Literatur darf und kann fast alles

Anlässlich von «Zürich liest» hielt Jonas Lüscher am Mittwoch Abend die Eröffnungsrede. Er wendet sich darin gegen die Auffassung, Literatur sei zwecklos und solle sich politisch heraushalten.

«Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Literatur ohne Vielfalt überleben soll»: Jonas Lüscher. Foto: Isolde Ohlbaum (Laif)

«Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Literatur ohne Vielfalt überleben soll»: Jonas Lüscher. Foto: Isolde Ohlbaum (Laif)

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Es ist etwas Seltsames mit diesen Themen, wie es sich auch dieses Festival hier eines selbst verordnet. Letztes Jahr sollte Zürich liest ganz im Zeichen der Vielfalt stehen, dieses Jahr will man «Über Grenzen» nachdenken, und ironischerweise hat mein Vorgänger, Peter Stamm, letztes Jahr hier eine Rede gehalten, in der es, wie mir zumindest schien, viel um Grenzen, Eingrenzungen und vor allem Selbstbegrenzung ging. Und zwar in einer Art, ich will es gar nicht verhehlen, die mich aufgebracht hat und mich nun dazu bewegt, meinerseits über Vielfalt sprechen zu wollen. Nun hängen die Themen Vielfalt und Grenzen auf gewisse Weise zusammen, und es ist kaum möglich, über das eine zu sprechen, ohne über das andere nachzudenken.

Diejenigen unter Ihnen, die Peter Stamms Rede noch gegenwärtig haben, sind jetzt vielleicht erstaunt, dass mich ausgerechnet diese Rede echauffiert hat, handelt es sich dabei doch um ein ausgesprochen wohltemperiertes Stück, mundwarm, wie der Tee, den sein Verfasser trinkt, nachdem er die Kinder in die Schule geschickt und sich auf den bequemsten Stuhl im Haus gesetzt hat, um dann lange nichts geschehen zu lassen, wie er uns zum Einstieg beschreibt und hernach erklärt, sein Hauptgeschäft als Schriftsteller sei das Nichtstun, daneben sei er Kleinunternehmer. Aber anders als Maschinenbauer, Bäcker oder Gärtner mache er die Welt nicht schöner oder erträglicher, nein, er erschaffe andere Welten, und wie wohl alle Autoren habe er sich schon geniert, dass er nicht viel zur realen Welt beizutragen habe.

Bedeutungslosigkeit des Autors

Es ist eine Rede, die auf den ersten Blick wenig bietet, an dem man sich stossen könnte. Wohlformuliert ist sie, ausgewogen, bescheiden – es fehlt noch nicht einmal an etwas Selbstbezichtigung, wenn Stamm zugibt, auch er sei schon der Versuchung erlegen, seine eigene Bedeutungslosigkeit durch öffentliche politische Stellungnahme aufzuwerten. Einen Akt, den er mit Witz auf eine Stufe stellt mit Hemingways Grosswild- und Simenons Schürzenjägerei, Hesses Nacktkletterei und Frank Schätzings Posieren in Unterhosen. Dies alles, auch die politische Stellungnahme, seien Strategien, um der eigenen Bedeutungslosigkeit als Schriftsteller zu entkommen.

Ja, so mag man in der Schweiz seine Intellektuellen; bescheiden, ein wenig selbstironisch kokett, zurückhaltend und ausgewogen. Und das in einer Rede, die doch nichts anderes ist als die Massregelung eines Kollegen, der aber, und das ist einer der Gründe, weshalb mich diese Rede aufgebracht hat, noch nicht einmal beim Namen genannt wird. Es dürfe nicht sein, so sagte uns nämlich Stamm vor gut einem Jahr, dass wir versuchten, das Geschrei der SVP-Plakate mit noch lauterem Geschrei zu über­tönen. Literatur sei das Gegenteil von Polemik. Literatur befreie die Sprache, Polemik missbrauche, beschädige sie.

Und wenn wir uns jetzt in Erinnerung rufen, dass sechs Tage, bevor Stamm sich in dieser Art äusserte, Lukas Bärfuss in der FAZ seinen «Cri de cœur» veröffentlicht hatte –«ein storytelling at its best», wie Roman Bucheli am 16. Oktober morgens in der NZZ meinte, oder vielleicht doch nur ein sprachlich und gedanklich schwacher Text, wie derselbe Bucheli zwölf Stunden später, aber um mindestens zehn Jahre gealtert, urteilte. Ein Text also, der den Kritiker offensichtlich in einen schweren inneren Widerstreit gestossen hat. Und das können wir ihm kaum verübeln, denn es ist tatsächlich ein streitbarer Essay, aber das ist hier nicht mein Thema.

Wenn wir uns also diese zeitliche Nähe in Erinnerung rufen, dann wird es doch offensichtlich, dass die ganze Rede als Kritik an Bärfuss’ Einlassung gedacht war, aber Stamm hat sich darum geschlichen, den Sünder Bärfuss beim Namen zu nennen. Und sich auf dessen Argumente einzulassen, darauf hat er dann auch gleich verzichtet.

Es wurde in dieser Rede einer, der sich politisch äussert, verglichen mit kletternden Nudisten und solchen, die in Unterhose posieren. Es wurde einmal mehr einem Intellektuellen, der sich kritisch zur Schweizer Politik äussert, unterstellt, er tue es vor allem um seiner Eitelkeit willen; um sich zu profilieren und seiner eigenen Bedeutungslosigkeit zu entfliehen. Ich sage «einmal mehr», denn wir haben in der Schweiz eine lange Tradition, kritische Autoren mit dieser Unterstellung zu desavouieren, ja sogar zu pathologisieren.

Vor 53 Jahren hat der Zürcher Germanist Karl Schmid sein Hauptwerk «Unbehagen im Kleinstaat» veröffentlicht. Eine Untersuchung über das Schaffen einiger Schweizer Literaten. Schmids gelegentliches Pathos mag uns heute fremd erscheinen, aber wir können ihm zugestehen, dass sein Werk wohlüberlegt und ausgewogen formuliert ist und in jeder Hinsicht den wissenschaftlichen Ansprüchen jener Zeit genügt.

Dennoch hat dieses Buch eine unheilsame Spätwirkung entfaltet, denn die These, diese Schriftsteller kritisierten ihr Schweizer Vaterland vor allem deswegen, weil sie an einem Unbehagen am Kleinstaat litten, hat rasch und bis in unsere Tage in einer vulgarisierten Form ein Eigenleben entwickelt. Sie ist zum Fallbeil mutiert, mit dem man die kritischen Köpfe loswird, indem man ihnen leichterhand eine Profilneurose unterstellt; dann braucht man sich auch nicht mehr die Mühe zu machen, sich mit ihren anstrengenden Argumenten auseinanderzusetzen. Das ist eine Taktik, die Hand in Hand geht mit dem grassierenden Antiintellektualismus in diesem Land.

Die Vernichtung der Vielfalt

Man braucht Schmids These nicht in Bausch und Bogen zu verwerfen. Es sei ihm durchaus zugestanden, dass uns Schriftstellern und Intellektuellen unsere Eitelkeiten und manchmal sogar eine Faszination für Grösse unser Handeln und Denken, und ich fürchte, auch unser Schreiben, beeinflussen. Und dennoch verstellt sie den Blick aufs Wesentliche. Nicht der Kleinstaat ist es, der uns mit grossem Unbehagen erfüllt, die Vernichtung der Vielfalt ist es.

Die bürgerlich-konservative Feier des Kleinstaates geht einher mit einer Absage an den Pluralismus. Sie redet einem Isolationismus das Wort. Sie betreibt ein kulturelles Homogenisierungsprogramm. Sie will uns auf einen Mono­mythos verpflichten, auf die eine grosse Narration, die alle anderen Erzählungen überflüssig machen soll. In dieser Narration verliert die Grenze unseres Landes, die ein historisch/geografisches Konstrukt ist, nebst ihrer physischen Durchlässigkeit auch ihre geistige Durchlässigkeit und wird zu einer undurchdringlichen Membran, die nicht nur einen Innenraum definiert, sondern zugleich auch dessen Sauberkeit gewährleistet.

Es ist also ein alter Irrtum, der durch ständiges Wiederholen auch nicht wahrer wird, dass die Schriftsteller sich ständig nach Grösse sehnen, denn die meisten von uns haben genug Vorstellungskraft, um zu wissen, dass auch in einem kleinen Biotop Platz für zahllose Lebensformen ist. Was aber zumindest ich mir nicht vorstellen kann, ist, wie die Literatur überleben soll ohne Vielfalt, ohne das Unabgeschlossene und ohne die Gnade der Mehrdeutigkeit. Aber ein Leben unter solchen Bedingungen kann ich mir sowieso nicht vorstellen, was mir ein starker Hinweis darauf zu sein scheint, dass das Leben und die Literatur doch viel mehr miteinander zu tun haben, als uns das mein Vorredner ­letztes Jahr weismachen wollte.

Tödliche Idee der Reinheit

Nichts ist für das Leben – und damit auch für die Literatur – so tödlich wie die Idee der Reinheit. Und auch damit hat die Schweizer Literatur ihre Erfahrung gemacht. Drei Jahre nach Schmids Unbehagen im Kleinstaat, also vor genau 50 Jahren, hat einer der anderen verdienten Zürcher Germanisten, Emil Staiger, in seiner Dankesrede für den Schillerpreis zum grossen priesterlichen Reinemachen angesetzt und verkündet, was Literatur darf und was sie nicht darf, was sie soll und was sie nicht soll und was überhaupt Literatur ist und was nicht.

Man darf getrost sagen, dass er mit seiner Rede den Zeitgeist nicht ganz getroffen hat und seinen Reinigungsbemühungen wenig Erfolg beschieden war. Heute aber, so scheint mir, lässt sich in einem grossen Teil der Bevölkerung eine Sehnsucht nach Reinheit ausmachen. Nach klaren und möglichst engen Grenzen, die das Drinnen und Draussen definieren und eine einfache Antwort liefern auf die Frage, wo das Wir aufhört und das Andere beginnt.

Schon alleine deswegen können wir Intellektuelle es uns nicht leisten, uns die Finger nicht schmutzig zu machen. Es muss ja keiner. Ich habe Verständnis für Autoren, die sich dazu nicht berufen fühlen. Aber es wäre wenigstens hilfreich, wenn denjenigen, die sich aus dem Fenster lehnen, nicht noch aus den eigenen Reihen eine Profilneurose attestiert wird oder ihnen vorgeworfen wird, sie verletzten die Reinheit der Kunst.

Literatur, so gab sich Stamm letztes Jahr überzeugt, habe keinen Zweck, Schreiben sei zwecklos, Lesen sei zwecklos. Ich halte das für einen Irrtum. Literatur muss keinen Zweck haben, das ist wahr, wie sie überhaupt nichts muss, aber sie darf und kann einen Zweck ­haben; sie darf sowieso fast alles und sie kann fast alles. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2016, 23:13 Uhr

Jonas Lüscher

Schweizer Schriftsteller

Geboren 1976 in Zürich, wuchs Lüscher in Bern auf. Er machte eine Primarlehrerausbildung, arbeitete als Filmdramaturg, Lektor und Ethiklehrer. Eine Promotion in Philosophie an der ETH Zürich führte er nicht zu Ende. 2013 erschien seine Novelle «Frühling der Barbaren», eines der herausragenden Schweizer Debüts der letzten Jahre. Lüscher, der seit 2001 in München lebt, nimmt immer wieder pointiert zu politischen Fragen Stellung, auch im TA. Im Januar 2017 erscheint ein Roman bei C. H. Beck. (TA)

Zürich liest

Literaturfestival

Von heute bis Sonntag ist Zürich Schauplatz hochkarätiger Lesungen und anderer Literaturveranstaltungen. Das Motto lautet diesmal «Über Grenzen». Es treten unter anderem auf: Peter Stamm und Tim Parks (Donnerstag), Marlene Streeruwitz, Lukas Bärfuss, Wilhelm Genazino und Martin Walser (Freitag), Raoul Schrott, Stephan Thome, Michael Fehr und Christian Kracht (Samstag) und Elke Heidenreich (Sonntag). Am Samstag wird der Kunstpreis der Stadt Zürich an Ruth Schweikert verliehen, die Preisrede hält Peter Bichsel. Wohnzimmerlesungen, Tram- und Schifflesungen runden das Programm ab. www.zuerich-liest.ch (TA)

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