Ihr Buch über Sex-Sucht ist eine Wucht

Autorin Leila Slimani ist in Frankreich ein Star. Ihr Roman über eine Nymphomanin ist jetzt auf Deutsch erschienen. 

«Es ist seltsam, wie viele Menschen Promiskuität mit Freiheit gleichsetzen»: Leila Slimani. Foto: Lionel Bonaventure (AFP)

«Es ist seltsam, wie viele Menschen Promiskuität mit Freiheit gleichsetzen»: Leila Slimani. Foto: Lionel Bonaventure (AFP)

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Es ist so, als würde man erst ­Beethovens «Fünfte» und dann seinen sinfonischen ­Erstling kennen lernen. Nun, im grenzübergreifenden Buchverkehr kommt so etwas häufiger vor. Leila Slimani gewann 2016 den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis, ihr Preisbuch, «Chanson douce», wurde flugs übersetzt. Der Roman begann mit einem Doppelmord: Eine Nanny tötete die ihr anvertrauten Kleinkinder. Das war der literarische Paukenschlag, und mit diesem «Tatata-taaa» schlug das Buch unter dem Titel «Dann schlaf auch du» auch bei uns ein.

Leila Slimani, 37, Französin marokkanischer Herkunft, hat auch eine Recherche über das ­Sexualleben maghrebinischer Frauen veröffentlicht. Jung und schön, redegewandt und streitbar, ist sie wie gemacht für eine politisch-literarisch-feminis­tische Ikone oder, wie man heute sagt, ein «role model». ­Tatsächlich hat ihr Emmanuel Macron das Kulturministerium angeboten. Sie will aber lieber schreiben – und das kann sie fantastisch.  

Das spürt man auch in ihrem Debütroman von 2014, den man jetzt auf Deutsch lesen kann. «Dans le jardin de l’ogre», so der Originaltitel, heisst jetzt: «All das zu verlieren». Das droht Adèle, 35, verheiratet mit einem erfolgreichen Arzt, Mutter des drei­jährigen Lucien, natürlich – wir sind in Frankreich – berufstätig: Journalistin mit Schwerpunkt Nordafrika (was die Autorin auch einmal war). Da gibt es also ­einiges zu verlieren.

Das Stöhnen, die Schreie

Adèle ist süchtig. Nach Männern. Sie kämpft dagegen an, zwingt sich zu ein paar Tagen Enthaltsamkeit, aber dann holen die Fantasien sie wieder ein. «Sobald sie die Augen schliesst, hört sie die Geräusche: das Stöhnen, die Schreie, das Klatschen der ­Körper. Ein nackter, keuchender Mann, eine Frau, die kommt. Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar ­verschlungen.»

Und so holt sie sich die ­Männer – Zufallsbekanntschaften auf der Strasse, in einer Bar, in Chatrooms; ihren Ressortleiter (auf dem Konferenztisch), den Chef ihres Mannes, den Freund ihrer besten Freundin. Mal wahllos, mal gezielt. Immer haarscharf an der Entdeckung, am Skandal vorbei. Das Doppelleben euphorisiert sie und versetzt sie in Panik; das Verlangen peitscht sie voran. Es ist eine ewige Flucht nach vorn.

Was sie antreibt, ist das Verlangen nach dem Verlangen der Männer; sie will begehrt werden und sich dadurch selbst erleben. So viel begreift man – und viel ist das nicht, aber auch Adèle begreift nicht besser, warum sie sich so verhält, wie sie es tut. Die Autorin ist ganz nah an ihr dran, die Gehetztheit und Getriebenheit der Heldin übersetzt sich in eine gehetzte, getriebene Prosa, im Präsens von Moment zu Moment jagend. «Sie kann das Handy auf gar keinen Fall vergessen haben. Wenn, dann muss sie wieder nach Hause fahren, eine Ausrede erfinden, sich irgendwas überlegen. Aber nein, da ist es.»

Macht, Banalität und Ekel prägen ihr «erstes Mal» und damit auch Adèles «Karriere». 

Keine Zeit zur Reflexion. Und Leila Slimani stülpt ihrer Figur auch keine besserwisserischen Erklärungen über. Es gibt nur Hinweise, in sparsam gesetzten Rückblicken. Da fährt die 10-jährige Adèle mit ihrer Mutter nach Paris (es sind Provinzler aus Boulogne-sur-Mer), wird erst im Hotel allein gelassen und später, zur Illustration von was auch ­immer, durch das Amüsier­viertel Pigalle geführt. Abscheu und ­Attraktion verbinden sich zu einem «magischen Gefühl». ­Später lässt sich die 15-Jährige von einem unbeholfenen Jungen in einer Garage auf schimme­ligen Handtüchern entjungfern. Macht, Banalität und Ekel prägen den Moment – und vielleicht auch Adèles «Karriere».

Weibliches Begehren, zumal wenn es «zügellos» ist, fasziniert seit langem Autoren wie Fil­memacher (von «Belle de Jour» bis zu «Nymphomaniac»); die ­jahrtausendelange Unterdrückung der weiblichen Sexualität durch religiöse und kulturelle Normen macht das Sujet noch heute skandalfähig. Dass sich verstärkt Autorinnen seiner annehmen – in der Schweiz gerade etwa Corinna Sievers –, wird das zweifellos ändern.

Korrumpierte Milieus

Für Adèle ist ihre Nymphomanie jedenfalls kein aushaltbarer ­Zustand. Der Frieden einer bourgeoisen Existenz aber auch nicht: Den ersehnt und verabscheut sie zugleich. Richard, ihrem gutmütigen Mann, würde sie manchmal am liebsten «den Bauch aufschlitzen». Für Richard wiederum ist Adèle – klar, die Sache fliegt schliesslich auf – einfach «krank» und braucht einen Therapeuten. (Die ihm gewidmeten Passagen sind auch literarisch etwas schwächer.)

Leila Slimani selbst enthält sich eines moralischen Urteils; sie führt uns so nah an Adèle heran, taucht uns so tief in ihre zerrissene Persönlichkeit, dass es schmerzt. Ganz nebenbei schenkt sie uns scharfe Seitenblicke auf die französische Gesellschaft: Ätzende Beobachtungen gelten etwa dem «gepflegten Hedonismus» des gehobenen Bürgertums ebenso wie der Kumpanei und dem Zynismus, die in den korrumpierten Milieus des Journalismus und der Politik herrschen. Auch Leila Slimanis «Erste» ist also: ein Wurf.

Leila Slimani: All das zu verlieren. Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand, München 2019. 218 S., ca. 34 Fr.

Erstellt: 28.05.2019, 19:09 Uhr

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