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Literaturnobelpreis für Tomas Tranströmer

Das Komitee würdigte den Schweden als einen der «grössten Poeten unserer Zeit» – doch Marcel Reich-Ranicki kennt ihn nicht. Lesen Sie hier ein Gedicht von Tranströmer.

Keine Ideologien, sondern Visionen: Tomas Tranströmer.
Keine Ideologien, sondern Visionen: Tomas Tranströmer.

«Durch seine dichten, erhellenden Bilder verschafft er uns einen neuen Zugang zur Wirklichkeit», hiess es in der Begründung der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften am Donnerstag in Stockholm. Tranströmer, der 1990 einen Schlaganfall erlitten hatte, durch den er halbseitig gelähmt und sprechbehindert ist, veröffentlichte zuletzt 2004 die Gedichtsammlung «Das Grosse Rätsel».

Seit Jahren galt Tranströmer als einer der möglichen Anwärter auf den mit zehn Millionen Kronen (1,3 Millionen Franken) dotierten Literaturnobelpreis. Schwedische Journalisten hatten deshalb alljährlich am Tag der Bekanntgabe vor seiner Wohnung in Stockholm Stellung bezogen.

Auch wissenschaftlich an der Seele interessiert

Zu Tranströmers bekanntesten Werken zählen «Klanger och spår» (Klänge und Spuren, 1966) und «Östersjöar» (Ostseen, 1974). Auf deutsch sind unter anderem der Gedichtband «Für Lebende und Tote» und die Memoiren «Die Erinnerungen sehen mich» erschienen.

Tomas Tranströmer wurde am 15. April 1931 als Sohn einer Volksschullehrerin und eines Journalisten in Stockholm geboren. Er studierte Literaturgeschichte und Poetik, Religionsgeschichte und Psychologie an der Uni Stockholm. Zu dieser Zeit veröffentlichte er auch seine ersten Gedichte in verschiedenen Zeitschriften.

1954 erschien die erste Gedichtsammlung, eines der meistbeachteten Debüts des Jahrzehnts. Dennoch sollte es noch fast drei Jahrzehnte dauern, ehe die Kritik auch international auf Tranströmer aufmerksam wurde.

Der Verdichter

1958 heiratete Tranströmer Monica Bladh, mit der er bis heute in Stockholm lebt. Mit den folgenden Gedichtsammlungen Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre festigte er bei Kritik und Leserschaft den Ruf als einer der bedeutendsten Lyriker seiner Generation.

Zu dieser Zeit arbeitete Tranströmer zunächst als Anstaltspsychologe für jugendliche Strafgefangene. Von 1966 bis zu seinem ersten Schlaganfall war er halbtags als Berufsberater in verschiedenen Arbeitsämtern tätig. Robert Bly machte den Dichter schliesslich in den USA bekannt.

Heute liegen Texte von Tranströmer in über sechzig Sprachen vor. Die meisten zeichnen sich durch Schlichtheit, Konkretion und treffende Metaphern aus. «Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges», meinte der Kritiker Heinrich Detering in der «FAZ» über Tranströmers «Das grosse Rätsel». Der schwedische Schriftstellerkollege Lars Gustafsson schrieb in «Dagens Nyheter»: «Er ist ein Mystiker, ein Dichter, der Null gesehen hat, den leeren Punkt im Zentrum, ohne den nichts ist.»

Visionen statt Ideologien

Im Gefolge der 68er-Bewegung hatten sich viele Leser von Tranströmer abgewandt. Seine zuversichtliche, wenig konfrontative Poesie leiste keinen Beitrag zu den Tagesdiskussionen, lautete der Vorwurf der Kritiker damals. Tranströmer hatte gekontert, dass sein Schaffen nicht auf Ideologien, sondern auf Visionen zurückzuführen sei. Heute zieht Tranströmers Genie niemand mehr in Zweifel. Laut Schwedens grösster Zeitung «Aftonbladet» ist er der «Poet, den alle lieben».

Monica Bladh-Tranströmer, Ehefrau des schwedischen Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer, hat die Auszeichnung «als Riesenüberraschung» bezeichnet. In einem Telefoninterview mit dem TV-Sender SVT sagte sie für ihren 80- jährigen Mann, der nach Schlaganfällen sein Sprachvermögen weitgehend verloren hat: «Tomas ist unglaublich froh, aber auch überwältigt». Er sei auch «unglaublich überrascht» und habe mit dem Nobelpreis schon seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr gerechnet: «Wir dachten, dass es eigentlich viel zu kompliziert mit der Vergabe an einen schwedischen Autoren sein würde.»

Nachfolgend das Gedicht «Heimwärts» von Tomas Tranströmer:

Ein Telephongespräch lief in die Nacht aus und glitzerte im Land und in den Vorstädten. Danach schlief ich unruhig im Hotelbett. Ich ähnelte der Nadel eines Kompasses, den der Orientierungsläufer mit pochendem Herzen durch den Wald trägt.

(Übersetzung: Hanns Grössel, aus dem Band «Tomas Tranströmer: Gedichte. Ausgewählt von Raoul Schrott, Siegfried Völlger und Michael Krüger». Hanser, München 2000. 48 Seiten.)

SDA/phz

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