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Nikki, 13, dealt mit Heroin

Krimi der Woche: Katherine Faws Debüt erzählt von Drogen, Prostitution, Gewalt – bis es wehtut beim Lesen.

Hanspeter Eggenberger
Katherine Faws kürzte ihren Debütroman um mehr als drei Viertel. Das Resultat: harte, intensive Lektüre.
Katherine Faws kürzte ihren Debütroman um mehr als drei Viertel. Das Resultat: harte, intensive Lektüre.
Don Morris

Der erste Satz

Nikki ist am Ausflippen.

Das Buch

Nikki ist 13. Nach dem Tod ihrer Mutter – ein Unfall? Suizid? – klaut sie dem Freund der Mutter das Auto und fährt zu ihrem Vater, Coy Hawkins. «‹Du hast mich nie angerufen, kein einziges Mal›, sagt sie. ‹Ich war im Gefängnis›, sagt Coy Hawkins. ‹Ich war im Heim›, sagt Nikki.» Coy haust mit einem Mädchen, das kaum älter als Nikki ist, in einem Trailer irgendwo in den Bergen in North Carolina. Er fährt das Mädchen jeweils zum Anschaffen in ein Motel, und er dealt mit Drogen.

Die amerikanische Autorin Katherine Faw nimmt uns in ihrem Debüt «Young God», das sie im Original vor sechs Jahren als 30-Jährige veröffentlichte, mit auf einen Höllentrip nach ganz unten in der ruralen Gesellschaft der heutigen USA. Das ist keine Kindergeschichte. Es geht um Drogen, Prostitution, Pädophilie, Gewalt, prekäre Eltern-Kind-Beziehungen. Nikki ist da objektiv gesehen eines der Opfer, doch sie will diese Rolle nicht. Als «selbstsüchtig, ehrgeizig und manipulativ» beschreibt sie die Kritikerin Kirsten Reimers in ihrem gescheiten Nachwort zur deutschen Ausgabe. Hier erfahren wir auch, dass Faw fünf Jahre an dem Roman gearbeitet hat und ihn am Ende auf weniger als ein Viertel gekürzt hat.

Die radikal reduzierte Erzählweise macht den Roman nicht nur aussergewöhnlich, sondern vor allem auch besonders hart und intensiv. Auf manchen Seiten stehen kaum zwei Zeilen: «Sie hört etwas. Ein Rumpeln. Sie rennt in die Küche und greift ein Messer, aber es war nichts.» Oder: «Sie träumt von nichts, das ist ihr Lieblingstraum. Und in ihr ist ein leises Summen.» Oder nur: «Nikki schreit.»

Im Verlauf der düsteren Geschichte werden die Grenzen zwischen Realität, Albträumen und Drogenrausch immer unschärfer.

Nikki will nicht zurück in die Schule. Sie will ins Geschäft einsteigen. Und sie lernt schnell. Etwa, dass ein Mädchen, je jünger es ist, umso mehr einbringt. Schon bald macht sie ihrem Vater vor, wie man einträglicher mit Drogen handelt. Doch verfällt sie selbst ihrer Handelsware. «Heroin ist das grösste Geheimnis von allen. Nadeln sind der geheimste Teil davon, und schon seit sie ein kleines Mädchen war, hat sie Geheimnisse geliebt.»

Im Verlauf der düsteren Geschichte werden die Grenzen zwischen Realität, Albträumen und Drogenrausch immer unschärfer. Dabei hat man nie Grund zu zweifeln, dass das alles böse enden wird. Faw erzählt ohne explizite Psychologisierungen und Erklärungen. Knapp, sehr filmisch. Atemberaubend. Country Noir der gnadenlosen Art. Es tut manchmal fest weh beim Lesen.

Der Titel «Young God» erschliesst sich übrigens aus dem Inhalt nicht. Katherine Faw hat ihn von einem Song der New Yorker Kultband Swans übernommen, den Nikki wohl gemocht hätte.

Die Wertung

Die Autorin

Katherine Faw, geboren 1983 in Wilkesboro im US-Staat North Carolina, wo sie auch aufwuchs, war schon in ihrer Schulzeit durch ihr Schreibtalent aufgefallen. Nach der Teenager-Zeit als Punk begann sie zwei Wochen vor 9/11 ihr Studium an der New York University, deren Gallatin School sie 2005 abschloss. 2010 schloss sie das «MFA Writing program» an der Columbia University in New York ab.

Ihr erster Roman «Young God» (2014), an dem sie fünf Jahre gearbeitet hatte, erregte Aufsehen und wurde von verschiedenen Kritikern zu den besten Büchern des Jahres gezählt. Inzwischen ist ihr zweiter Roman «Ultraluminous» (2017) erschienen. Sie lebt in Brooklyn, NY.

Katherine Faw: «Young God» (Original: «Young God», Farrar, Straus and Giroux, New York 2014). Aus dem Englischen von Alf Mayer. Mit einem Nachwort von Kirsten Reimers. Polar-Verlag, Stuttgart 2020. 228 S., ca. 19 Fr.
Katherine Faw: «Young God» (Original: «Young God», Farrar, Straus and Giroux, New York 2014). Aus dem Englischen von Alf Mayer. Mit einem Nachwort von Kirsten Reimers. Polar-Verlag, Stuttgart 2020. 228 S., ca. 19 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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