«Nazis raus!» – Tumult an der Buchmesse

Eine Veranstaltung der Neuen Rechten an der Buchmesse Frankfurt ist eskaliert.

Die Buchmesse in Frankfurt wurde am Samstag zum Schauplatz von Rangeleien. Foto: Frank Rumpenhorst (DPA/Keystone)

Die Buchmesse in Frankfurt wurde am Samstag zum Schauplatz von Rangeleien. Foto: Frank Rumpenhorst (DPA/Keystone)

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An der Frankfurter Buchmesse hatte der Antaios-Verlag eine Bühne für drei Lesungen gebucht. Zwei konnten stattfinden, die dritte nicht mehr, und vielleicht schreiben diejenigen, die diese letzte Veranstaltung verhindert haben, sich das jetzt auf ihre Fahnen. Dann haben sie aber irgendetwas nicht verstanden. Sicher ist nämlich, dass die Veranstaltung in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie durch diesen Eklat ein voller Erfolg für Antaios war, schliesslich steht hier jetzt schon zum zweiten Mal der Name des ja eigentlich recht kleinen neurechten Verlags. Der gehört dem Ehepaar Götz Kubitschek und Ellen Kositza, und die Veranstaltung war in Sachen Selbstbildbestätigung ein voller Erfolg: Björn Höcke, Martin Lichtmesz, Götz Kubitschek, Caroline Sommerfeld, Martin Sellner, da sass die Crème de la Crème des neudeutschen Opferkultes. Und dann kamen die anderen und machten sie – zu Opfern.

Aber von vorne. Es waren noch keine fünf Minuten vergangen, da zeigte der Publizist Martin Lichtmesz gleich mal die rhetorische Grundstrategie der als Buchvorstellung angekündigten Veranstaltung. Ersten Zwischenrufern dankte er ruhig lächelnd für die «bolschewistischen Wortmeldungen, die zeigen, wie wichtig diese Veranstaltung ist. Wir mögen uns vielleicht nicht, aber wir müssen lernen, miteinander zu leben.» Mit diesem und ähnlichen Moderationssätzen gerierte er sich als Schiedsrichter eines Streits, den er mit seinen Positionen und Texten natürlich permanent selbst anheizt. Auf der Bühne wirkt dieser Trick nach den ersten Störaktionen aber anscheinend auf viele so souverän, dass eine Frau im Publikum kopfschüttelnd sagt, man sehe ja, die dürfen einfach nie ihre Meinung sagen.

Dann fing es an zu brodeln

Genau dieselbe Strategie wenden Sommerfeld und Lichtmesz in ihrem Buch «Mit Linken leben» an, der im Ton eines objektiv moderierenden Ratgebers für den Umgang mit dem angeblich verbohrten «Mainstream» daherkommt. «Mit Linken leben» ist schon im Titel als Antwort auf «Mit Rechten reden», das wohl meistdiskutierte Buch der diesjährigen Messe, konzipiert. Darin arbeiten der Historiker Per Leo, der Philosoph Daniel-Pascal Zorn und der Historiker Max Steinbeis heraus, dass die neuen Rechten mit uns allen ein lang geübtes Sprachspiel spielen, indem sie jedes Mal so lange provozieren, bis man verbal zurückschlägt.

In dem Moment können sie sich hinstellen und sagen: Seht ihr, wir werden die ganze Zeit diffamiert. Dann von vorne: Provokation, Reaktion, Opferrolle rückwärts – kurzum: Man muss aufpassen, dass man durch plumpen Protest ihre Performance nicht befeuert und vergrössert. Die Veranstaltung war ein derart beeindruckender Beleg für die Richtigkeit dieser These, dass man meinen könnte, Leo, Steinbeis und Zorn hätten sich das anschwellende Spektakel als performativen Beleg ihrer Buchthesen ausgedacht.

Natürlich ist es unverschämt, wenn sich Antaios-Mitinhaberin Ellen Kositza die ganze Veranstaltung über als Buchmessenverfolgte inszeniert, obwohl sie doch gerade im Rahmen dieser Buchmesse ihre Lesung moderieren darf, oder wenn sie jammert, die Anne-Frank-Stiftung sei «sehr garstig» zu ihr gewesen. Aber es zeugt eben auch von vollkommen lächerlicher Opferhybris. Man könnte das durch gezielte Gegenfragen genauso dekonstruieren wie Lichtmesz’ rhetorische Taschenspielertricks.

Es ist ja Kreidezeit bei der Neuen Rechten, man schenkt das alte Gift namens Identitin in neuen Schläuchen aus, einfach, indem man biedermännischen Neusprech proklamiert. Ihm Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen, sei unfair, sagt Lichtmesz: «Es geht uns nicht um den Hass auf andere. Sondern um die Begeisterung für unsere Heimat. Wir sind nicht gegen die anderen, sondern für uns.»

Dass auf derlei Sätze Hohnprotest kommen würde, war in die Veranstaltung von vornherein eingepreist. Sobald er von einem Sprechchor aus dem Publikum unterbrochen wurde, entzündeten Lichtmesz und seine Co-Autorin Sommerfeld Wunderkerzen, die sie wie lächelnde Konfirmanden hin und her schwenkten. Ihr eigenes Publikum – viele junge Männer mit straffen Frisuren, Frauen in Identitären-Shirts – skandierten dazu «Jeder hasst die Antifa». Als es zum dritten Mal zu solch einem Minieklat kam, murmelten das dann auch ein älterer, grauhaariger Herr und die kopfschüttelnde Dame vom Anfang mit.

Als kurz darauf AfD-Politiker Björn Höcke das Wort ergriff, fing es im Publikum derart zu brodeln an, dass man sich erstmals fragen konnte, warum hier eigentlich so wenig Security stand. Höcke hatte sein Kommen auf Facebook angekündigt, war doch eigentlich klar, dass es hier rundgehen würde. Er wurde von den einen niedergebrüllt und von den anderen frenetisch gefeiert, Kositza nannte ihn «unsere Hoffnungsfigur». Höcke dankte herzlich dafür, an diesem «Ort der freien Meinung und des freien Wortes» reden zu dürfen, und inszenierte sich erwartungsgemäss als über den alten Links-rechts-Gegensätzen schwebender Tribun. Ich weiss, was das Volk will, stören tun uns alle ja leider nur die Linksfanatiker. Blöd, wenn in dem Moment als Einwand wirklich nur Gebrüll kommt.

«Nazis raus!» – «Nazis raus!»

Zweiter Akt: Akif Pirincci. Der deutsch-türkische Schriftsteller bedauerte im Dresdner Dunkel einmal, dass die KZs ja derzeit ausser Betrieb seien und dass Muslime «Ungläubige mit ihrem Moslemsaft vollpumpen» würden, so lange, bis Deutschland zu einer «Moslemmüllhalde» verkomme. Solche Sätze sagte er im Frankfurter Licht natürlich nicht, er pochte nur darauf, dass er damals ja alles vorausgesehen habe, Köln, Silvesternacht, ich habs euch gesagt. Und dass er ein Opfer sei, weil ja keiner mehr seine Bücher kaufen könne, Hashtag Zensur.

Tja, und dann sollten die beiden Identitären Martin Sellner und Mario Müller reden. Das Ganze ging dann aber in einem Tumult unter, von links wurde geschrien, von rechts wurde geschrien, und als endlich ein Vertreter der Buchmesse mit einem Haufen Polizisten anrückte, lag längst ein Hauch von Bierkellern der 1930er-Jahre über diesem hinteren Ende der Halle 4. Absurder Höhe- und Schlusspunkt: der verstörte Messevertreter, der sagt, die Veranstaltung sei beendet, den aber niemand hört, weil sich über eine massive Polizeiphalanx hin zwei Gruppen mit genau denselben Worten, in ein und demselben Rhythmus anschreien: Nazis raus! Nazis raus!

Kubitschek, Lichtmesz, Höcke und Sellner – das sind die Gegner, mit denen die Demokratie es fortan zu tun hat. Wenn das, was am Samstag veranstaltet wurde, die Mittel sind, mit denen sie darauf reagiert, ist sie schlecht gerüstet. Andererseits: Viele schreiben im Netz, das Debakel sei die gerechte Quittung dafür, dass man sie überhaupt auf die Messe gelassen habe.

Denen sei dann doch mal ein Blick ins deutsche Grundgesetz geraten. Man kann einen Stand nur verbieten, wenn er sich strafrechtlich schuldig macht. Bleibt die bohrende Frage, wie man in Zukunft mit Rechten redet.

Erstellt: 15.10.2017, 23:06 Uhr

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