Mein Kerngeschäft besteht aus Nichtstun

Peter Stamm sagte in seiner Rede zur Eröffnung von Zürich liest’15, warum man schreiben und lesen sollte. Auch wenn beides wenig zur realen Welt beiträgt.

Dann passiert erst einmal lange Zeit – gar nichts: Peter Stamm in seiner Schreibstube in Winterthur. Foto: Vera Hartmann (13 Photo)

Dann passiert erst einmal lange Zeit – gar nichts: Peter Stamm in seiner Schreibstube in Winterthur. Foto: Vera Hartmann (13 Photo)

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Stellen Sie sich einen typischen Tag in meinem Leben vor: Ich stehe auf, schicke die Kinder zur Schule, koche mir eine Kanne Tee und setze mich auf den bequemsten Stuhl im Haus. Ich klappe meinen Laptop auf, und dann . . . geschieht lange gar nichts mehr.

Ich habe kürzlich, um die Zeitrafferfunktion meiner neuen Kamera zu testen, ein Video von mir selbst beim Schreiben gemacht. Eine Stunde Schreibarbeit gerafft auf eine Minute. Ich hätte besser eine sich öffnende Blüte gefilmt, es wäre spannender gewesen. Wenn ich am Mittag dreitausend Zeichen, also ungefähr zwei Seiten geschrieben habe, bin ich zufrieden. Das sind in etwa zwei Worte pro Minute.

Es gibt wohl kaum Autoren, die sich noch nie geschämt haben.

Natürlich mache ich noch ganz viel anderes, ich bin ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Kleinunternehmer, aber es lässt sich nicht leugnen: Mein Kerngeschäft besteht aus Nichtstun. Aus Nachdenken, könnte man beschönigend sagen, aber der Zustand des Schreibens ist dem Tagträumen näher. Als Mitglied der Grünen Partei kann ich wenigstens für mich in Anspruch nehmen, bei der Arbeit sehr viel weniger Energie zu verbrauchen als etwa ein Eisenleger oder ein Linienpilot.

Menschen bauen Maschinen, planen Häuser, heilen Krankheiten, backen Brot, pflanzen Bäume. Sie erweitern die Welt, machen sie schöner oder erträg­licher oder bequemer. Schriftsteller hingegen schaffen andere Welten. Das ist nicht wenig, aber es gibt wohl kaum einen Autor, der sich nicht schon geschämt hat, nicht viel zur realen Welt beizutragen.

Literatur hat keinen Zweck

Pragmatiker mögen sagen, auch ein Buch sei Teil der Welt, unterhalte, beglücke, belehre die Menschen. So leicht lassen wir uns nicht täuschen. Der Produktcharakter des Buches ist für den Verlag, für den Handel, sogar für den Autor als wirtschaftliches Subjekt von Bedeutung, aber kein ernsthafter Autor denkt während des Schreibens daran. So sehr die Leserinnen und Leser unsere Texte lieben mögen – es bleibt, Literatur hat keinen Zweck, keine Funktion im ­Räderwerk der Welt.

Wie oft habe ich diesen Satz in Interviews mit Schriftstellern gelesen: «Ich bin ein fauler Mensch.» Und das von Schreibenden, die durchaus ein umfangreiches Werk vorzuweisen hatten. Schreiben, schienen sie zu meinen, ist keine Arbeit. Wir sind die Heuschrecken aus der Sage von Äsop: Wir machen im Sommer Musik, aber wenn es Winter wird, lachen die fleissigen Ameisen uns aus: «Hast du im Sommer singen und pfeifen können, so kannst du jetzt im Winter tanzen und Hunger leiden, denn das Faulenzen bringt kein Brot ins Haus.» Dass viele Schriftsteller im ­Nebenjob Ameisen sind, um den ewigen Winter ihres Daseins zu überstehen, ist eine andere Geschichte.

Wie aber gehen wir mit dem Wissen um unsere Bedeutungslosigkeit um? Die einen flüchten sich in die Selbststilisierung, werden zu Schriftsteller-Darstellern, zu Schwierigen, Unnahbaren, Zerknirschten; zu Aussenseitern halt, von denen ohnehin niemand etwas erwartet und deren Leiden ihre Unproduktivität rechtfertigen soll. Andere schreiben so dicke Bücher, dass man gar nicht anders kann, als ihren Fleiss und ihre Ausdauer zu bewundern. Manche Autoren prahlen damit, dass das Schreiben so erschöpfend sei wie die Besteigung des Mount Everest.

Posieren in Unterhosen

Aber was heisst das schon? Bei allem Respekt für sportliche Leistungen: Jeder, der schreibt, weiss, dass ein Text, der in sechs Monaten entstanden ist, viel besser sein kann als einer, an dem man fünf oder zehn Jahre gearbeitet hat. Deshalb bezahlen uns die Verlage nicht im Stundenlohn.

Eine dritte Taktik ist das Auftrumpfen mit ausserliterarischen Leistungen. Als hätte er auf seine Texte nicht stolz sein können, stilisierte Ernest Hemingway sich zum Grosswildjäger, zum Tiefsee­fischer und Kriegshelden. Georges Simenon, ebenfalls ein wunderbarer Autor, der noch dazu mit gegen vierhundert Romanen einer der fleissigsten war, prahlte statt mit der Zahl seiner Bücher lieber mit den Frauen, mit denen er ­geschlafen hatte. Oscar Wilde machte aus der Not eine Tugend, wenn er behauptete, er habe sein ganzes Genie auf sein Leben verwendet und auf sein Werk nur das Talent. Hermann Hesse liess sich beim Nacktklettern fotografieren, Frank Schätzing, zu dem mir kein passendes Adjektiv einfällt, beim Posieren in Unterhosen.

Wer keine Löwen jagen will und kein Sixpack hat, kann sich immer noch als Intellektueller versuchen, als Kommentator, Essayist, als moralische Instanz. Literatur ist gut und schön, aber gesellschaftlich relevant ist nur ein Text, in dem auch eine Meinung transportiert wird. Und da Meinungen billiger zu haben sind als Fakten, sind auch die Zeitungen gerne mit im Boot und machen den Schriftstellern Platz in ihren Spalten. Aber Hand aufs Herz: Wann haben Sie zum letzten Mal einen wirklich er­hellenden, politischen Essay von einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin gelesen? Ich meine einen, der uns nicht einfach mit schönen Worten das erzählt, was sowieso alle anständigen Menschen denken.

Schriftsteller sind Gaukler

In Marcel Reich-Ranickis fünfbändigem Kanon der besten deutschen Essays sind zwar etliche Schriftsteller vertreten, aber praktisch keiner ihrer Texte befasst sich mit Politik. Weshalb auch sollten ausgerechnet Schriftsteller, die sich einen guten Teil ihrer Zeit in fiktiven Welten bewegen, dazu berufen sein, die Realität zu analysieren? Es gibt eine Wahrheit in der Literatur, die tiefer geht als jede Essayistik. Sie entsteht dann, wenn der Text – wie Lichtenberg einmal sinngemäss sagte – klüger ist als sein Autor.

Schriftsteller sind keine Intellektuellen per se, sie sind Künstler, Gaukler, Zauberer, wie Thomas Mann von seinen Kindern genannt wurde. Politisch sind sie – wenn sie sich nicht im Mainstream treiben lassen – nur zu oft naiv. Wer will sich noch an die politischen Äusserungen von Ezra Pound, Knut Hamsun, dem alten Günter Grass, Gottfried Benn und von vielen anderen erinnern? So verdiente Autoren wie Gerhart Hauptmann, Robert Musil, Thomas Mann und selbst Stefan Zweig begrüssten freudig den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, auch wenn manche sich später nicht mehr daran erinnern mochten.

«Man redet viel in der Schweiz»

Max Frisch, unser vielleicht politisch aktivster Autor, war besser, wenn er ­Fragen stellte, als wenn er Antworten gab. Seinen Text über die Armee­abschaffung nannte er vorsorglich «ein Palaver». Und die viel gelobte und ­zitierte Gefängnisrede Friedrich Dürrenmatts auf Vaclav Havel ist wohl nur deshalb so berühmt geworden, weil das Niveau politischer Reden in diesem Land so tief ist. Am Ende des ziemlich disparaten und ratlosen Textes zieht Dürrenmatt das Fazit: «Und ich, ein Schweizer, habe auch geredet, denn man redet viel in der Schweiz.»

Aber wenn wir etwas lernen können von den zwei Altmeistern, dann sind es der Humor und die Gelassenheit, die sie auch in ihren politischen Texten nicht verloren. Und zwar in einer Zeit, in der es wesentlich schlimmer stand um dieses Land als heute. Es darf nicht sein, dass wir versuchen, das Geschrei der SVP-Plakate mit noch lauterem Geschrei zu übertönen. Literatur ist das Gegenteil von Polemik. Literatur befreit die ­Sprache, Polemik missbraucht und beschädigt sie.

Es darf nicht sein, dass wir das Geschrei der SVP-Plakate mit lauterem Geschrei übertönen.

Natürlich sollen sich auch Autoren politisch engagieren, sich einmischen, sollen wählen und sich wählen lassen, so wie alle Bürger dieses Landes. Und natürlich kommt es vor, dass Schriftsteller gescheite politische Essays verfassen oder sogar gute Politiker abgeben. Aber es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass ihre Meinungen fundierter sind als jene von irgendjemandem sonst. Als Sprachexperten wären sie allenfalls dazu berufen, sich mit der Sprache der Politik zu befassen, statt diese nachzuahmen.

Ich gebe zu, dass auch mir die beschriebenen Taktiken der Selbstaufwertung nicht ganz fremd sind. Auch ich habe das Schreiben schon als Schwerarbeit bezeichnet, auch ich habe mich auf Nachfrage oft politisch korrekt zu diesem oder jenem Thema geäussert, habe auf mancher Wahlliste der Grünen Partei gestanden. Nur ein dickes Buch habe ich noch nie geschrieben, das war mir dann doch zu fruchtlos. Aber im Grunde machen wir mit diesen Taktiken genau das, was wir immer allen anderen vorwerfen: Wir nehmen die Literatur nicht ernst. Wir verzetteln unsere Kräfte, statt sie zu bündeln. Denn wenn das Schreiben auch keine Schwerarbeit ist, es ist schwierig und erfordert unsere ganze Konzentration.

Das Zitat von Thomas Bernhard

Je länger, desto mehr bewundere ich die Autoren – meist älteren Semesters –, die den literarischen Jahrmarkt meiden. Sie machen ihre Arbeit, ohne an die Kritik, das Publikum, den Markt zu denken. Sie beziehen ihre Motivation nicht aus dem Applaus oder dem Skandal, sondern aus der Freude am Schreiben. Sie plustern sich nicht auf, verkleiden sich nicht und machen sich nicht interessanter, als sie sind. Sie haben eine Gesinnung, aber sie müssen nicht zu allem ihre Meinung abgeben. Und vor allem machen sie keine Werbung für Unter­hosen. Sie schreiben ganz einfach ihre Bücher. Und oft sind gerade diese ­Bücher die wunderbarsten, die tief­gründigsten und die wahrsten. Und also die politischsten. Diese Bücher sind nicht für Bestsellerlisten, für Longlists oder Shortlists geschrieben, sondern für ­Leserinnen und Leser.

«Wir strengen uns unser ganzes ­Leben nur an um zwei drei Seiten unsterblicher Schrift mehr wollen wir nicht aber es ist doch gleichzeitig das Höchste.»

Es brauchte das Selbstbewusstsein eines Thomas Bernhard, um diese Sätze zu schreiben, und ein bisschen Selbststilisierung ist wohl auch dabei. Aber genau dieses Selbstbewusstsein brauchen wir in einer Welt der Fleissigen, der Effizienten. Ob wir zwei, drei oder hundert oder tausend Seiten schreiben, ob wir einen Tag, ein Jahr oder zehn Jahre dafür brauchen, es macht keinen Unterschied. Schreiben ist zwecklos. Lesen ist zwecklos. Finden wir uns damit ab, und tun wir es trotzdem. Oder umso mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2015, 19:34 Uhr

Gar nicht faul

1963 im Thurgau geboren, lebt Peter Stamm seit 1990, nach Stationen in New York, Paris und Skandinavien, hauptsächlich in Winterthur. 1998 veröffentlichte er seinen Debütroman «Agnes», der ihn sofort über die Schweiz hinaus bekannt machte. Sein knapper Stil, der Raum für Lücken lässt, zeichnet auch seine kurze Prosa aus, etwa in den Erzählbänden «Blitzeis» (1999) oder «Seerücken» (2011). Zu Peter Stamms jüngsten Veröffentlichungen gehören die gesammelten Erzählungen «Der Lauf der Dinge» (2014) und sein Roman «Nacht ist der Tag» (2013). Zudem hat Stamm zahlreiche Hörspiele verfasst. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, mit Zürcher Ehrengaben und dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg.

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