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Der Versuch, die eigene Scham zu überwinden

Didier Eribon schreibt mit «Gesellschaft als Urteil» die soziologische Deutung seiner Biografie fort. Und setzt sich versöhnlicher mit dem «Klassenverrat» des Vaters auseinander.

Kann man dem eigenen sozialen Erbe entkommen? Streikende Renault-Arbeiter, 2013. Foto: Reuters
Kann man dem eigenen sozialen Erbe entkommen? Streikende Renault-Arbeiter, 2013. Foto: Reuters

Nur wenige Sachbücher haben in den letzten Jahren eine ähnlich grosse Resonanz erfahren. In den Feuilletons wie in linksradikalen Politgruppen, bei Bürgerlichen ebenso wie bei Gewerkschaftern war Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» das Buch der Stunde. Das Nachfolgebuch, «Gesellschaft als Urteil», verknüpft erneut Elemente soziologischer Reflexion mit autobiografischer und literarischer Erzählung. Eribon nimmt zentrale Fäden wieder auf: die Herkunft aus dem französischen Arbeitermilieu und die damit verbundene Scham, seine Homosexualität sowie den Aufstieg in das linksliberale akademische Milieu.

Wie das Vorgängerbuch ist «Gesellschaft als Urteil» der Versuch, die eigene Scham zu überwinden, indem man sie offenlegt. Aber Eribon legt diesmal den Akzent stärker auf die Emanzipation durch die Literatur. Das Buch ist deshalb theoretischer, allgemeiner. Und doch bindet Eribon seine Generalisierungen immer wieder an das konkrete Leben zurück. An seines und das seiner Familie, aber auch an das der von ihm verehrten und diskutierten Autorinnen und Autoren, unter anderem Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre und Annie Ernaux.

Nach einer langen, mäandernden Eröffnung findet er zum eigentlichen Thema: Wie stark ist das soziale Erbe der Familie, kann man ihr entkommen? Soziale Mobilität ist möglich, Eribon selbst ist ein Beispiel dafür. Aber selbst der soziale Überläufer kann seine Abstammung nie ganz abstreifen. Nur mit viel Glück konnte Eribon die Gegenstromanlage des Bildungssystems durchschwimmen. Etwa durch seine Freundschaft mit dem Soziologen Pierre Bourdieu. Im Buch widmet er ihm längere Passagen, die von grosser Verehrung geprägt, aber auch mit kleinen Vatermorden gespickt sind. Er legt beispielsweise nahe, dass Bourdieu aus biografischen Gründen seine soziologische Objektivität zuweilen habe fallen lassen, weil er in einer Studie die Gewalttätigkeit junger Araber herunterspiele.

Eribons Scham über seine Herkunft, daran erinnert er den Leser immer wieder, ist gross. So gross, dass er darüber mittlerweile zwei Bücher geschrieben hat. Gross ist aber auch sein akademisches Selbstbewusstsein. Denn nichts weniger als die Fortsetzung von Bourdieus «Die feinen Unterschiede» wolle er, so berichtet er im neuen Buch, geschrieben haben. Wer «Die feinen Unterschiede» kennt, kann nur den Kopf schütteln über diese Anmassung. Bourdieus Hauptwerk ist eine der theoretisch ambitioniertesten, innovativsten und gleichzeitig empirisch gehaltvollsten Leistungen der Soziologie im 20. Jahrhundert.

Dichte und berührende Prosa

Immerhin sind die Abschnitte des Buches, in denen Eribon analysiert, wie sich die Klassengesellschaft vor allem über das Bildungssystem und die Hochkultur selbst reproduziert, fabelhaft. Das latente Wissen, die Riten, die Codes, der Konformitätsdruck legen den sozialen Aufsteigern derart viele Hürden in den Weg, dass ein Ankommen in den Milieus der kulturellen Elite nie abgeschlossen sein kann. Der soziale Aufsteiger steht gleichzeitig unter dem Konformitätsdruck der neuen Umgebung, sich von seiner eigenen Herkunft zu distanzieren. Eri­bon erliegt ihm zuweilen selbst – auch dann, wenn er ihn thematisiert.

Bourdieu selbst hat seinen sozialen Aufstieg mit einem gehobenen Stil verbunden, ein häufig anzutreffendes Merkmal derjenigen, für die die kulturelle Elite keine Selbstverständlichkeit ist. Eribons Prosa (und die seines Übersetzers Tobias Haberkorn) ist dagegen meist dicht und berührend, bisweilen ergreifend. Nur manchmal tropft aus seinen Ausführungen der dickflüssige Honig des poststrukturalistischen Jargons, der das Argument unnötig verklebt. Manchmal ist es denn auch etwas banal: Wenn er etwa ausführt, wie Geschlechter eine soziale Konstruktion darstellen, dann referiert er schlicht die Standardtheorie von Judith Butler – ohne sie zu nennen.

Die Scham als Kraftquelle

Die stärksten und einfühlsamsten Passagen sind die Schilderungen über Leben und Klassenverhältnisse seiner Grossmütter. Ihre Wege verliefen unterschiedlich, doch blieben beide dazu verdammt, ihre Leben in der Unterklasse zu fristen.

Ihr Schicksal war nicht nur Klassenschicksal, sondern auch Los vieler Arbeiterinnen, deren Dasein noch durch die geschlechtliche Arbeitsteilung gekreuzt wird. Die gesellschaftlichen Moralvorstellungen wie auch die der eigenen Klasse bürden ihnen ein strenges Rollenkorsett auf, vor allem in sexueller Hinsicht. Im Haushalt wiederum hatten sie mit der männlichen Herrschaft zu kämpfen. Viele Arbeiter glichen ihre mangelnde Anerkennung im Arbeitsalltag durch ihre Rolle als Haushaltsvorstand aus.

Der kommunistische Arbeiter, der sein Vater war, gab seine revolutionären Ziele auf, um am Wohlstandskonsum teilzuhaben. Der Horizont der Arbeiter war ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr die andere, bessere Gesellschaft, sondern das eigene Häuschen; sie wollten auch Kleinbürger werden. Als junger Marxist verachtete Eribon diesen «Klassenverrat» seines Vaters. Dabei erlagen seine Eltern nur dem kreditgetriebenen Traum des kleinen Aufstiegs. Unter der Hand verändert sich auch der Blick auf seinen Vater, der seine kommunistische Militanz zugunsten des Aufstiegs zum Vorarbeiter nicht zuletzt deshalb aufgab, um seinem Sohn den Besuch des Gymnasiums zu finanzieren.

Eribon gibt damit eine weiter gehende Erklärung für die politische Hydraulik von links nach rechts unter den Arbeitern. Es hatte sich nicht nur die Linke von ihnen abgewendet, zugleich erwies sich ihr neues Lebensmodell als Sackgasse. Ihr Aufstieg stagnierte, ihre Teilhabe am Konsum war nur geborgt, und ihr kollektiver Abstieg war in ihren Vierteln überall sichtbar.

Zum Ende nimmt Eribon politisch noch einmal richtig Fahrt auf, seine analytische Rückkehr zur «Rückkehr nach Reims» hat am Ende seine Schreibtemperatur merklich erhöht. Es herrscht Klassenkampf, damals wie heute, und wir sollten aufhören, das zu leugnen. In der Scham über die Vielheit der Diskriminierungen, die die Gesellschaft den Menschen aufzwingt, sieht Eribon die Möglichkeit einer gewaltigen Kraft für den demokratischen Aufbruch.

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