«Man sprach über Zyankali wie über Rotwein»

Tausende Deutsche brachten sich zu Ende des Zweiten Weltkriegs um. Autor und Historiker Florian Huber über seine Recherchen zum Buch und die Propaganda-Lüge von Hitlers Tod «im Kampf».

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Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, begingen Deutsche massenhaft Suizid. Warum?
Die Angst vor Rache, zumal seitens der Sowjets, war gross und keineswegs unbegründet. Die Berichte von Front-Rückkehrern und Flüchtlingen liessen die Deutschen ahnen, was sie nun erwartete. Die jahrelange Angstpropaganda steigerte diese Furcht vor den angeblichen «russischen Untermenschen» ins Panische. Weltherrschaft oder Weltuntergang, das waren laut offizieller Doktrin die einzigen Optionen, die die Deutschen hatten. Hitler machte früh klar, dass er eine Niederlage nicht überleben wollte. Anfang 1945 war eindeutig, welche der beiden Optionen übrig geblieben war. Und drittens war da durchaus bereits ein Unrechtsbewusstsein vorhanden. Vielen war bewusst, dass sie in den letzten 12 Jahren an einem monströsen Verbrechen teilgenommen hatten.

Welche Bedeutung hatte der Selbstmord innerhalb der faschistischen Ideologie?
Eine wechselhafte. Anfänglich gabs für Deutsche ein eigentliches Selbstmordverbot, weil ja durch Suizid wertvolles Volksgut verloren ginge. Als sich die Kriegslage verschlechterte, kams zu einer Umkehr: Nun wurde das Selbstopfer propagiert. 1945 wurde dann ganz selbstverständlich darüber gesprochen, wie man sich umbringen würde. Eine Zeitzeugin erinnert sich, dass Hitlerjungen bei Theaterausgängen Zyankalikapseln als Mitbringsel verteilt hätten. Man traf sich im Gang und unterhielt sich über mögliche Selbstmordarten; man sprach über Zyankali wie über Rotwein. Ging man einkaufen, trug man die Giftampulle selbstverständlich mit sich.

Warum Zyankali? Welche Selbstmordarten waren ansonsten populär?
In der NS-Elite wie bei Durchschnittsdeutschen war Zyankali sehr verbreitet, weil jeder Dorfapotheker das Gift relativ einfach herstellen konnte und die Todeswahrscheinlichkeit sehr hoch war. Ein weniger sicheres, komplexeres Gift war Strychnin. Andere haben ihren Gasofen aufgedreht, sich erschossen oder selbst ertränkt; in der ostdeutschen Stadt Demmin etwa gingen um den 30. April in einer Massenpanik Hunderte ins Wasser. Die statistische Verteilung der verschiedenen Selbstmordarten ist aber noch unerforscht. Ebenso wenig weiss man exakt, wie viele Deutsche sich 1945 umgebracht haben; es müssen Zehntausende gewesen sein.

Auch Hitler brachte sich am 30. April 1945 um. Glaubten die Menschen der Propaganda-Lüge, dass er «im Kampf gefallen» sei?
Interessanterweise war Hitlers Selbstmord für die Deutschen kaum von Bedeutung. Viele erreichte die Propaganda nicht mehr, den meisten wars zu diesem Zeitpunkt schlicht gleichgültig. Sie waren apathisch; die äussere Zerstörung Deutschlands korrespondierte mit der seelischen Verheerung der Deutschen. Die Deutschen hatten damals zwölf Jahre emotionalen Ausnahmezustand hinter sich, durch die Zumutungen des Krieges und die permanente emotionale Aufpeitschung durch die Propaganda.

Ihr Buch fasziniert auch wegen dieser apokalyptischen Szenerie. Mussten Sie sich als nüchterner Historiker zurückhalten, um nicht auf literarische Abwege zu geraten?
Nein. Die Quellen – vor allem Tagebücher – haben mich tief beeindruckt. Sie waren ungeheuer plastisch. Das kam mir entgegen, weil ich von Anfang an keine akademische Arbeit, sondern eine historische Reportage schreiben wollte; deshalb recherchierte ich auch das Wetter bestimmter Tage et cetera. Ich wollte damit verstehbar machen, wie die Deutschen in eine solch selbstmörderische Stimmung geraten konnten.

Sie räumen den Schilderungen des Schweizers René Juvet grossen Platz ein. Warum?
Juvet ist eine aussergewöhnliche Quelle. Als Schweizer hatte er eine Aussenseiterperspektive, und zugleich verblieb er ja sehr lange im untergehenden Dritten Reich. Noch reizvoller werden die Tagebücher Juvets, weil er sich selber ganz bewusst als Beobachter verstand. Er schreibt: «Meine Gefühle spielen hier keine Rolle. Sondern darum, das Verhalten meiner deutschen Mitbürger möglichst exakt zu beschreiben.»

Das Dritte Reich ist verständlicherweise das Hauptbeschäftigungsfeld deutscher Historiker. Warum blieb die Selbstmordwelle so lange unbeachtet?
Sie fiel durch ein Raster. Die Geschichtsschreibung fokussierte lange Zeit auf Täter und Opfer, auf Henker und Helden. Diese Selbstmörder waren jedoch weder das eine noch das andere. Vielleicht verschiebt mein Buch den Fokus ja nun etwas auf die durchschnittlichen Deutschen; das grosse Interesse am Buch, das mich sehr überrascht hat, lässt darauf hoffen. Welche Eindrücke hinterliess bei diesen unauffälligen Deutschen Hitlers Wahnsinnsstaat? Wie versuchten sie, ein normales Leben zu führen? Was verstanden sie überhaupt unter einem solchen Leben? Die Antworten darauf finden sich in den vielen, noch wenig beachteten Tagebüchern und Erinnerungen.

Erstellt: 09.03.2015, 14:28 Uhr

Florian Huber (*1967) hat über die britische Besatzungspolitik in Deutschland promoviert. Er hat mehrere historische Sachbücher verfasst und Dokumentarfilme für ARD, ZDF und Arte gedreht. (Bild: Carsten Schilke)

Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschiesst. Der Untergang der kleinen Leute 1945. Berlin 2015. Zirka 35 Franken, 304 Seiten.

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