Mitten im Mittdreissiger-Blues

Matto Kämpfs «Tante Leguan» handelt von gelangweilten Kulturjournalisten: rasant, witzig, traurig.

Schriftsteller Matto Kämpf.

Schriftsteller Matto Kämpf.

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In einer durchschnittlichen Schweizer Stadt. Bei einer «mittelgrossen und mittelmässigen» Tageszeitung. «Zuallerhinterst hinten» im Grossraumbüro der Redaktion sitzt die auf drei Personen zusammengesparte Kulturredaktion. Flankiert vom Chefredaktor, genannt «Idiot», von der seriösen Politredaktion und vom «Sportarsch», der immer im T-Shirt rumläuft. Und der signalblond ist, denn: «Sport ist blond.»

In der Kulturabteilung arbeitet Lena, die Frauen mag und über Kunst schreibt. Hans, der eigentlich Erdem heisst, sich gern aufregt und für Film zuständig ist. Und da ist die Ich-Erzählerin und Musikredaktorin Martina. Wer über den nervtötend-erotischen Schundroman, von anderen Medien längst abgefeiert, schreiben muss, entscheidet das Los.

In die Oper gehen alle grundsätzlich nur bekifft, und Konzertkritiken bekommt nur ein einziger Club: der mit dem Sofa. Der Berner Autor, Satiriker und Filmemacher Matto Kämpf (Die Gebirgspoeten, Trampeltier of Love) begleitet in seinem neuen Roman «Tante Leguan» drei Mittdreissiger, die sich auf dem Abstellgleis befinden: Die Träume aus den Zwanzigern sind geplatzt, die Ernüchterung hat sich wie eine schwere Decke über sie gelegt.

Innere Leere

Kämpf beschreibt eine Welt, die überquillt von Events, News und Erreichbarkeit, während im Innern Leere herrscht. Und ganz nebenbei zieht er der vierten Gewalt die Hosen runter. Das tut er aber auf so unterhaltsame, schnoddrige Art, dass es eine Freude ist. Denn der 48-Jährige macht es mit viel Liebe für seine Protagonisten, die zwischen drögen Konzerten, schnöden Vernissagen, labbrigen Tapas und zu viel Alkohol vor allem eins tun: sich langweilen. Hat der Autor im Berner Journalistenmilieu recherchiert? «Nein», schreibt Kämpf auf Anfrage, «ich habe mir vorgestellt, wie es sein könnte, wenn ich selber Journalist geworden wäre.»

Um Medienkritik gehe es ihm auch nicht in erster Linie. «Das Deprimierende schleppen die Figuren selber mit, das hat nicht unbedingt mit ihrem Beruf zu tun.» Kämpfs Protagonisten kennen sich seit dem Studium, haben mal zusammen in einer WG gewohnt und verbringen die Bürotage sowie die meisten Abende gemeinsam. Ihr Leben ist ein langer, grauer Tag – bis ein seltsames Cuvert Schwung in die Bürolisteneinöde bringt. Darin steckt eine selbst gebrannte CD der chinesischen Band Tante Leguan. In drei Wochen soll die Gruppe in Peking ein Konzert geben.

Hans ist sofort Feuer und Flamme, und die drei beschliessen, nach China zu reisen. Der Chef alias «Idiot» ist begeistert vom Vorschlag, eine Sommerserie zum Thema «Peking einst und jetzt» zu machen, und entlässt die gesamte Kulturredaktion auf Pressereise. Was folgt, ist ein schrulliges Roadmovie. Denn Peking hat die Abenteuerlust der Journalisten geweckt: Kaum zurück aus China, reisen sie nach Neapel, um die Macherin der Website «Dogs That Look like Mussolini» kennen zu lernen, fahren nach Lyon, um Kalbskopf zu essen, in den Jura, um zu frieren, und in die «Wellnesshölle» Baden-Baden – alles vom Chef abgesegnet. Das ist schräg, lustig, traurig. Es fallen wunderbare Sätze wie «Das einzige Sympathische am Alpinismus ist dessen Sinnlosigkeit» und «Das Alter ist ein Einzelzimmer».

Humor statt Tod

Während die Ich-Erzählerin bis zum Ende schwer fassbar bleibt, fühlt man mit Lena und Hans mit, freut sich über ihren Zynismus und gleichzeitig über ihr zwischenzeitliches Aufblühen. Und als Kulturredaktion einer mittelländischen, mittelgrossen Zeitung reist man gedanklich gerne mit auf Pressereisen, die in der Realität ein rar gewordenes Vergnügen sind. Bleibt eine letzte Frage: Herr Kämpf, welche Reise würden Sie selbst unternehmen, um dem Alltagsgrau zu entfliehen? – «Ich würde nach Ostermundigen reisen.»

Matto Kämpf: «Tante Leguan», 147 S., Verlag Der Gesunde Menschenversand.

Erstellt: 24.10.2018, 15:14 Uhr

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