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Mit Tempo Teufel zum Romanerfolg

Einen Roman in einem Monat schreiben – dies der neue Literaturtrend aus den USA. Bereits 100'000 Leute machen mit. Ein Unsinn? «Nein», meint Schriftstellerin Milena Moser.

«Die Lust, wenn sich das Schreiben verselbstständigt»: Wer in einem Monat 50'000 zusammenhängende Wörter schreiben will, darf nicht zu viel denken.
«Die Lust, wenn sich das Schreiben verselbstständigt»: Wer in einem Monat 50'000 zusammenhängende Wörter schreiben will, darf nicht zu viel denken.
Keystone

Es gibt wohl nur wenige Menschen auf dieser Welt, die in einem Monat einen guten Roman schreiben können. Wer sich auf der Website des «National Novel Writing Month» (kurz: «NaNoWriMo») anmeldet, hat das aber meist auch gar nicht vor. Das vorgegebene Ziel ist es schlicht, innerhalb des Monats November mindestens 50'000 zusammenhängende Wörter zu schreiben. Die Macher des Projekts schreiben dann auch, es gehe «um Quantität, nicht um Qualität.» Ein Schreiben um des Schreibens Willens also.

Halsbrecherisches Schreibtempo

Bereits einmal mitgemacht bei einem «NaNoWriMo» hat die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser. Sie lebte zu jener Zeit in Amerika. Ein druckreifer Roman sei ihr gar nie vorgeschwebt, als sie sich entschied mitzumachen. Das Ziel, die 50'000 Wörter zu schreiben, erreichte sie damals, eine fertige Geschichte sei aber nicht daraus entstanden. Das entstandene Manuskript liege immer noch in der Schublade: «Vielleicht überarbeite ich es einmal, wer weiss, meine Agentin ist auf alle Fälle interessiert daran» sagt Moser. Moser wäre nicht die Erste, die ein Manuskript veröffentlicht, welches während eines «NaNoWriMo» entstand, . So erschienen zum Beispiel in Amerika zwei Romane der aus der Schweiz stammenden Autorin Magdalena Zschokke.

Berühmte Schnellschreiber

Doch auch lange bevor es «NaNoWriMo» gab, haben Autoren das Schnellschreiben praktiziert. Krimi-Autor George Simenon zum Beispiel tippte seine «Kommissar Maigret»-Romane im Eiltempo: Zwei Wochen soll er für zweihundert Seiten benötigt haben. Er soll aber auch schon Bücher in 24 Stunden verfasst haben. Italo Calvino, einer der bekanntesten Schriftsteller Italiens, schrieb 1946 sein Erstlingswerk «Wo Spinnen ihre Nester bauen» innerhalb eines Monates.

Ein Monat schreiben auf Tempo sei eine extrem lustvolle Erfahrung gewesen, sagt Milena Moser. Die Art, wie man schreiben müsse, damit man das Ziel erreiche, liege ihr sehr nahe: Zuerst schreiben, dann denken. Die Schreibgeschwindigkeit sei halsbrecherisch, das sei auch das Geheimnis des Ganzen: «Es ist eine Lust zu spüren, wenn sich das Schreiben verselbstständigt, man gar keine Zeit zum Denken mehr hat.» Auf der Website von «NaNoWriMo» kann man während des Monats November vergleichen, wie weit andere Teilnehmer sind. Das kann motivieren, man sollte es aber nicht zu exzessiv machen, sagt Milena Moser. Es sei kontraproduktiv, weil man damit sehr viel Zeit verlieren könne.

Ein bisschen Betrug ist Okay

Der «NaNoWriMo», ist zahlenmässig eine Erfolgsgeschichte. 1999 wurde der Schreib-Monat zum ersten Mal durchgeführt. Damals machten 21 Leute mit, fast alles Freunde von Initiator Baty. Letztes Jahr schrieben sich 79’000 Personen ein, 13'000 erreichten das Ziel. In diesem Jahr sind es jetzt bereits fast schon 98'000 Schreibwütige, die sich der Herausforderung stellen wollen.

Das grosse Ziel, die 50'000 Wörter, entsprechen etwa der Länge des Buches «Der Fänger im Roggen» von J.D. Salinger. Milena Moser hat aber gemerkt, dass dieselbe Anzahl Wörter im Deutschen mehr Platz brauchen als im Englischen, da deutsche Wörter im allgemeinen viel länger sind: «Ich habe damals angefangen, zusammengesetzte Wörter aufzusplitten – ich weiss, das ist ein bisschen ein Betrug, aber man muss kreativ sein, um das Ziel zu erreichen.»

Das Ideal des Goethe-Genies ist passé

Milena Moser bietet diesen November selber einen Kurs an, in dem sie Schreibbegeisterte unterstützt, die einmal so einen Schreibmonat erleben wollen. Die Kursteilnehmer können sich bei «NaNoWriMo» einschreiben, müssen aber nicht. Es sei Zeit gewesen für so ein Konzept, da gerade bei uns im deutschsprachigen Raum immer noch das Ideal des Goethe-Genies in den Köpfen der Menschen sei: Entweder man kann schreiben oder nicht. «Diese Haltung muss gebrochen werden», sagt Moser, «und dieser Schreibmonat nimmt dem Romanschreiben das Heilige, das nur wenigen Auserwählten gewährte und rückt es auf eine spielerische, fast sportliche Ebene.» Moser vermutet, dass sich deshalb für diesen Kurs auch mehr Männer anmelden als bei ihren sonstigen Schreibkursen: «Die Männer sind oft sehr ergebnisorientiert», hat Moser in ihren Kursen festgestellt. Der Leistungsgedanke hinter diesem Konzept liege vielen Männern sehr nahe.

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