Manchmal musste er ob allem weinen

Literaturkritiker Rüdiger Safranski hat sich Friedrich Hölderlins eigenwilliger Biographie angenommen.

Friedrich Hölderlin beschrieb sich selbst als Mann von «wächserner Weichheit». Foto: Alamy Stock Photo

Friedrich Hölderlin beschrieb sich selbst als Mann von «wächserner Weichheit». Foto: Alamy Stock Photo

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«Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Tränen gekostet, da ich mich entschloss, mein Vaterland jetzt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab ich lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen.» Am liebsten hätte Friedrich Hölderlin (1770–1843) nämlich nicht nur für die Dichtung, sondern auch von ihr gelebt.

Da ihm die Erfüllung dieses Wunsches verwehrt blieb, musste er sich als Hauslehrer, meist glücklos, bei adligen Herrschaften verdingen – in Deutschland, einmal auch in der Schweiz. Die längste Reise stand da noch bevor: Im Herbst 1801 vermittelte ihm ein Freund eine Hofmeisterstelle in Bordeaux beim hamburgischen Konsul Daniel Christoph Meyer. Das Jahresgehalt von 500 Gulden war das höchste, das ihm bis dahin angeboten wurde.

Zu Fuss durch den Winter

Eindrücklich erzählt der Biograf Rüdiger Safranski von der äusserst beschwerlichen Reise vom schwäbischen Nürtingen über Lyon nach Bordeaux. Friedrich Hölderlin läuft am 10. Dezember 1801 zu Hause los und kommt am 28. Januar 1802 an. «Er nahm den verschneiten Weg über den Hochschwarzwald, an Freudenstadt vorbei. Beim Grenzübertritt in Strassburg gab es Schwierigkeiten. In Frankreich war es wieder einmal zu Unruhen gekommen.» Das nachrevolutionäre Land befand sich in Aufruhr, und überall lauerten Gefahren: Räuberbanden, die ihr Unwesen trieben, ­versprengte Kämpfer, aber auch Überschwemmungen und lebensfeindliche Kälte.

«Auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bette – da hab ich auch ein Gebet gebetet, das bis jetzt das beste war in meinem Leben und das ich nie vergessen werde.» Er fühle sich wie ein Neugeborener, der den Lebensgefahren entronnen sei, schreibt Hölderlin seiner Mutter, als er in Bordeaux angekommen ist. Safranski vermutet, dass der überempfindliche Dichter auf dem wochenlangen Fussmarsch Schreckliches erlebt hat, über das er wohl nur in Andeutungen zu sprechen vermochte.

Der Tübinger Schreinermeister Ernst Zimmer beschloss bei einem Besuch in der psychiatrischen Klinik, den Schriftsteller bei sich aufzunehmen.

Dass diese Erlebnisse alles andere als zur Stabilisierung seines labilen Zustandes beitrugen, versteht sich von selbst. Als Hölderlin schon nach zwei Monaten wieder nach Hause zurückkehrt, stellen einige Bekannte wie Karl Gok «deutlichste Spuren seiner Geisteszerrüttung» fest. 1805 gibt der in den Dichter verliebte Isaak von Sinclair zu Protokoll, «dass Hölderlin schon seit drei Jahren an Wahnsinn leidet». Und Friedrich Wilhelm Schelling war entsetzt, als er den ehemaligen Schulfreund traf: «Es war ein trauriges Wiedersehn, denn ich überzeugte mich bald, dass dieses zart besaitete Instrument auf immer zerstört sei.»

Angesichts des zerrütteten Gesundheitszustandes zieht Friedrich Hölderlin – wie dann 80 Jahre später sein Bewunderer Friedrich Nietzsche – nach Hause zu seiner Mutter. Von dort geht es weiter ins Autenriethsche Klinikum in Tübingen, wo er von September 1806 bis Anfang Mai 1807 bleibt.

Die Mutter verstand ihn nicht

Die zweite Hälfte seines Lebens verbringt Friedrich Hölderlin mehrheitlich in einem Turm direkt am Ufer des Neckars. Der Tübinger Schreinermeister Ernst Zimmer, ein Verehrer seiner Dichtungen, beschloss bei einem Besuch in der psychiatrischen Klinik, den Schriftsteller bei sich aufzunehmen. «Hölderlin war und ist ein grosser Naturfreund und kann in seinem Zimmer das ganze Neckartal samt dem Steinlacher Tal übersehen.»

In seinen letzten 36 Jahren hat der Dichter wenig geschrieben, was von Bedeutung ist, darunter so ergreifende Worte wie: «Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,/ Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,/ April und Mai und Julius sind ferne,/ Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!» Und wenn die zahlreichen Gäste, die ihn besuchten, sich einige Zeilen von ihm wünschten, dann erfüllte er ihnen meistens den Wunsch.

Die Biografie von Safranski packt einen insbesondere dann, wenn das konkrete Leben dieses unglücklichen Dichters plastisch geschildert wird. Da bekommt der Leser einen Eindruck von dem entbehrungsreichen Dasein, welches der Schriftsteller führte. Seine reiche Mutter hatte kein Verständnis für die Situation des Sohnes, weil er ihre Erwartungen nicht erfüllte: Pfarrer sollte er werden und nicht die brotlose Kunst des Dichters ausüben.

Schwere Lyrik

Weniger überzeugen diejenigen Passagen, in denen der Biograf die poetischen Werke Hölderlins zu interpretieren versucht. Im Unterschied zu seinen Arbeiten über Philosophen wie Martin Heidegger oder Arthur Schopenhauer tut sich Rüdiger Safranski mit Lyrik schwerer. Manchmal fühlt man sich an germanistische Vorlesungen erinnert: Die ausführlichen Zusammenfassungen und Deutungen von Gedichten unterbrechen den Lesefluss.

So bleibt ein halber Hölderlin: eine sehr anschaulich gemachte Lebenswelt, die im unbedingten Willen gipfelt, der spät geborene Dichter der griechischen Götter zu sein. Beeindruckend ist die Kompromisslosigkeit des Dichters, angesichts politischer und ökonomischer Unsicherheiten das Leben aufs Spiel zu setzen – zumal die Anerkennung durch eine breite Leserschaft ausblieb.

Hölderlin sah sich als Mann von «wächserner Weichheit», der «in gewissen Launen ob allem weinen kann». Wozu ihn diese Veranlagung in künstlerischer Hinsicht befähigte, das macht die Biografie genauso deutlich wie die Gefahren für die psychische Entwicklung.

Erstellt: 18.10.2019, 18:33 Uhr

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