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Morden ist mühseliger, als man denkt

Krimi der Woche: Ein dementer südkoreanischer Serienmörder erinnert sich an seine Taten – und hat noch eine Rechnung offen.

Hanspeter Eggenberger
Young-ha Kim gilt als einer der wichtigsten koreanischen Autoren seiner Generation. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.
Young-ha Kim gilt als einer der wichtigsten koreanischen Autoren seiner Generation. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt.
E. S. Chang/HMH Books

Der erste Satz

Meinen letzten Mord habe ich vor fünfundzwanzig Jahren begangen.

Das Buch

Byongsu Kim ist 70. Er war Tierarzt. Vor allem aber war er ein Serienmörder. Heute leidet er unter Alzheimer. Seine Morde liegen mehr als ein Vierteljahrhundert zurück. Doch jetzt müsse er nochmals ran, um seine Tochter zu schützen, meint er. Denn ein Nachfolger macht die Gegend unsicher. Kim ist überzeugt, ihn bei einer zufälligen Begegnung erkannt zu haben. Und genau diesen Mann stellt ihm die Tochter als ihren neuen Freund vor. Diesen Mann umzubringen, stellt er sich als letzte Lebensaufgabe, «bevor ich vergesse, wer er ist».

So weit scheint alles plausibel in den «Aufzeichnungen eines Serienmörders» des südkoreanischen Autors Young-ha Kim. Doch sieht der alte Mann, der sich als Icherzähler an seine früheren Taten erinnert, die Gegenwart wirklich, wie sie ist? Seine Demenz schreitet voran, und je länger dieser kurze Roman dauert, umso verschwommener und unklarer wird alles. Hat er überhaupt eine Tochter? Und warum ist deren Freund, der vermeintliche Serienmörder, plötzlich ein Polizist?

«Aufzeichnungen eines Serienmörders» ist ein ganz wunderbares Büchlein, das sich wohltuend abhebt von den gängigen Serienmörderromanen mit ihren Schlachtereien, die oft so abstrus sind, dass sie nur noch langweilen. Dieser koreanische Serienmörder tut sich nicht mit blutrünstigen Schilderungen seiner Taten hervor, sondern mit ziemlich lakonisch erzählten Erinnerungen und Betrachtungen, die oft herrlich komisch sind. «Ich habe mehr Menschen am Leben gelassen, als ich umgebracht habe. ‹Man kann nicht alles haben›, pflegte mein Vater zu sagen.»

«Beängstigend ist nicht das Böse, sondern die Zeit. Denn gegen die sind wir machtlos.»

Zu den Erinnerungen des Mörders gehört etwa ein Lyrikkurs, den er vor Jahren besucht hatte. Den Dozenten habe er am Leben gelassen, weil dieser seine Gedichte gelobt habe. Byongsu beschrieb darin seine Morde, und der Dozent fand die Metaphern gut: «Tut mir leid, mein Lieber. Aber das waren keine Metaphern», Morden sei eher wie Prosa, findet Byongsu. «Jeder, der es einmal probiert hat, weiss das. Jemanden zu ermorden, ist viel mühseliger und schmutziger, als man denkt.»

Young-ha Kim gelingt es brillant, die zunehmende Demenz des Icherzählers im Lauf der Erzählung immer mehr spürbar zu machen. Der wird sich seiner schleichenden Verwirrung in lichten Momenten selbst bewusst: «In meinem Kopf herrscht Durcheinander. Mit dem Schwinden des Gedächtnisses weiss auch das Herz nicht mehr, wohin.» Er spürt dann, dass er seinen psychischen Zerfall nicht mehr aufhalten kann. «Beängstigend ist nicht das Böse, sondern die Zeit. Denn gegen die sind wir machtlos.»

Die Wertung

Der Autor

Young-ha Kim, geboren 1968 in der südkoreanischen Provinz Gangwon als Sohn eines südkoreanischen Offiziers, soll durch eine Kohlenstoffmonoxidvergiftung die Erinnerungen an seine ersten zehn Lebensjahre verloren haben. Er studierte Betriebswirtschaft an der Yonsei-Universität in Seoul, wobei er sich aber mehr der traditionellen koreanischen Musik gewidmet habe und sich aktiv in der Studentenbewegung engagierte. Er veröffentlicht seit 1996 Romane, für die er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, und gilt heute als einer der wichtigsten koreanischen Autoren seiner Generation. Er war unter anderem als Dozent an der Drama School der Korean National University tätig und moderierte eine Radiosendung über Literatur, bevor er sich 2008 ganz dem Schreiben zu widmen begann.

Neben seiner Tätigkeit als Autor übersetzt er Bücher aus dem Englischen ins Koreanische, so zum Beispiel «The Great Gatsby» von F. Scott Fitzgerald. Mehrere seiner eigenen Bücher, auch «Aufzeichnungen eines Serienmörders», sind in Korea verfilmt worden. Kim ist seit 1996 verheiratet. In einem Interview bezeichnete er sich 2008 als Anhänger des Antinatalismus, einer Philosophie, die sich aus ethischen Gründen für Kinderlosigkeit ausspricht. Er lebte zeitweise in Italien, Kanada und in den USA; heute wohnt und arbeitet er in Seoul.

Young-ha Kim: «Aufzeichnungen eines Serienmörders» (Original: «Salinja-ui gieok-beob», Munhakdongne Publishing Co., Paju-si 2013). Aus dem Koreanischen von Inwon Park. Cass-Verlag, Bad Berka 2020. 152 S., ca. 29 Fr.
Young-ha Kim: «Aufzeichnungen eines Serienmörders» (Original: «Salinja-ui gieok-beob», Munhakdongne Publishing Co., Paju-si 2013). Aus dem Koreanischen von Inwon Park. Cass-Verlag, Bad Berka 2020. 152 S., ca. 29 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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