Zum Hauptinhalt springen

Muse, Mutter, Managerin

Hinter einem starken Mann, heisst es, steht eine starke Frau. Das gilt ganz besonders bei berühmten Schriftstellern.

Letzte Woche verstarb Charlotte Kerr, die Witwe Friedrich Dürrenmatts. Die deutsche Regisseurin und Schauspielerin war von 1984 bis 1990 mit dem Schweizer Schriftsteller verheiratet. Kerr inspirierte Dürrenmatt zu einem fulminanten Spätwerk und war nach seinem Tod die treibende Kraft hinter dem Centre Dürrenmatt in Neuenburg. Ihre Berufung zur Nachlassverwalterin Dürrenmatts führte aber auch zu einem Prozess mit dem Schriftsteller Hugo Loetscher – wegen dessen Schilderung von Dürrenmatts Tod und Bestattung.

So gesehen war Kerr keine typische Dichtergattin, die im Schatten ihres berühmten Ehemanns lebte und in der Literatur über diesen nur als biografische Randnotiz auftaucht. Doch gibt es die typische Dichtergattin überhaupt? Nachfolgend Beispiele und eine kleine Typologie jener Frauen, von denen man sagt, sie hätten ihren Partnern künstlerische Entfaltung ermöglicht und so entscheidend zur Vervollkommnung eines herausragenden Werkes beigetragen.

Die Verwalterin

Neben Charlotte Kerr ist hier vor allem Tolstois Frau Andrejewa Tolstaja zu nennen. Den Roman «Krieg und Frieden», rund 1700 Seiten stark, soll sie – vor allem nachts – siebenmal für ihn abgeschrieben und korrigiert haben. Als die gemeinsamen Kinder grösser waren, machte sie sich einen Namen als Verlegerin, erstellte umfassende Werkausgaben, schrieb selbst an Erinnerungen, an eigenen literarischen Werken und betreute daneben Biografien internationaler Autoren über ihren Mann.

Im Verwalten verstand sich auch Cosima Wagner. Nach dem Tod ihres Manns Richard führte sie als Herrin des Hügels die Bayreuther Festspiele erfolgreich weiter und hatte auch an der posthumen Politisierung von Wagners Werk, die von den Nationalsozialisten dankbar aufgegriffen wurde, massgeblichen Anteil. Eine tragische Variante dieses Typus ist Eva Gabrielsson, die Lebensgefährtin des verstorbenen Schriftstellers Stieg Larsson. Sie hatte massgeblichen Einfluss auf dessen «Millienium-Trilogie» – doch weil sie nicht mit Larsson verheiratet war, fiel der Nachlass seiner Familie zu.

Die Beschützerin

Sie hält von ihrem Mann alles Lästige fern, dazu ist sie klassischerweise die verstehende Mutter. Zum Beispiel Katia Mann, deren Rang in der Literaturgeschichte längst als ideale Dichtergattin festgelegt ist. Bezeichnenderweise war Katia Mann in einer Familie, in welcher jedes Mitglied schrieb, die Einzige, von der es nichts Gedrucktes gibt. Ein anderes Beispiel ist Christiane von Goethe. Lebensfroh, praktisch veranlagt und energisch soll sich Goethes Frau des umfangreichen Hausstandes angenommen haben. Ihr blieb allerdings auch nichts anderes übrig: Die Weimarer Gesellschaft, in der sich Goethe bewegte, lehnte die aus einfachen Verhältnissen stammende Frau ab. Goethe hingegen schätzte sie wegen ihres natürlichen und fröhlichen Wesens. So regte das Leben an der Seite von Christiane Goethe zu heiteren und auch erotischen Gedichten an.

Die Kongeniale

Warum sich nur das Bett teilen, wenn man auch die Arbeit zusammen angehen kann? Gegenseitige künstlerische Befruchtung ist es, was sich Künstlerpaare erhoffen. So machte Nietzsche der russischen Autorin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé einen Heiratsantrag (wurde aber zurückgewiesen). Andere hatten mehr Glück, wenn auch künstlerische Zusammenarbeit und menschliches Zusammenleben nicht immer ganz konfliktfrei verlaufen. Man denke an so unterschiedliche Paare wie Sophie Mereau und Clemens Brentano, Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, Rebecca West und H.G. Wells. Oder natürlich Francis Scott und Zelda Fitzgerald: Beide schrieben, aber nur er wurde berühmt. Zelda landete schliesslich in der Psychiatrie.

Freilich dürfte das Verhältnis zwischen den meisten berühmten Dichtern und ihren Gattinnen komplexer gewesen sein, als es nach aussen den Anschein hat. Das zumindest legt das Beispiel Nabokov nahe: Vera und Vladimir lernten sich im Mai 1923 im fremden Berlin auf einem Ball kennen, wo die junge Russin eine Wolfsmaske trug, die sie den ganzen Abend nicht abnahm. «Du bist meine Maske», wird Nabokov ihr später sagen, eine ideale Metapher für diese Frau, die bis zu seinem Tod 1991 nach eigenen Angaben diese Rollen ausfüllte: Muse, Mutter des einzigen Sohnes, erste ideale Leserin, Groupie, Übermittlerin, Beraterin, Managerin, Sekretärin, Chauffeurin, Assistentin, Oberstleutnant – aber niemals «sein Modell».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch