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Nimm einfach nie ein Dessert

Der Schweizer Autor Rolf Dobelli weiss, wie wir glücklich werden – und wie nicht.

Der zweifelhafte Happiness-Effekt der Dinge: Kirsten Dunst im Film «Marie Antoinette».
Der zweifelhafte Happiness-Effekt der Dinge: Kirsten Dunst im Film «Marie Antoinette».

Der Boom der Ratgeberliteratur ist verständlich: Je unübersichtlicher die Welt wird, umso grösser ist das Bedürfnis nach Tipps und Anweisungen für Beruf, Alltag und Beziehung. Das Gros dieser Bücher ist ein Graus: Sie versorgen, ja überschwemmen den wachsenden Markt mit ihren billigen Ratschlägen und halten so eine Geldmaschine am Laufen, die die Berater bereichert, den Ratsuchenden aber nicht hilft.

Es gibt aber auch Ausnahmen. Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli zählt dazu. Seit Jahren verfasst er Kolumnen, die zuerst in renommierten Zeitungen erscheinen und dann in Buchform: «Die Kunst des klaren Denkens» (2011) und «Die Kunst des klugen Handelns» (2012) wurden millionenfach verkauft und in vierzig Sprachen übersetzt. Auf der massgeblichen Bestsellerliste des «Spiegels» belegen Dobellis Werke regelmässig Spitzenplätze – und das aus zwei Gründen.

Zum einen bedient sich der Schriftsteller einer schlanken, entschlackten Sprache, die – geschult an angelsächsischen Vorbildern und Vordenkern – die Sache nicht kompliziert oder mit stilistischem Ornament überdeckt. Getreu dem Motto «Reduce to the max» pflegt Rolf Dobelli ein dem Argument verpflichtetes Denken – mitunter mit dem Effekt, dass man beim Lesen häufig zustimmend nickt, bloss um dann beim Handeln genau das Gegenteil zu tun (was ebenfalls thematisiert wird).

Zum anderen sind die Versuchsanordnungen, auf denen die Ratschläge basieren, empirisch, also wissenschaftlich getestet. Rolf Dobelli ist auf dem neuesten Stand der Forschung. Was er analysiert, ist nicht nur für Individuen relevant, sondern für die Gesellschaft. Seine Publikationen sind seriöse Sachbücher, die zu lesen sich lohnt – allein schon deswegen, weil die klare Gedankenführung an sich ein Genuss ist (und Letzterer ist neben dem Sinn die halbe Miete eines glücklichen Lebens).

«Wir beneiden jene, die uns ähnlich sind.»

«Sinnhaftigkeit und Genuss, das sind die beiden Grundsteine von Glück», heisst es in «Die Kunst des guten Lebens. 52 überraschende Wege zum Glück», dem neuen Buch von Rolf Dobelli. Setzt man das gute Leben mit dem glücklichen Leben gleich (was allerdings nicht unproblematisch ist), dann ergeben die Kolumnen ein aus vielen Puzzleteilen zusammengesetztes, stimmiges Bild: Im Zentrum steht der sich selbst lenkende und bestimmende Mensch, der Vergleiche mit anderen meidet, weil er weiss, was Dobelli schreibt: «Der Neid ist die sinnloseste, unbrauchbarste und giftigste Emotion aller Emotionen.» Sonst mit Superlativen sparsam umgehend, wird der Autor in dieser 32. Kolumne ungewohnt heftig.

Auch der Nobelpreisträger Bertrand Russell, so der eifrig zitierende Dobelli, habe den Neid als eine der wichtigsten Ursachen von Unglück bezeichnet. «Je stärker wir uns mit anderen vergleichen, desto höher die Neidgefahr. Wir beneiden vor allem jene, die uns in puncto Alter, Beruf, Umgebung und Lebensart ähnlich sind.» Unser Nachbar steht uns mehr vor der Sonne als etwa Roger Federer, Angela Merkel oder George Clooney. Dabei belegten doch Forschungen, dass das Glück, das ein fetter Wagen oder ein hübsches Haus versprechen, bloss kurz andauert – wenn überhaupt: «Wir überschätzen den Happiness-Effekt von Dingen und unterschätzen den Happiness-Effekt von Erlebnissen.» Eine ähnliche Fehleinschätzung stellt Rolf Dobelli bezüglich der Vergangenheit fest: «Wir schätzen den Wert der Erinnerungen zu hoch und den Wert des erlebten Augenblicks zu gering ein.» Weniger fotografieren mache glücklicher.

Das Fazit, das der Schriftsteller zieht, überzeugt in vielen Punkten: Wer gut und glücklich leben wolle, sollte seine Energie nicht darauf verschwenden, nicht veränderbare Dinge wie etwa das Wetter, das Einkommen der anderen oder Schicksalsschläge verändern zu wollen. Vielmehr müsse, so Dobelli, das Beeinflussbare beeinflusst werden – was wegen der Fokussierung auf Unabänderliches häufig aus dem Blick gerate. Ein glückliches oder gutes Leben sei kein Zustand, sondern eine Haltung, die wir stets neu erringen müssten.

Wo bleibt der Kontrollverlust?

Gerade in Zeiten der überbordenden Social Media sei der dauernde Fremdbezug ein ungeschriebenes Gesetz und damit eine Gefahr für das gute Leben. Ohne der Authentizitätsideologie zu verfallen, rät der Schriftsteller zu mehr Bescheidenheit – sowohl hinsichtlich seiner selbst als auch seines Könnens. Denn vieles, was wir uns zuschreiben, verdanken wir Zufällen wie etwa der Zeit, in die wir geboren wurden, oder dem Ort, wo wir zur Welt kamen. Die Performance unserer Aktien beruhe wesentlich auf Effekten, auf die wir keinen Einfluss haben – erst im Nachhinein versuchen wir, dieses Unbestimmte zu etwas von uns Bestimmtem zu machen.

Nicht alles, was Rolf Dobelli ausführt, leuchtet ein – das macht aber insofern nichts, als dies die eigene Reflexion, das kantsche Selberdenken, anregt. So etwa, wenn ausgerechnet ein Atheist wie der Autor das totgesagte Gelübde zu neuem Leben erwecken will und als Bollwerk in Stellung bringt gegen die moderne Flexibilisierung. So sagt ihm ein Manager, mit dem er oft und gerne zu Tisch sitzt, dass er nie, aber auch gar nie einen Nachtisch nehme. Dies findet Rolf Dobelli lobenswert, weil der gute Mann eine Entscheidung weniger zu fällen hat. Man kann es jedoch auch als eine Form von Sturheit auslegen – wie andere Lebenstipps auch, die einen etwas strengen Nachgeschmack hinterlassen.

Zu einem glücklich gelungenen Leben gehört doch auch die Lust am Verlust der Kontrolle und die Freude am sinnlosen Überfluss, die spontane Zuwiderhandlung gegen alles Vernünftige und die Beseelung des Augenblicks mit dem Unerwarteten. Das alles kommt beim Rationalisten Dobelli, der nicht dialektisch argumentiert, entschieden zu kurz: Die wahre «Kunst des guten Lebens» entfaltet sich aber auch und besonders in jenen Momenten, wo wir gerade nicht so handeln, wie es uns der nüchterne Verstand nahelegt.

Rolf Dobelli stellt sein Buch am Dienstag, 31.10., um 20 Uhr im Kaufleuten Zürich vor.

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