«In schwierigen Momenten ist man in diesem Job sehr allein»

Zu Barack Obamas letztem Amtstag präsentieren wir ein ungewöhnliches Gespräch mit dem US-Präsidenten.

«Meine Schreibarbeit als Präsident floss hauptsächlich in meine Reden»: Obama im Weissen Haus. Foto: Pete Souza (The White House)

«Meine Schreibarbeit als Präsident floss hauptsächlich in meine Reden»: Obama im Weissen Haus. Foto: Pete Souza (The White House)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben Ihrer Tochter Malia Bücher für den Kindle gegeben. Welche waren das? Ihre eigenen Lieblingsbücher?
Zum Teil waren das die üblichen Verdächtigen wie «Die Nackten und die ­Toten» oder «Hundert Jahre Einsamkeit» (von Norman Mailer und Gabriel García Márquez, die Redaktion), die hatte sie noch nicht gelesen. Ausserdem ein paar Bücher, die heutzutage vermutlich nicht auf jedermanns Leseliste stehen, die ich aber interessant fand, wie zum Beispiel «Das goldene Notizbuch» von Doris Lessing oder «The Woman Warrior» von ­Maxine Hong Kingston. Interessant war auch, dass ich einige Bücher ausgelassen habe, die ich zwar für stark hielt, von denen ich aber glaubte, dass sie im ­College keine Bedeutung haben würden.

Hatten Sie die Möglichkeit, mit ihr über die Bücher zu reden?
Über ein paar konnten wir schon sprechen. Sie möchte gern Filmemacherin werden, sie interessiert sich also sehr fürs Erzählen. Sie hatte gerade «Paris – Ein Fest fürs Leben» (von Ernest Hemingway) gelesen. Das hatte ich ihr gar nicht gegeben, aber sie war ganz hingerissen von der Idee, dass Hemingway sich vorgenommen hatte, jeden Tag etwas Wahres zu schreiben.

Sie wollten selbst Autor werden. Warum?
Als Kind liebte ich es zu lesen. Zum Teil, weil ich so viel unterwegs war. Es gab Zeiten, da war ich ein Aussenseiter. Als ich nach Indonesien kam, war ich dieses grosse, dunkelhäutige Kind, das irgendwie auffiel. Als ich dann von Indonesien zurück nach Hawaii zog, hatte ich wahrscheinlich die Umgangsformen und ­Gewohnheiten eines indonesischen Kindes. Die Vorstellung also, dass es Welten gibt, die man mitnehmen kann, die einem selbst gehören, in die man einsteigen kann, fand ich aufregend. Als ich dann ein Teenager wurde, las ich ausser der Pflichtlektüre aus dem Unterricht nicht mehr viel. Ich habe Basketball gespielt, bin Mädchen hinterhergejagt, habe Zeug getrunken, das nicht wirklich gesund war.

Das haben wir wohl alle gemacht.
Klar. Ich glaube, in meinem zweiten Collegejahr habe ich dann das Schreiben, Lesen und Denken wiederentdeckt und es benutzt, um mich wieder aufzubauen. Ein Prozess, über den ich in «Ein amerikanischer Traum» schreibe.

Das war diese Phase in New York, in der Sie intensiv gelesen haben.
Ich war – das stimmt tatsächlich – abgekapselt. Ich hatte einen Teller, ein Handtuch, und Kleidung habe ich mir in Secondhandläden gekauft. Ich war sehr ernsthaft, irgendwie humorlos. Aber es machte mir wieder bewusst, wie mächtig Worte sind, wenn es darum geht, herauszufinden, wer man ist und was man denkt, was man glaubt und was wichtig ist. Und auch dabei, den Wirbel der Ereignisse, in dem man permanent steht, zu sortieren und zu deuten. Deshalb war selbst in der Zeit, in der ich die Universität abschloss, als mir schon bewusst war, dass ich in die Politik gehen wollte und diese vage Absicht hatte, etwas ­gestalten zu wollen, das Schreiben und Geschichtenerzählen sehr wertvoll für mich. Also schrieb ich nach der Arbeit in mein Tagebuch, oder ich schrieb ein, zwei Geschichten. Das Grossartige war, dass mir das bei meiner Organisationsarbeit nützlich war. Als ich dort anfing, sagte mir der Mann, der mich angestellt hatte, das, was die Menschen zusammenbringe und ihnen den Mut verleihe, Dinge in Bewegung zu setzen, sei nicht nur, dass sie sich für die gleiche Sache interessierten. Sondern auch, dass sie Geschichten miteinander teilten. Und er sagte mir, dass man, wenn man lerne, den Geschichten anderer zuzuhören und herauszufinden, was in ihren Geschichten heilig sei, auch fähig sei, eine Beziehung zu schmieden, die anhalte. Mein Interesse für den öffentlichen Dienst und für die Politik verschmolz irgendwann mit der Idee vom Erzählen.

«Manchmal braucht man Literatur ausschliesslich für gedankliche Ortswechsel.»

Worum ging es in den Geschichten, die Sie geschrieben haben?
Interessanterweise erzählen viele der Geschichten von älteren Menschen. Zum Teil vermutlich deshalb, weil ich damals viel mit Gruppen arbeitete, in denen die Menschen wesentlich älter waren als ich. Wir gingen in die Kirche, die Leute dort waren im Durchschnitt 55, 60 Jahre alt. Viele von ihnen hatten sich mit Mühe und Not in den Mittelstand gekämpft. Sie sahen, wie die Gemeinden, in die sie ihre Hoffnungen und Träume investiert hatten und in denen sie ihre Kinder grossgezogen hatten, verfielen — die Stahlwerke hatten dichtgemacht, und die Zusammensetzung der Bevölkerung hatte sich verändert. Es herrschte ein Gefühl von Verlust und Enttäuschung. Einige meiner Kurzgeschichten haben mit diesem Gefühl zu tun, mit dieser Atmosphäre. In einer Geschichte geht es um einen alten schwarzen Pastor, der gerade seine Kirche verliert, sein Mietvertrag läuft aus, und eine loyale Diakonin versucht, ihm wieder Mut zu geben. In einer anderen Geschichte geht es um ein älteres weisses Paar in Los Angeles. Er hatte in der Werbung ­gearbeitet, Jingles geschrieben, ist ­gerade in den Ruhestand gegangen, ist etwas grantig. Seine Frau versucht ihn davon zu überzeugen, dass das Leben nicht vorbei ist. Wenn ich also zurückdenke und mich frage, was mich ­interessiert, dann ist da nicht viel Jack Kerouac, Zauber der Landstrasse, Jugend und Aufbruch. Es ist melancholischer, reflektiver.

Hat Ihnen das Schreiben geholfen, sich selbst zu verstehen?
Ja, davon bin ich überzeugt. Gerade in jener Zeit setzte ich mich über das Schreiben mit vielem auseinander, was mein Leben beeinflusste – Ethnie, Klasse, Familie. So konnte ich alle Einzelteile zu einem Ganzen zusammenfügen. Heute bemerkt öfter mal jemand, wie cool und gelassen ich sei. Das stimmt auch, ich habe allgemein ein gutes ­Gespür für Orte, mich selbst und das, was mir wichtig ist. Das kann ich wirklich aufs Schreiben zurückführen.

Haben Sie das während Ihrer Präsidentschaft beibehalten?
Nicht in dem Mass, wie ich es mir ­gewünscht hätte. Mir fehlte schlicht die Zeit.

Aber führen Sie eine Art Tagebuch?
Manchmal, jedoch ohne die Disziplin, die ich mir dafür vorstellen würde. Meine Schreibarbeit als Präsident floss hauptsächlich in meine Reden, zumindest in jene, die mir wichtig waren.

Wie haben sich das Redenschreiben, der Platz im Zentrum der Geschichte und der Umgang mit Krisen auf Sie als Autor ausgewirkt?
Ich bin mir noch nicht sicher. Mal sehen, wie es sich anfühlen wird, das nächste eigene Buch in Angriff zu nehmen. Ein geübter Redenschreiber stellt sich ja zum Teil dieselben Fragen wie jeder ­andere gute Autor: Braucht man dieses Wort? Ist es das richtige? Gibt es einen angenehmen Rhythmus? Wie klingt es gesprochen? Eines der guten Dinge am Redenschreiben ist ja, dass man sich bewusst macht, dass die Worte eigentlich gesprochen werden. Einen Klang und ein Gefühl müssen sie aber selbst dann transportieren, wenn man sie nur still liest. Daran werde ich mich auch in ­Zukunft orientieren. Übrigens lässt sich so erklären, warum es wichtig war, in meiner Amtszeit ab und zu einen Roman in die Hand zu nehmen. Ich las sonst ja vor allem Schriftsätze, Memos und Anträge, um mich auf das Tagesgeschäft vorzu­be­reiten. Weil man dabei immer nur die analytische Seite des Gehirns anstrengt, verliert man manchmal nicht nur die ­Poesie, sondern auch die Tiefe der ­Literatur aus den Augen. In diesen Momenten war Belletristik ganz gut, um mich an die Wahrheiten unter der Oberfläche unserer täglichen Diskussionen zu erinnern. Sie liess mich die unterschiedlichen Stimmen dieses Landes ­sehen und hören.

Können Sie Beispiele für solche Romane oder Schriftsteller nennen?
Mein letzter Roman war «The Underground Railroad» von Colson Whitehead. Der erinnert daran, wie der Schmerz der Sklaverei über Generationen weitergegeben wird, nicht nur offensichtlich, sondern wie er Gedanken und Herzen verändert.

Darüber haben Sie auch in Ihrer Abschiedsrede gesprochen und sich dabei auf Atticus Finch (den ­Rechtsanwalt in Harper Lees Buch «Wer die Nachtigall stört») bezogen. Sie sagten, die Menschen seien in ihren Blasen isoliert. Die Literatur könne das überwinden.
Sie baut Brücken. Ich zum Beispiel fühle mich Marilynne Robinson verbunden. Wir sind so etwas wie Brieffreunde. Ich hatte in lowa angefangen, sie zu lesen, wo «Gilead» und einige ihrer besten ­Romane spielen. Ich liebte es, wie sie die Menschen dort beschreibt, weil ich denen jeden Tag selbst begegnete. Sie beschreibt das Innenleben der Leute, denen ich jeden Tag die Hand schüttelte und vor denen ich Reden hielt, in einer Weise, dass ich darin meine eigenen Grosseltern erkannte, die vor ihrer Zeit in Hawaii in Kansas lebten und von ­ähnlichen Bedingungen geprägt worden waren. Es war nicht ein bestimmter ­Roman, der es mir während meiner Präsidentschaft leichter gemacht hat, mich in das Leben anderer Leute hineinzuversetzen, sondern das Lesen von Literatur im Allgemeinen. Es half, die richtigen Muskeln zu trainieren. Natürlich hat es auch Zeiten gegeben, in denen ich einfach nur aus meinem eigenen Kopf herauswollte (lacht). Manchmal braucht man Literatur ausschliesslich für gedankliche Ortswechsel.

Obama out – witzige Momente vor der Kamera.

Welche Bücher lasen Sie dann?
Es ist faszinierend, um abzuschalten, lese ich ganz verschiedene Sachen, ­Science-Fiction etwa. Da ist zum Beispiel diese dreibändige «Drei Sonnen»-Serie (von Cixin Liu). Unheimlich fantasievoll und interessant! Es geht weniger um Charakterstudien als um ein grosses Panorama.

Es geht um das Schicksal des Universums.
Genau. Das hat wirklich Spass gemacht, vor allem weil meine täglichen Probleme mit dem Kongress dagegen ­ziemlich klein wirkten – wie etwas, um das man sich keine Sorgen machen muss. Aliens marschieren ein! (lacht ) ­Einige Bücher mischen wirklich gutes Schreiben mit Thrillerelementen. «Gone Girl» zum Beispiel ist ein gut gebautes, gut geschriebenes Buch, fand ich. ­Lauren Groffs «Licht und Zorn» hat eine ähnliche Struktur. Ein wirklich starker Roman.

Ich mag Erzählstrukturen, bei denen man aus unterschiedlichen Perspektiven sehen kann.
Das muss ich in diesem Job auch. (lacht )

Gab es Bücher, auf die Sie in diesen acht Jahren immer wieder zurückgegriffen haben?
Shakespeare, würde ich sagen. Wie die meisten Teenager, die in der Highschool den «Sturm» oder anderes lesen mussten, dachte ich damals: Mein Gott, wie langweilig! Auf dem College belegte ich diesen wunderbaren Shakespeare-Kurs, wo ich dann begann, die Tragödien zu lesen und mich wirklich in sie zu vertiefen. Das hat mein Verständnis davon, wie sich bestimmte Muster zwischen Menschen immer wiederholen, grundlegend geprägt.

Beruhigt Sie das?
Es gibt mir Perspektive. Ich denke an Toni Morrisons Bücher, vor allem «Solomons Lied», wenn ich mir vorstelle, wie Menschen Leid erfahren. Dass es da aber nicht nur Schmerz gibt, sondern auch Freude, Grösse, Geheimnis. Es gibt Autoren, mit denen ich politisch nicht unbedingt einverstanden bin, aber deren Werke eine Art Basis sind dafür, wie ich politisch denke. V. S. Naipaul zum Beispiel. Sein Buch «An der Biegung des grossen Flusses» beginnt mit den Worten: «Die Welt ist, was sie ist. Männer, die nichts sind, die sich erlauben, nichts zu sein, haben in ihr keinen Platz.» Ich denke oft über diese Zeile nach und erinnere mich an Naipauls Romane, wenn ich an die Härte der Welt denke, besonders in der Aussenpolitik. Und ich kämpfe gegen diese sehr zynische Sicht der Welt. Doch es gibt Momente, in denen sie zuzutreffen scheint. Ich benützte Literatur also als eine Art Vorlage, um gegen sie zu argumentieren.

Obama liest Kindern eine Geschichte vor. Foto: Jason Reed (Reuters)

Ich habe gelesen, dass Lincoln Shakespeare liebte. Im Bürgerkrieg gaben ihm die Geschichtsdramen Trost und Abstand.
Lincolns Schriften tun das auch. Er ist ein sehr guter Autor. Seine Rede zum zweiten Amtsantritt ist einer der besten amerikanischen Texte. Eines der grossen Privilegien des Präsidenten ist es, dass im Lincoln Bedroom eines von fünf seiner handschriftlichen Exemplare der «Gettysburg Address» liegt. Abends kam es schon mal vor, dass ich hinüberging und darin las. Auf Perspektiven kommt es an. In einer Zeit, in der sich die Ereignisse so schnell entwickeln und wo so viel Information zirkuliert, war die Fähigkeit, innezuhalten und Abstand zu bekommen, von unschätzbarem Wert für mich – wie auch die Fähigkeit, sich in jemand anders hineinzuversetzen. Ich weiss nicht, ob mich das zu einem besseren Präsidenten gemacht hat, aber so konnte ich während der letzten acht Jahre das Gleichgewicht behalten. Dieser Ort hier geht dich nämlich hart an und schnell, und er lässt nicht locker.

Gibt es Texte, die Sie in bestimmten kritischen Situationen lasen? Nach dem Amoklauf in Newtown oder während der Finanzkrise?
Ich fand dann die Schriften von Lincoln, Martin Luther King, Gandhi oder Mandela besonders hilfreich. Es ging um Beistand. In schwierigen Momenten ist man in diesem Job sehr allein. Also hüpft man durch die Geschichte auf der Suche nach Menschen, die sich ähnlich allein fühlten. Churchill ist auch ein guter Autor. Und ich las gern Teddy Roosevelt.

Haben Sie viele Biografien früherer Präsidenten gelesen?
Die Biografien halfen mir, weil man ja immer denkt, was jetzt gerade passiert, ist auf einzigartige Weise desaströs oder erstaunlich oder schwierig. Da hilft es, sich daran zu erinnern, wie Roosevelt durch den Zweiten Weltkrieg steuerte oder wie Lincoln sich fragte, ob er George McClellan feuern sollte, als die Truppen der Rebellen 20 oder 30 Meilen entfernt waren.

Bei seiner Abschiedsrede dankt Obama Frau und Töchtern.

Was lesen Ihre Töchter?
Es freut mich, wenn ich beobachte, wie sie sich die Bücher vornehmen, die ich vor dreissig, vierzig Jahren gelesen habe. Weil ich will, dass sie eine Einstellung und Perspektive bekommen – nicht damit sie selbstzufrieden werden, sondern um ihnen das Selbstbewusstsein zu geben, dass entschlossene, mutige Menschen, die sich ein Herz fassen, Dinge verändern können. Das macht sie zu selbstbestimmten Menschen.

Welche Bücher würden Sie denn für diesen aufwühlenden Augenblick der Geschichte empfehlen?
Da sollte ich wahrscheinlich Sie fragen oder sonst jemanden, der Zeit hatte, die neuesten Bücher zu lesen. Ich muss ­gestehen, dass ich seit den Wahlen mehr zu tun hatte, als ich dachte. Deswegen freue ich mich auch schon darauf, mich bald in einen ganzen Berg Literatur zu vertiefen. Aber in einem bin ich mir ganz sicher: dass gerade in diesem Moment viele jüngere Autoren ein Buch schreiben, das ich lesen muss. (lacht) Die sind mir gerade um einiges voraus. Deswegen will ich in meiner Zeit nach der Präsidentschaft die nächste Generation Führungspersönlichkeiten nicht nur darin ausbilden, an Problemen wie Klimawandel, Waffengewalt oder der Reform des Justizsystems zu arbeiten. Ich hoffe, dass ich sie auch mit Zeitgenossen zusammenbringen kann, die Literatur und Sachbücher als wichtiges Element dieses Prozesses betrachten. Wenn ein so grosser Teil unserer Politik derzeit damit beschäftigt ist, diesen Kampf der Kulturen zu bewältigen, den Globalisierung, Technologie und Migration ausgelöst haben, dann ist die Aufgabe der Erzählungen, zu vereinen statt zu spalten, Menschen für sich einzunehmen statt sie auszuschliessen, wichtiger als je zuvor. Es ist etwas ganz Besonderes, beim Lesen über eine längere Zeit zur Ruhe zu kommen, ganz anders als bei Musik oder Fernsehen oder sogar den grossartigsten Filmen. Wir kämpfen ja alle mit einer Informationsüberflutung, mit dem Problem, dass wir viel zu wenig Zeit haben, das alles zu verarbeiten. Deswegen fällen wir ja auch so rasch Urteile, fallen auf Stereotype zurück, versperren uns bestimmten Dingen. Weil unser Hirn einfach nur versucht, durch den Tag zu kommen.

Technologie entwickelt sich so rasant.
Ich mache mir keine Sorgen darum, ob der Roman überlebt. Wir sind eine ­Spezies, die sich Geschichten erzählt. Ich glaube, dass eine der Aufgaben für unsere politischen Führer ist, eine bessere Geschichte über all das zu erzählen, was uns als Volk zusammenhält. Und Amerika ist da einzigartig, weil es all diese vollkommen verschiedenen Elemente zusammenbringen muss – wir sind kein einheitlicher Schlag, die Leute sind hier nicht alle zur selben Zeit an­gekommen. Was uns zusammenhält, ist eine Idee, und das ist eine Geschichte darüber, wer wir sind und was uns wichtig ist. Und ich will sicherstellen, dass das auch so bleibt.

Ich weiss, dass Sie Junot Diaz’ und Jumpa Lahiris Bücher mögen, die sich mit Einwanderung beschäftigen.
Lahiris und Diaz’ Bücher schildern diese – wie ich denke – universale Kombination aus der Sehnsucht, einen besseren Ort zu finden, zugleich aber sich fremd zu fühlen und dauernd in die Vergangenheit zu blicken. In diesem Sinne sind ihre Romane ganz direkt mit der amerikanischen Literatur verbunden. Einige der grossartigen Bücher jüdischer Autoren wie Philip Roth oder Saul Bellow sind von diesem Gefühl durchdrungen, ein Aussenseiter zu sein, von der Sehnsucht, dazugehören zu wollen, nicht sicher zu sein, was man aufgibt – was man bereit ist aufzugeben und was man nicht bereit ist aufzugeben. Dieser besondere Aspekt amerikanischer Literatur ist meiner Meinung nach heute immer noch von grosser Bedeutung.

Michiko Kakutani ist leitende Literaturkritikerin der «New York Times». Das Gespräch fand am vergangenen Freitag im Weissen Haus statt. Aus dem ­Englischen von Jonathan Horstmann und Julia Niemann.

© The New York Times 2017

Erstellt: 18.01.2017, 20:16 Uhr

Artikel zum Thema

Der Lotse geht von Bord

Analyse Barack Obama inszenierte in Chicago seinen Abschied: Nach zwei Amtszeiten hinterlässt er trotz Erfolgen ein zutiefst gespaltenes Land. Mehr...

Obamas beste Momente vor der Kamera

Video Politik mal beiseite: Barack Obama hat als Präsident in den letzten acht Jahren für äusserst witzige Momente gesorgt. Ein Best-of. Mehr...

Die Frau, die sich um Trumps Zahnpasta kümmert

Wenn ein US-Präsident für seinen Nachfolger Platz macht im Weissen Haus, geht alles nach Protokoll. Zuständig dafür ist Angella Reid. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Hochwasseralarm: Touristen im Gänsemarsch auf einem Laufweg auf dem Markusplatz in Venedig. (13. November 2019)
(Bild: Stefano Mazzola/Getty Images) Mehr...