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Neue Helden braucht das Land

Der Philosoph Dieter Thomä erklärt in seinem neuen Buch, warum Demokratien Helden brauchen.

Macht sich stark für Kinder: Die 22-jährige Pakistanerin Malala Yousafzai ist die jüngste Trägerin des Friedensnobelpreises. Foto: Fairfax Media, Getty
Macht sich stark für Kinder: Die 22-jährige Pakistanerin Malala Yousafzai ist die jüngste Trägerin des Friedensnobelpreises. Foto: Fairfax Media, Getty

Der an der Universität St. Gallen lehrende Philosoph Dieter Thomä hat in seinem Leben mehr ­gesehen als das Innere von Hörsälen. Zum Beispiel hat er ­Häuser besetzt, ein Studium abgebrochen und wieder aufgenommen, als Journalist gearbeitet und eine Gastdozentur an der New School of Social Research innegehabt.

Die in diesem Lebenslauf ­erworbene innere Weite und Interessiertheit ist seinen Büchern zugutegekommen und spiegelt sich in ihren fast provokatorisch unakademischen Themen: Vaterlosigkeit, Glück, Selbst, Selbsterzählung, Lebensgeschichte. Seine letzten beiden Publikationen entwickeln eine philosophische Anthropologie des Eigensinns: «Puer robustus» brachte 2016 die politischen Qualitäten des Neinsagers und destruktiven Charakters zur Geltung.

Demokratische Mühen

Das neue Buch «Warum Demokratien Helden brauchen. Plä­doyer für einen zeitgemässen ­Heroismus» stellt eine schon fast vergessene Figur der alteuro­päischen Kulturgeschichte ins Scheinwerferlicht modernen ­Räsonnements und auf den Prüfstand demokratischer Tugendvirtuosität.

Dass es auch demokratisches Heldentum gibt und dass es gebraucht wird, ist eine starke ­Intuition und kulturgeschichtlich tief verankert. Eine schwarzweisse Fernsehserie nach John F. Kennedys Klassiker «Profiles of Courage» in den frühen 60er-Jahren gehört zu den intensivsten Erinnerungen des Dreizehnjährigen.

Ihre konventionellen Bilder wurden später überblendet durch Gary Coopers Hut, Weste, Revolver, Gesicht in Fred Zinnemanns «High Noon». Und sie stiegen wieder auf in der ­kollektiven Erinnerung meiner ­Generation, als Lech Walesa 1980 auf den Schultern seiner Kollegen über die Lenin-Werft ge­tragen und Nelson Mandela 1994 zum Präsidenten Südafrikas ­gewählt wurde.

Politischer Eigensinn hatte in diesen Heldenbiografien die Massen einfacher polnischer und südafrikanischer Mitmenschen ergriffen und hatte sie zum Sieg über Rassen- und Klassentotalitarismen getragen. Nun konnten die Mühen der ­demokratischen Ebene ­beginnen. Wie der undemokratische (der kriegerische) Held ist der demokratische eine Figur der Souveränität, der einsamen Dezision, der inneren ­Unabhängigkeit, des Selbst­opfers für andere und des unabsehbaren Risikos.

Linke Bedenken

Dieter Thomä muss viel Raum, Beredsamkeit und Scharfsinn aufwenden, um Möglichkeit und Legitimität demokratischen Heldentums gegen vorab zu Recht erwartete Einwände und Angriffe von liberaler und linker Seite zu verteidigen. Er präpariert die heroischen Charakterzüge sorgfältig aus ihrem ursprünglichen – dem martialischen – Kontext heraus. Eigensinn, Uneigennützigkeit, Memorabilität, Risiko­bereitschaft, Weitsicht, Resilienz, Hilfsbereitschaft erweisen sich, zivil umkodiert und sozusagen «säkularisiert», als unverzichtbar für Demokratien. Denn ­diese sind stabil-instabile, von Beginn an experimentelle Gesellschaften, zu denen Krisen und Entscheidungssituationen per definitionem gehören.

Mit seinem dekonstruierenden Verfahren erweist sich ­Thomä als Schüler Max Webers. «Der Held betritt als Gegenspieler der Bürokratie die Bühne», schreibt er und zitiert den Bürokratietheoretiker, der 1909 dafür plädierte, dem von «Ordnungsmenschen» bewirtschafteten stählernen Gehäuse der verwalteten Welt heroische Dispositionen entgegenzusetzen, «um einen Rest des Menschentums freizuhalten von dieser Parzellierung der Seele, von dieser ­Alleinherrschaft bureaukratischer Lebensideale».

In einer der überzeugendsten Passagen seines Buchs zitiert Thomä die zahllosen, einander zum Teil konträr widersprechenden Deutungen und Umdeutungen der Heldengestalt des Odysseus als Beleg für die Plastizität und Universalität dessen, was wir das Heldische nennen und auf das weder Moderne noch ­liberale Gesellschaft verzichten können.

Risikoreiche Intervention

Thomä ist auch eine bildungs­soziologisch interessante Gestalt. Er verkörpert in der Gegenwart einen Typus des publikumsfreundlichen, aber fachlich ­bewährten und bewanderten philosophischen Schriftstellers, der mit Ralph Waldo Emerson (den Thomä in seinem Heldenbuch oft und zustimmend zitiert) in den USA des frühen 19. Jahrhunderts die Bühne betrat, in den frühen Jahren des 20. in Deutschland im vergessenen ­kulturkritischen Werk Walther Rathenaus wiederauftauchte und in den Achtzigern mit dem Frühwerk Peter Sloterdijks, den kleinen politischen Schriften von Jürgen Habermas und einigen wohlplatzierten Provokationen Niklas Luhmanns publikumswirksam wurde. Dieser Schriftstellertypus scheint aufzutreten, wenn lang herrschende Ideen verteidigt oder neu betrachtet werden müssen: der Empirizismus der Harvard Divinity School im Amerika der 1830er-Jahre, der 68er-Impuls um 1980.

Heute ist es die Idee des ­Liberalismus selber, die von mächtigen politischen und intellektuellen Bewegungen unter Beschuss genommen wird. Wenn es, wie Dieter Thomä plausibel machen kann, die Aufgabe des Helden ist, eine gefährdete ­Ordnung durch eine risikoreiche Intervention zu befestigen oder weiterzuent­wickeln, dann hat sein Buch selbst einen heroischen Aspekt.

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