Literatur war seine Lebensrettung

Peter Hamm war einer der bedeutendsten Kritiker. Über 20 Jahre war er Mitglied des «Literaturclubs».

Vom Knecht zum Dichter. Trotzdem blieb Peter Hamm stets bescheiden.

Vom Knecht zum Dichter. Trotzdem blieb Peter Hamm stets bescheiden. Bild: Keystone

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Für uns jüngere Kollegen, die ihm etwa bei den Kritikertreffen der «Bestenlisten»-Jury begegneten, war er wie eine Figur aus einer anderen Zeit. Der Aktualitätswahn, der Drang, neue Bücher schnell, schnell, möglichst als Erster zu besprechen, war ihm so fremd wie überhaupt jedes Haschen nach Aufmerksamkeit, das den Literaturbetrieb heute so stark bestimmt. Er konnte schwärmen von Zeiten, in denen Bücher von Böll oder Grass erst nach Wochen besprochen – aber dafür wirklich ernst genommen wurden. Wenn sieben Leute ein Buch lesen, kann das wichtiger sein, als wenn es 70'000 tun: Das war ein typischer Hamm-Spruch.

Er kam, trotz seines bis ins Alter fast jugendlichen Aussehens, tatsächlich aus einer anderen Zeit, kannte noch Dichter persönlich, die für uns Legenden waren: Paul Celan etwa oder Nelly Sachs, mit der ihn eine Brieffreundschaft verband. Das hatte mit seinem geradezu unverschämt jungen Eintritt in den Literaturbetrieb zu tun. 1954, mit 17 Jahren, erschienen erste Gedichte in der renommierten Literaturzeitschrift «Akzente». Zwei Jahre später las er beim Treffen der legendären «Gruppe 47».

Freundschaft mit Peter Handke

Von da an führte er ein ganz der Literatur geweihtes Leben: abgesichert als Redaktor beim Bayerischen Rundfunk (1964 bis 2002), konnte er die Grossen der Literatur treffen, Essays schreiben und sorgfältige, eindringliche Fernsehporträts drehen – über Ingeborg Bachmann oder Hermann Lenz, auch über Musiker wie Hans Werner Henze oder Alfred Brendel, über letzteren gar eine 13-teilige Serie «Brendel spielt Schubert». Besonders wichtig war ihm Peter Handke, dem er sich immer wieder widmete und mit dem er, soweit man das bei Handke sagen kann, befreundet war.

Peter Hamm verfügte über eine imponierende Bildung und ein besonderes Einfühlungsvermögen. Das war umso erstaunlicher, als er nicht im Kulturbürgertum gross geworden war. Seine Jugend kann man unbehaust nennen: Der Vater unbekannt, die Mutter starb, als er drei Jahre alt war, er wuchs bei den Grosseltern im Oberschwäbischen auf, rannte mit 14 aus einem Internat davon, arbeitete als Knecht in einem landwirtschaftlichen Betrieb, dann als Buchhändlerlehrling. Die Literatur war, so emphatisch kann man das sagen, seine Lebensrettung. Und was Literatur sein konnte, lernte er nicht auf der Universität, sondern bei den Dichtern selber.

«Ich bin kein Literaturkritiker», sagte er

Eine schlechte Schule war das offenbar nicht. Denn Peter Hamm wurde zu einer der letzten grossen Kritikerpersönlichkeiten unserer Zeit, an Kenntnis und Können vergleichbar mit einem Fritz J. Raddatz oder einem Joachim Kaiser. Aber er war ganz anders als diese, ein Solitär, der dem Betrieb skeptisch bis spöttisch gegenüberstand und an Positionskämpfen und Debatten überhaupt nicht interessiert war. Es ging ihm stets nur um die Texte und ihre Erfinder. «Ich bin kein Literaturkritiker», hat er sogar dezidiert gesagt. Zu sehr fühlte er sich wohl der anderen Seite nahe, den Künstlern, Musikern, Dichterinnen.

Wichtigen Jurys und Akademien hat er dennoch angehört, er war auch Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchnerpreis vergibt. Bezeichnend für ihn die zwei literarischen Fixsterne, auf die er immer wieder zurückkam: Fernando Pessoa und Robert Walser, zwei grosse Autoren, die sich gern klein machten.

Der Schweiz besonders verbunden

Der Schweizer Literatur war Peter Hamm über Walser hinaus besonders verbunden, dafür steht nicht zuletzt sein Band «Ins Freie! Wege, Umwege und Irrwege in der modernen Schweizer Literatur». Dem Fernsehpublikum, über 3sat auch dem Deutschen, hat er sich eingeprägt durch den Schweizer «Literaturclub», dessen Kritikerteam er von 1990 bis 2014 angehörte. Auch da setzte er sich mit grosser Kennerschaft für verkannte oder vergessene Autoren ein.

Nach einer Aufzeichnung des «Literaturclubs» verbrachte ich einen Abend allein mit ihm im Restaurant. Wir sprachen den ganzen Abend nur über Schubert – denn Hamm war auch ein versierter Amateurpianist. Und er blieb seinen Anfängen als Dichter treu. Einer seiner Gedichtbände hiess «Die verschwindende Welt». Jetzt ist er selbst verschwunden. Am Montag ist Peter Hamm gestorben, er wurde 82 Jahre alt.

Erstellt: 23.07.2019, 21:09 Uhr

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