Meine kleine Welt in grossen Stichworten

Vom Alter über den Mut bis zum Zynismus: Wie sieht unser Kolumnist die Dinge, die die Welt im Innersten zusammenhalten?

«Der Tod ist etwas ganz Natürliches, die Verdauung aber auch»: Psychoanalytiker Peter Schneider Foto: Dominique Meienberg

«Der Tod ist etwas ganz Natürliches, die Verdauung aber auch»: Psychoanalytiker Peter Schneider Foto: Dominique Meienberg

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Alter
Man ist bekanntlich so alt, wie man sich fühlt. Seit ein paar Jahren wachse ich nun auch objektiv in mein gefühltes Alter hinein. Mein Leben ist geradezu ein einziges Erntedankfest geworden. (Ui, ui, wenn sich das mal bloss nicht rächt!) Aber echt jetzt: Verglichen mit meinem kindlichen Übergewicht und jugendlichem Elend sind meine heutigen Zipperlein kein Grund zur Nostalgie. Einen Verfall meiner Schönheit habe ich auch nicht zu beklagen. Auch das Gefühl, im Leben zu kurz gekommen zu sein, hat sich verflüchtigt. Einzig die Kranken­kassenprämien könnten mal wieder runter- statt unaufhörlich raufgehen. Aber selbst darüber mag ich mich nicht wirklich aufregen, angesichts dessen, was uns alten Menschen dafür auch geboten wird.

Arbeit
ist eine nicht zu unterschätzende Art des Geldverdienens. Am wirkungsvollsten ist sie, wenn man andere für sich arbeiten lassen kann. Was mir immer schwer auf den Keks geht, ist, wenn Leute so tun, als sei das Wichtigste am Arbeiten, dass man Freude daran hat. Solche Typen vergeben dann gerne unbezahlte Praktikumsstellen. (Stell ich jetzt einfach mal so in den Raum.)

Denken
mache traurig, sagt George Steiner. Selbst der individuellste Gedanke sei schon milliardenfach gedacht worden, sagt Steiner, das Denken stosse ständig an das ihm innewohnende Paradox von Unendlichkeit einerseits und Begrenztheit andererseits; Denken sei allzu flüchtig; Denken schaffe ständig Hoffnungen, die wir niemals einlösen könnten; es verhülle mehr, als es enthülle; es führe in immer neue Sackgassen, die seinem Wesen freilich inhärent seien . . . Die Worte hör ich wohl, aber sie überzeugen mich nicht von der «dem Leben anklebenden zehnfachen Traurigkeit». Ich nämlich finde, Denken macht einen froh wie der Mops im Paletot. Dabei habe ich selbst viel für die Stimmung der ­Melancholie übrig. Aber nicht in dieser verschmockten Sub-specie-aeternitatis-Variante. Was mich an dieser «existenziellen Melancholie» stört, ist ihre erhabene Überzeitlichkeit, die zur Weltanschauung erhobene Bräsigkeit und Selbstgenügsamkeit, für welche die Lust an überraschenden Verknüpfungen und die Wonne am Tüfteln an Argumenten nur niedere Vergnügungen sind.

Distanz
braucht man, vor allem sich selber gegenüber. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Ein paar Millimeter reichen meist. Man darf sich durchaus ernst nehmen; aber nicht so bierernst, dass man sich nicht wenigstens in vagen Umrissen vorstellen kann, auch woanders als hier zu stehen und auch ein bisschen anders zu können.

Effizienz
ist schön: Wenn einem Dinge glatt von der Hand gehen, mit sanfter Routine, die nicht langweilig ist, diese beglückende Funktionslust – das ist Effizienz, wie ich sie liebe. Was ist hasse: Druckerpatronen, die bei einem Text von 100 Seiten etwa in der Mitte den Geist aufgeben. Das ist doch keine Effizienz.

Fatalismus
ist etwas Wunderbares für Leute, mit denen es das Schicksal gut meint. Sonst sollte man wohl besser von Charakter-masochismus sprechen.

Fühlen
«Was ist der Unterschied zwischen einer Bierflasche und Gefühlen? Eine Bierflasche muss man öffnen. Gefühle muss man zulassen.» (Robert Gernhardt) Ich schliesse mich meinem Vorredner hiermit an, nicht ohne noch anzufügen: Man misstraue Leuten, die ihr Fühlen zur Ultima Ratio erheben. Wer nur mit dem Herzen gut sieht, neigt zu gefühlsduseliger Unempfänglichkeit für Argumente.

Geld
allein macht nicht glücklich. Man muss schon selber welches haben. Dann aber wirkt es wie ein Zaubermittel: Im Nu verwandeln sich sorgfältig bedruckte Papierscheine in richtige Dinge.

Glaube
Man muss an kein «höheres Wesen, das wir verehren» (Böll), glauben, aber ohne Glaube geht es nicht. Ich glaube nur an das, was ich sehe, ist einer der dümmsten und erkenntnisfeindlichsten Sprüche, die ich kenne. Um sich in der Welt zu orientieren, muss man sehr vieles glauben, das man niemals zu Gesicht bekommen wird. Man kann nicht leben in einem Zustand allumfassender Skepsis und allgegenwärtigen Misstrauens.

Herkunft
In einer schwachen Stunde hat Odo Marquard den Satz «Zukunft braucht Herkunft» in die Welt gesetzt, der seither ein geflügeltes Wort geworden ist. Bei aller Sympathie für Odo Marquard: Philosophischer Nippes ist das. Jedenfalls in der gewöhnlichen Lesart, dass man ohne «Wurzeln» nicht glücklich und zufrieden werden kann. Empirisch soziologisch ist es leider so, dass wir enger an unsere Herkunft gekettet sind, als wir wahrhaben wollen. Soziale Mobilität ist die Ausnahme, nicht die Regel. Bourdieu hat diesen unbewussten Algorithmus, der für die Tradierung der unbewussten Regeln unserer sozialen Herkunft sorgt, Habitus genannt. Dieser Habitus sorgt dafür, dass unsere Zukunft aus der Herkunft so ableitbar ist wie für Amazon unsere Lesegewohnheiten: Kunden, die XY gekauft haben, kauften auch Z. Umso beglückender ist es, diesem Herkunfts-Wurzel-Algorithmus so oft es geht ein Schnippchen schlagen zu können, wenn einem danach ist.

Moral
Zuerst kommt die Moral und dann das Essen, sagt der Vegetarier. Das ist natürlich ganz unmarxistisch und unbrechtisch gedacht, aber sehr ehrenvoll.

Mut
«Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.» Nichts dagegen; aber man soll den eigenen Verstand nicht überschätzen. Man muss sich zur Selbstaufklärung auch des Verstandes anderer bedienen. Lieber als Kants etwas sonntagspredigthafte Definition der Aufklärung ist mir Wielands Antwort auf die Frage «Wer ist berechtigt, die Menschheit aufzuklären?». Die lautet so: «Wer es kann! – Aber wer kann es? – Ich antworte mit einer Gegenfrage, wer kann es nicht? . . . Also, weil kein Orakel da ist, das in zweifelhaften Fällen den Ausspruch thun könnte . . .: so wird es doch wohl dabei bleiben müssen, dass Jedermann – von Sokrates oder Kant bis zum obscursten aller übernatürlich erleuchteten Schneider und Schuster – ohne Ausnahme, berechtigt ist, die Menschheit aufzuklären, wie er kann, sobald ihn sein guter oder böser Geist dazu treibt. Man mag nun die Sache betrachten, von welcher Seite man will, so wird sich finden, dass die menschliche Gesellschaft bei dieser Freiheit unendlichmal weniger gefährdet ist, als wenn die Beleuchtung der Köpfe und des Thuns und Lassens der Menschen als Monopol oder ausschliessliche Innungssache behandelt wird.»

Narzissmus
1914 führte Freud den Narzissmus als Pendant zur Objektliebe ein. Mit diesem Schachzug hatte Freud die – zu dessen Exkommunikation führende – Forderung Jungs, statt eines Triebdualismus eine einheitliche psychische Energie, die aber nicht mehr Libido heissen sollte, wieder in die Psychoanalyse zurückgeholt. Was er damals nicht ahnen konnte, war, dass er damit ein Schlagwort in die Welt gesetzt hatte, das seit den 70er-Jahren in die Gesellschafts- und Zeitdiagnose hinüberschwappen würde. (Können Schlagwörter schwappen? Aber Hauptsache, Sie wüssed, wieni mein.) Aus «Narzissmus» wurde ein Schimpfwort für die unbotmässige Jugend («immer narzisstischer»), für die Männer («egoistisch und selbstbezogen») und für die Gesellschaft überhaupt – das Selfie als Symptom des Niedergangs. Was der Begriff an theoretischer Schärfe verlor, gewann er an politischer Aufladung: Nicht Genaues weiss man nicht; aber das mit allergrösster Verve.

Nationalität
ist nicht nur während der Fussball-EM oder -WM wichtiger, als man es sich wünschen mag. In bösen Zeiten und schlimmen Gegenden kann sie über Leben und Tod entscheiden. In guten Zeiten und Landstrichen kann sie einem eher wurscht sein. Ausser man verliebt sich in jemanden mit einer falschen, d. h. personenunfreizügigen Nationalität. Dann steht man mit seinen jeweiligen Pässen da wie die Königskinder, die zueinander nicht kommen können. Darum ist es praktisch, man hat viele Nationalitäten. Das erhöht die Liebes- und Bewegungsfreiheit enorm.

Tod
Nicht, dass ich Respekt vor dem Tod hätte; ich habe nur Angst davor. Klar, jeder muss mal sterben; aber es gibt doch sonst auch immer eine Ausnahme von der Regel. Und gewiss doch, der Tod ist etwas ganz Natürliches; die Verdauung allerdings auch. Möchte ich mich deshalb Tag um Tag mit meinem Stuhlgang beschäftigen?

Traum
Kürzlich habe ich auf Twitter den trefflichen Satz gelesen: «‹Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum› ist das Arschgeweih unter den Lebensmotti.» Dem kann ich leider nichts Treffenderes hinzufügen. Ausser, dass ich wünschte, der Satz wäre von mir.

Zynismus
kenne ich gut aus eigener Erfahrung. Wenn ich etwas schreibe, das vorzugsweise dem Mitglied irgendeines Vereins nicht in dem Kram seiner Weltanschauung passt, dann kommt mit 80-prozentiger Sicherheit in einem Protestmail das Wort Zynismus vor: Was Herr Schneider über X schreibt, darf nicht unwidersprochen bleiben. Wenn er Y mit Z vergleicht, so zeugt das von unüberbietbarem Zynismus. Ich möchte Herrn Schneider einladen, sich lieber einmal mit eigenen Augen von X zu überzeugen, bevor er dergleichen rhababer rhabarber rhabarblabla ...» Chilled, liebe Leute, denke ich dann. Und: Lernt erst mal gründlich lesen, bevor ihr wieder Textbausteine der Empörung fabriziert, die an Zynismus nicht zu überbieten sind. (Huch, jetzt habe ich mich doch selber ein kleines bisschen echauffiert.)

Erstellt: 14.07.2016, 19:23 Uhr

Peter Schneider

Psychoanalytiker und Philosoph

Peter Schneider, 1957 nördlich des Ruhrgebiets geboren, arbeitet in Zürich, wo er eine psycho­analytische Praxis betreibt und als freier ­Publizist für die Presse und das Radio arbeitet. Er beantwortete diese Stichworte schriftlich, so wie er seit über 12 Jahren in seiner wöchentlichen Kolumne «Leser fragen» die Neugier befriedigt – mit anspruchsvollen, klugen und witzigen Texten. Seine jüngsten Antworten liegen nun als Buch vor. Wer sich darin vertieft, wird mit viel Wissen, aber auch Weisheiten belohnt. (kal)

Peter Schneider: Identität und solche Sachen. Kolumnen. Zytglogge-Verlag, Basel 2016. 260 S., ca. 32 Fr.

Der Autor liest im Kaufleuten Zürich am Dienstag, 19. 7., um 20 Uhr.

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