstlerische Taten hinaus – auch in fragwürdige Richtungen. 2009 besuchte er palästinensische Gebiete und bezweifelte anschliessend die Legitimität von Israels Staatlichkeit. Israel sei ein «Apartheid-Staat». Im Mai 2010 nahm Mankell an der «Ship to Gaza»-Aktion teil, die die israelische Seeblockade brechen wollte; dabei gab es Tote. Mankell selbst wurde in Gewahrsam genommen; er musste seinen Auftritt im Zürcher Kaufleuten verschieben und holte ihn einige Wochen später eindrucksvoll nach.

Anfang 2014 gab er bekannt, dass er Krebs habe, und sprach auch später öffentlich über seine Krankheit. Sein letztes Buch, «Treibsand», eine Meditation darüber, «was es heisst, ein Mensch zu sein», ist dieser Tage auf Deutsch erschienen. Gestern früh ist er 67-jährig in Göteborg gestorben. Kurt Wallander aber wird noch viele Jahre auf unseren Bildschirmen weiterleben und schwermütig weiterkämpfen, gegen das Böse in der Welt und in uns. Für 32 Folgen hat Mankell Vorlagen geliefert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2015, 15:57 Uhr

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