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Man kann auch mit sich selbst fremdgehen

Die Tücken der Monogamie und des Fremdgehens werden normalerweise in Lifestylemagazinen abgehandelt. Nun fragen zwei Basler Philosophen nach den philosophischen Implikationen unseres Beziehungslebens.

Ewige Treue – gibt es vielleicht philosophische Gründe, warum dieses Versprechen so schwierig einzuhalten ist?
Ewige Treue – gibt es vielleicht philosophische Gründe, warum dieses Versprechen so schwierig einzuhalten ist?

Gross ist jeweils das geheuchelte Entsetzen, wenn Personen des öffentlichen Interesses beim Fremdgehen erwischt werden. Die öffentliche Meinung ist mit moralischen Verurteilungen schnell zur Hand, wenn jemand nicht in die Norm passt, weil ein Mann nicht auf Liebhaberinnen verzichten will, oder eine Frau eine Beziehung zu einem viel jüngeren Liebhaber pflegt oder wie im Fall der Schauspielerin Tilda Swinton gar offiziell verschiedene Liebesbeziehungen parallel führt. Die monogame Beziehung ist nach wie vor die Norm und wer davon abweicht, erntet Misstrauen.

Philosophische Grundverzweiflung

Doch in den Ratgeberkolumnen von Lifestylemagazinen, in den Praxen von Psychologen und Lebensberatern zeigt sich die Kehrseite des Dogmas. Denn so sehr wir uns nach der exklusiven Beziehung sehnen, so oft scheitern wir an diesem Anspruch. Zu den Stichworten offene Beziehung oder Polyamorie gibt es inzwischen eine Fülle von Literatur, die sich hauptsächlich mit den Fussnoten auseinandersetzt. Etwa der Frage, wie wir mit Gefühlen wie Eifersucht umgehen oder wie sich Familien organisieren lassen, wenn Mann und Frau sich nicht exklusiv lieben. Die Philosophen Dominique Zimmermann und Imre Hofmann eröffnen in ihrem Buch «Die andere Beziehung» eine philosophische Perspektive auf das Thema.

Zimmermann und Hofmann betreiben beide eine philosophische Praxis, jene Form der Lebensberatung, in der es nicht primär um Wissensvermittlung geht, sondern darum, das Denken über Phänomene anzuregen. Entsprechend fächern Zimmermann/Hofmann das komplexe und emotionale Thema von der theoretischen Ebene her auf. Ausgangspunkt war dafür eine Vortragsreihe, bei der die beiden Autoren ihre Thesen einem Publikum präsentierten, um Gesichtspunkte aus der Diskussion aufzunehmen und in die Texte einfliessen zu lassen. Ziel war es, eine universelle Beziehungsethik zu entwerfen, nicht im Sinne konkreter Tipps, sondern indem sie eine Auslegeordnung schaffen und nach den Voraussetzungen und Hintergründen fragen. Mit dem Resultat, dass der Leser sich am Schluss in der philosophischen Grundverzweiflung wiederfindet. Nämlich zu wissen, dass man überhaupt nichts weiss.

Beziehung als unabhängige Einheit

Doch damit beginnt das Philosophieren ja auch erst. Die Autoren zielen auf die grosse Perspektive, während ihre Gedanken auch durch persönliches Erleben ganz praktisch motiviert sind. Letztlich fragen sie nach der Bedingung der Möglichkeit von Liebesbeziehungen selbst. Da wird etwa der Frage nachgegangen, was Liebe überhaupt bedeutet, woher unser romantisches Modell der Liebesbeziehung kommt, die wir oft als Naturgewalt erleben und dabei vergessen, dass auch unsere Vorstellungen Produkte der soziokulturellen und historischen Bedingungen sind, in die wir hineingeboren wurden. Und obschon dieses Wissen alleine kaum ausreicht, um das tatsächliche Empfinden und Verhalten unmittelbar zu ändern, hilft es doch, es zu verstehen, und ist damit die Basis, dem eigenen Verhalten, den eigenen Wünschen und Möglichkeiten auf die Spur zu kommen.

Neben der theoretischen Auslegeordnung gibt das Buch da am meisten her, wo die Autoren mit eigenen Thesen arbeiten. Etwa dem Gedanken, dass Beziehungen mit ihrer Eigenwirklichkeit, ihrer eigenen Geschichte und den spezifischen Zukunftserwartungen sich als «dritter Körper» beschreiben lassen, der abhängig von der Bereitschaft der Beteiligten wächst oder schrumpft. Dass Beziehungen nie einfach zu Ende sind, sondern vor allem die Beziehungsformen sich ändern. Oder dass «Fremdgehen» auch als Figur gedeutet werden kann, die nicht Verhältnisse zu andere Menschen, sondern auch zu sich selbst betrifft. «Sofern die anderen die uns Fremden sind, gehen wir ständig fremd, ja, wir gehen sogar fremd mit uns selber, da auch wir nicht dieselben bleiben und in jeder Konstellation wieder anders sind.»

Wer konkrete Tipps für eine offene Beziehung sucht, wird bei Zimmermann/Hofmann nicht bedient. Dennoch eröffnet das ernsthafte Nachfragen nach dem Wesen von Beziehungen, den Grundlagen herkömmlicher oder neuer Beziehungsmodelle, den Herausforderungen des Neuen einen besonderen Zugang zum Thema Beziehung.

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