Mr. Comics tritt ab

David Basler, der Verleger von Edition Moderne, wird von der Stadt Zürich für seine kulturellen Verdienste geehrt – und hört auf. Ein Hausbesuch.

David Basler, Verlagsleiter der Edition Moderne, in seinem Arbeitsloft in Zürich.

David Basler, Verlagsleiter der Edition Moderne, in seinem Arbeitsloft in Zürich. Bild: Andrea Zahler

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Der Weg führt in den Zürcher Kreis 4. Zwischen Hardbrücke, Schlachthof und Letzigrund liegt in einer Nebenstrasse eines der ältesten Industriegebäude der Stadt. David Basler öffnet die Tür im 2. Stock, links lagern Most-Harassen, rechts steht ein Töggelikasten; das geräumige Loft bietet Platz für 17 Künstler. Wir sehen aufeinandergestapelte Ordner, Kartontürme, Sofas, ein Velo, an den Wänden kleben Skizzen und Notizzettel. «Früher war das ein Pneulager», sagt David Basler. Spuren davon kann man heute noch erkennen, im Boden sind tiefe Furchen.

Seit 1994 ist die Eglistrasse die Heimat der Comic-Zeitschrift «Strapazin» und des Verlags Edition Moderne. Basler gründete den Verlag 1981 zusammen mit Richard Bhend, Jürg Bodenmann und Wolfgang Bortlik. Ursprünglich als Ort für Belletristik gedacht, zeigte sich bald: Mit Comics läuft es am besten, und man wagte – was damals alles andere als selbstverständlich war – die Spezialisierung auf die «Neunte Kunst».

Ideale Voraussetzungen dank Zweisprachigkeit

Basler, dessen Mutter aus dem Kanton Neuenburg stammt, brachte dafür ideale Voraussetzungen mit. «Ich wuchs zweisprachig auf und hatte als Kind die Comic-Zeitschrift ‹Spirou› abonniert. In frankofonen Gebieten gehören Comics zum Alltag», sagt der Verleger.

Später, während eines einjährigen Studienaufenthalts in Paris, habe er viele Künstler aus der frankobelgischen Comicszene kennen gelernt – auch und gerade bei der Zeitschrift «Charlie Hebdo». Entsprechend ging es bei der Edition Moderne mit einem ursprünglich französischsprachigen Band los: «Zig Zag Zoug» von den beiden Genfern Gérald Poussin und Aloys.

Diese Comics prägten die Edition Moderne:

Beim Rundgang durchs Atelier stellt Basler die anwesenden Künstler vor, zum Beispiel Kati Rickenbach, die im «Tages-Anzeiger» ihren wöchentlichen «Züriversum»-Strip publiziert. Es gibt einen geräumigen Esstisch, wo sich die Künstler über Mittag austauschen, durch die Hallen dröhnt lüpfiger Jazz.

«Ich bin aktuell der einzige Angestellte der Edition Moderne», sagt David Basler. Das funktioniere, weil er punkto Vermarktung und Vertrieb Kooperationen mit deutschen Freelancern eingegangen sei. Aber man spürt: Das Business ist hart. Immer noch. «Anfang der Neunzigerjahre war der Verlag kurz vor dem Aus», erinnert sich Basler. «Was uns damals rettete, waren die ‹Zürich by Mike›-Bände von Mike Van Audenhove.» Indem der Verleger den Spagat zwischen künstlerischer Ambition und Humor bewerkstelligte, konnte er es sich leisten, zwei Angestellte zu beschäftigen. Allerdings nur bis 2009, dem Jahr, als Van Audenhove starb. «Wir konnten ihn als Autor nicht annähernd ersetzen.»

Fast 40 Jahre hing alles von einem Mann ab

Im Februar 2019 ein weiterer Schock: In Deutschland droht der Buch-Zwischenhändler KNV zusammenzukrachen. «Es hätte eine Kettenreaktion geben können, das wäre das 9/11 des Buchhandels gewesen», sagt der Verleger. Wie man solche Krisen meistert und das Geschäft am Laufen hält – es ist insofern erstaunlich, als fast vierzig Jahre lang alles vom Geschick und Gespür David Baslers abhing. Inzwischen finanziert sich der Verlag nicht mehr ausschliesslich über den Verkauf von Büchern, es gibt zum Beispiel auch eine strukturelle Verlagsförderung des Bundes. «Mit ein Grund», sagt Basler, «dass es uns heute noch gibt.»

Dass die Edition Moderne als eine der renommiertesten Adressen der deutschsprachigen Comiclandschaft gilt, ist unbestritten. Zahlreiche Auszeichnungen (zum Beispiel für die Biografie «Persepolis» von Marjane Satrapi) untermauern das. Einzig den Verleger selbst suchte man unter den Preisträgern bislang vergebens.

«Der Comic ist in der Deutschschweizer Kultur angekommen.»David Basler, Verleger

Aber das ändert sich jetzt: Im Herbst 2019 wird David Basler von der Stadt Zürich für «besondere kulturelle Verdienste» geehrt. Eine grosse Genugtuung sei das, sagt er. «Es ist aber auch ein Preis für die Beharrlichkeit. Nicht nur für mich, sondern allgemein für die Comic-Kunst. Man kann jetzt sagen: Sie ist in der Deutschschweizer Kultur angekommen und wird als Ausdrucksform anerkannt.»

Umso überraschender, dass sich David Basler gerade jetzt aus dem Verlagsgeschäft zurückziehen will. «Ich werde pensioniert», sagt er. Und fügt an: «Es hat insofern gepasst, als ich mit Julia Marti und Claudio Barandun zwei Nachfolger gefunden habe, die ideologisch und vom Geschmack her auf meiner Linie sind. Die beiden sind selbstständig erwerbend, und ich werde ihnen sukzessive alles übergeben, inklusive der Aktien.»

Eine Edition Moderne ohne David Basler? Man schaut durch den weiten Loft, führt sich diesen Mikro-Organismus nochmals vor Augen, blickt auf über 300 publizierte Alben zurück. «Marti und Barandun haben eine gute Nase», ist der Verleger überzeugt. Das hätten sie letztes Jahr mit der Graphic Novel «Der Magnet» des Debütanten Lucas Harari bewiesen. Der Thriller rund um die Therme von Vals wurde ein Erfolg. «Mir persönlich wäre das Risiko zu gross, das Projekt zu teuer gewesen», gibt Basler zu – und schmunzelt: «Vielleicht bin ich ja etwas in der Pionierzeit stecken geblieben.»

Erstellt: 03.06.2019, 16:17 Uhr

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