Mörderischer Bayou-Blues in Osttexas

Krimi der Woche: «Bluebird, Bluebird» von der Afroamerikanerin Attica Locke ist ein eindrücklicher Thriller um Liebe, Rassismus und Gerechtigkeit.

Nebst Krimis schrieb Locke auch Drehbücher für bedeutende Film- und TV-Firmen, unter anderem Paramount, Warner Bros., Disney, 20th Century Fox, DreamWorks und HBO.

Nebst Krimis schrieb Locke auch Drehbücher für bedeutende Film- und TV-Firmen, unter anderem Paramount, Warner Bros., Disney, 20th Century Fox, DreamWorks und HBO. Bild: Mel Melcon, «Los Angeles Times»

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Der erste Satz

Geneva Sweet zog ein orangefarbenes Verlängerungskabel an Maya Greenwood, Geliebte Ehefrau und Mutter, Möge sie beim himmlischen Vater in Frieden ruhen, vorbei.

Das Buch
Darren Matthews trägt einen Stetson. Und auf der Brust stolz einen Stern. Diese Marke der Texas Rangers müsste er heute seinem Chef in Houston abgeben. Denn Darren ist suspendiert worden, weil er sich nach Meinung seiner Chefs zu stark für einen schwarzen Freund einsetzte, der des Mordes beschuldigt wird. Darren ist selbst schwarz, eine Rarität bei der bundesstaatlichen Polizeitruppe, und er hat sich die Verfolgung von Hassverbrechen auf die Fahne geschrieben. Er weiss zwar, dass sein Leben und auch seine Ehe einfacher wären, wenn er sich nicht so auf Rassenfälle einschiessen würde, doch er kann nicht anders.

Auf der Spur eines rassistisch motivierten Mordes ist der Held des Kriminalromans «Bluebird, Bluebird» der afroamerikanischen Texanerin Attica Locke in Lark in Osttexas gelandet, und sein Chef hat die Suspendierung hinausgeschoben. In dem Kaff wurde ein Schwarzer tot aus dem Bayou gefischt. Zwei Tage später wurde die Leiche einer jungen Weissen angeschwemmt. Normalerweise läuft so etwas hier in der Gegend umgekehrt.

Gegen den Willen des lokalen Sheriffs mischt sich der Ranger in die Ermittlungen ein. Schnell hat er Keith im Visier, den Mann der toten Kellnerin, der sich um die Aufnahme in die Arische Bruderschaft Texas bemüht. «Keith war selbst nie weiter als bis Oklahoma gekommen und glaubte, dass die Welt ausserhalb von Texas ein Sündenpfuhl gemischter Rassen war und ein Irrtum darüber herrschte, wer dieses Land aufgebaut hatte, während Schwarze und Latinos die Hand ausstreckten und um alles Mögliche bettelten, keinen einzigen Tag in ihrem Leben anständig gearbeitet hatten und trotzdem die Jobs der rechtmässigen Einwohner des Landes wollten und ihre Frauen und Töchter obendrein.»

Attica Locke schildert auf eindrückliche Art Land und Leute. Es ist eine Gegend, in der sich die meisten verhalten wie vor hundert Jahren, wenn es um Rassenfragen geht. Anständig zu sein, heisst für Weisse hier, Damen die Tür aufzuhalten und in gemischter Gesellschaft das N-Wort nicht zu benützen. Auf der anderen Seite die Schwarzen, die in Genevas Lokal, wo aus der Musikbox der Blues erklingt – der Titel des Romans bezieht sich auf einen Song von John Lee Hooker –, bei einem Bier oder einem Stück Pfirsichkuchen Neuigkeiten austauschen.

So einfach, wie es sich Darren am Anfang vorgestellt hat, ist der Fall der zwei Morde, die offenkundig zusammenhängen, nicht. Es gibt, in jeder Beziehung, nicht nur Schwarz und Weiss. Und die Liebe kümmert sich nicht immer um die Hautfarbe. Und mit der Gerechtigkeit ist es so eine Sache: «Vielleicht war Gerechtigkeit vertrackter, als Darren bewusst war, als er sich die Marke an die Brust geheftet hatte, sie war letztlich eine Illusion, getragen von dem Wunsch nach einer sauberen Lösung, die keine Zweifel mehr zuliess.»

Der Blues prägt den Rhythmus dieses wunderbaren Romans, der mit dem Edgar Award ausgezeichnet wurde, dem wichtigsten Krimipreis der USA. Die Story ist vielschichtig aufgebaut und spannend erzählt, gleichzeitig gefühlvoll und hart. «Bluebird, Bluebird» ist schon jetzt eines der Bücher des Jahres.

Die Wertung

Die Autorin
Attica Locke, geboren 1974 in Houston, Texas, studierte an der Northwestern University und war Fellow am Features Filmmakers Lab des Sundance-Institutes. Sie schrieb Drehbücher für bedeutende Film- und TV-Firmen wie Paramount, Warner Bros., Disney, 20th Century Fox, DreamWorks und HBO. Sie war als Autorin und Produzentin für die erfolgreiche TV-Serie «Empire», die seit 2015 läuft, über die Hip-Hop-Szene tätig. 2009 veröffentlichte sie ihren ersten Roman «Black Water Rising», für den sie für mehrere bedeutende Buchpreise nominiert wurde.

Für «The Cutting Season» (2012) erhielt sie den Ernest Gaines Award for Literary Excellence, für «Pleasantville» (2012) den Harper Lee Prize for Legal Fiction. «Bluebird, Bluebird» (2017), der erste Roman von Attica Locke, der auf Deutsch erscheint, wurde mit dem wichtigsten Krimipreis, dem Edgar Award für den besten Roman, geehrt. Attica Locke lebt mit ihrem Mann Karl und ihrer Tochter Clara in Los Angeles, wo sie Vorstandsmitglied der Library Foundation of Los Angeles ist. Ihre ältere Schwester Tembi Locke ist ebenfalls Autorin und spielte als Schauspielerin in zahlreichen TV-Serien wie «Beverly Hills, 90210», «Sliders» und «Eureka» sowie in Filmen wie «Dumb and Dumber To» mit.

Attica Locke: «Bluebird, Bluebird» (Original: «Bluebird, Bluebird», Mullholland Books, New York 2017). Aus dem Englischen von Susanne Mende. Polar-Verlag, Stuttgart 2019. 329 S., ca. 30 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2019, 15:08 Uhr

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