«Noch erlaubt mir Putin, anders zu denken»

Die Moskauer Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja hat mit «Jakobsleiter» einen Roman über ihre Grosseltern, über Lagerhaft und Verrat geschrieben. Dafür wurde sie in ihrer Heimat angegriffen.

«Am 100. Jahrestag der Oktoberrevolution blieb der Kreml ratlos»: Ljudmila Ulitzkaja. Foto: Samuel Schalch

«Am 100. Jahrestag der Oktoberrevolution blieb der Kreml ratlos»: Ljudmila Ulitzkaja. Foto: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie kamen Sie zu den Briefen, die Ihren Roman inspiriert haben?
Ich erhielt die Mappe 1975, nach dem Tod meiner Grossmutter. Rund 500 Briefe aus den Jahren 1911 bis 1954. Sie lagen dann lange bei mir herum. Ich hatte Angst, sie zu öffnen.

Weshalb?
In Russland hat jede Familie Skelette im Schrank. Das liegt an unserer Geschichte. Wir Heutigen wissen nicht, was unsere Eltern gedacht und gemacht haben – im Stalinismus, im Zweiten Weltkrieg. Und wir wissen es noch viel weniger von unseren Grosseltern. Als ich die Mappe öffnete und sah, dass der erste Brief aus dem Jahr 1911 datiert, machte ich sie schnell wieder zu.

Ihre Ängste haben sich bestätigt.
Teilweise ja. Ich habe viel Hartes, Unangenehmes erfahren aus dem Leben ­meiner Familie. Mein Grossvater sass im Gefängnis, in Lagerhaft. Sein Sohn sagte sich los von ihm. Aber mein Grossvater war, wie Sie im Buch nachlesen können, ein wunderbarer Mensch. Ich verdanke den Briefen auch die Bekanntschaft mit ihm. Ich habe die Mappe erst 2011 geöffnet, 100 Jahre nach dem ersten Brief. Da war ich bereit.

Sie haben Russland ein Land des Vergessens genannt. Weshalb?
Wir haben eben des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution gedacht. Doch wir sollten besser an die vielen Wellen der Gewalt denken, die auf diese Revolution folgten. Der Staat hat eingegriffen in das Denken und Fühlen der Menschen, hat verlangt, dass sie sich gegenseitig denunzieren, hat sie getötet und verletzt. Diese Geschichte hat aus den Menschen moralische Krüppel gemacht.

Wirkt dieses Grauen nach bis heute?
Vor kurzem erfuhr ein junger Journalist aus Sibirien, dass sein Vater zur Sowjetzeit erschossen worden war. Er stellte Nachforschungen an und machte den Ort und die Täter ausfindig, vier Männer und eine Frau. Er schrieb darüber, und es wurde klar: Die Täter waren keine Monster, sondern ganz normale Leute. Es war der Staat, der aus ihnen etwas ­anderes gemacht hatte. Bis heute ist der russische Staat nicht daran interessiert, dass solche Geschichte aufgearbeitet wird. Der heutige Geheimdienst FSB ist die direkte Nachfolgeorganisation des KGB und der anderen Geheimpolizeien, die das Leben der Menschen so schrecklich geprägt haben. Es soll geschwiegen werden. In den letzten Jahren hat sich die Atmosphäre der Angst leider neu verstärkt. Mein Buch über die eigenen Grosseltern hat deshalb wohl eine gewisse gesellschaftliche Relevanz.

«In den letzten Jahren hat sich die Atmosphäre der Angst in Russland leider neu verstärkt.»

Der Staat hat durchaus Interesse an Geschichte, errichtet etwa neue Statuen: Iwan der Schreckliche, Michail Kalaschnikow . . .
Stimmt. Doch am 100. Jahrestag der Revolution blieb der Kreml ratlos. 70 Jahre lang war das der grösste Feiertag der sow­jetischen Nation gewesen, das steckt tief im Unterbewusstsein des Volkes. Die Regierung wusste nicht, wie sie daran erinnern sollte. An eine furchtbare ­Katastrophe, die das Land verstört und zerstört hat? Oder an ein grosses Fest, das der ganzen Welt etwas gebracht hat?

Und was hat die Regierung getan?
Sie hat geschwiegen. Im Land erhebt sich eine neue Welle des Nationalismus. Heute Nacht in meinem Basler Hotel konnte ich nicht schlafen. Da habe ich das Radio angemacht. Es lief eine Umfrage in Moskau, was die Leute vom ­einbalsamierten Lenin halten, der noch immer im Mausoleum auf dem Roten Platz liegt. Die Antworten der Strasse haben mich verblüfft: Ein Held, Retter des Landes, sei er gewesen!

Was bedeutet das?
Der kritische Blick auf die Sowjetzeit verblasst. Das macht mir Angst. Ich war schon in der Sowjetzeit nie bei der Mehrheit mit dabei, schon als Kind verstand ich, dass ich einer tragischen Minderheit angehöre. Aber heute verdampft und verschwindet diese Minderheit ganz.

Seit 2017 steht auch eine «Mauer der Trauer» in Moskau – für die Opfer des Stalinismus. Präsident Putin hat sie eingeweiht. Ist das nichts?
Oje. Das ist eine besondere Geschichte, und ich habe mit ihr direkt zu tun. In Karelien wird derzeit ein Gerichtsprozess geführt gegen einen Mann namens Juri Dmitriew. In Karelien haben 1937, 1938 Massenerschiessungen unter Stalin stattgefunden – viele Tausende von ­Leichen liegen im Boden. Juri Dmitriew hat 30 Jahre seines Lebens gegeben, um herauszufinden, wo diese Erschiessungen waren und wer getötet wurde. Das heisst, er ging in die Archive und dann in den Wald. Er hat Gedenktafeln errichtet, kleine Friedhöfe und ein Buch ­herausgegeben. Jetzt steht er vor Gericht, seit Monaten ist er in Haft, und die Vorwürfe sind komplett absurd.

Die Anklage wirft ihm vor, pornografische Fotos seiner Adoptivtochter erstellt zu haben. Die Menschenrechtsgruppe Memorial sagt, er habe nur den Gesundheitszustand des Kindes dokumentiert. Was ist wahr?
Die Vorwürfe sind haltlos. Der Staat stellt ein eigenes Denkmal für die Opfer auf, ohne Namen – und verfolgt dafür den Mann, der sich wirklich um Aufarbeitung gekümmert hat. Während ­Putin das Moskauer Denkmal einweiht, sitzt Dmitriew im Gefängnis. Ich bin zur Verhandlung gefahren, wir durften nicht hinein, aber wir sahen, wie er zum Saal geführt wurde, verwittert, in Handschellen. Interessanterweise kam hinter ihm ein Typ, der sah aus wie ein echter Verbrecher, eine Bestie, ein Mörder. Und als Drittes kam der frühere Gouverneur des Gebiets, der wegen Korruption vor ­Gericht steht. Der Lokalhistoriker, der Gangster und der korrupte Politiker, alle in Handschellen: Ich hätte mir das als Metapher in keinem Roman besser ausdenken können! Ich freue mich, dass es in Moskau ein Denkmal für die Opfer Stalins gibt. Aber es steht in einer Stadt, in der es viel mehr Statuen gibt für die, die getötet haben. Das ist schizophren.

Wladimir Putin sagt, die Nation müsse «einen Schlussstrich» ziehen.
Wenn der Präsident das sagt, dann denkt er das wohl. Aber wir denken nicht alle so. Und ich danke unserem Präsidenten, dass er mir bisher noch ­erlaubt, anders zu denken als er.

Sie sind 2016 angegriffen worden.
Ja. Die Organisation Memorial veranstaltet seit 17 Jahren einen Schülerwettbewerb. Die Jugendlichen schreiben Aufsätze, die mit Geschichte zu tun haben. Wir geben jedes Jahr ein Buch heraus, die sind wirklich toll. Dorfgeschichte, Familiengeschichte, alles Mögliche. Ich bin Vorsitzende der Jury. Seit einiger Zeit wirft die neue Rechte der Gruppe Memorial vor, sie wolle Russlands Geschichte neu schreiben, umschreiben, in den Schmutz ziehen. Das ist nicht wahr. Als diese jungen Kerle letztes Jahr am Wettbewerb auftauchten und mich mit grüner Farbe bespritzten, da taten sie mir vor allem leid. Ich sagte: Hört, Kinder, setzt euch, lasst uns reden. Aber sie wollten nicht zuhören.

Sie nannten Sie eine «Faschistin», die die Jugend verderbe und grosse Taten der Roten Armee totschweige.
Arme Hundesöhne, wie es bei Faulkner heisst.

Können Sie über alles schreiben?
Ich frage niemanden um Erlaubnis. Dass wir hier sitzen und reden, ohne Sorge, und dass ich nach Moskau zurückfliegen kann, das zeigt, dass ich frei bin. Das wäre in der Sowjetzeit nicht möglich gewesen. Mir gefällt die heutige Regierung nicht, aber die sowjetische gefiel mir noch weniger. Josef Brodksy schrieb: Ein Dieb ist mir lieber als ein Mörder.

Haben Sie nie Angst?
Jeder Mensch hat eine andere Angstschwelle, so wie er eine individuelle Schmerzgrenze hat. Natalja Gorbanewskaja war eine der sieben Personen, die 1968 auf dem Roten Platz gegen den ­Einmarsch in die Tschechoslowakei demonstrierten. Sie schob einen Kinderwagen, ihr drei Monate altes Kind lag darin. Verglichen mit Natalja ist meine Angstschwelle sehr, sehr niedrig.

Sie waren befreundet?
Ja. Sie ist 2013 gestorben. Die Sowjetmacht war eine schlechte Macht. Aber sie hat uns auch etwas gegeben: Sie hat einen Kreis der Freunde geschaffen. Alle, die die Sowjetunion nicht mochten, fanden zusammen. Das war eine warmherzige Minderheit. Wir haben uns geholfen. Und die Gemeinschaft hat sich bis heute erhalten, auch wenn viele ­verstorben sind. Die Sowjetherrschaft hat Henker und Schurken hervorgebracht, aber auch Gemeinschaft.

Wer im letzten Jahr der Sowjetunion geboren ist, ist heute 26 Jahre alt. Wie lesen junge Russen Ihre Texte?
Sie haben falsche Vorstellungen vom ­Leben meiner Generation. Manche denken, die Dissidenten hätten eine grosse Nation kaputtgemacht. Darum schrieb ich «Das Grüne Zelt», in dem es nicht um die Stars der Bewegung geht, sondern um ganz einfache Leute, die die Sowjetmacht nicht akzeptieren konnten.

Was waren das für Leute?
Die wollten nicht schiessen, die wollten lesen! Lesen war unser Heldenmut. Die Listen der verbotenen Bücher wurden zwar nie veröffentlicht, doch sie waren real. Westliche Belletristik, Bücher zu Geschichte und Politik: Es gab so viele Schlösser an den Bücherregalen unseres Landes. Auf der Welt gab es, glaube ich, keinen Ort, an dem mit so viel Ernsthaftigkeit, Gier und Risiko gelesen wurde wie in Russland nach dem Krieg.

Literatur sei hilflos, sagte der in der Schweiz lebende Autor Michail Schischkin neulich mit Blick auf die Krisen der Gegenwart. Stimmt das?
Meine Erfahrung ist, dass die Literatur eine bedeutende Rolle spielt bei der ­Herausbildung einer Persönlichkeit. Ich glaube, auch Michail Schischkin hat die Macht der Literatur am eigenen Leib erfahren. Vielleicht ist Literatur wirklich nicht direkt politisch wirksam. Aber es gibt Menschen, denen die Augen aufgehen, wenn sie Hermann Hesse lesen, Thomas Mann, Dostojewski und Tolstoi.

Viele russische Autoren leben ausserhalb Russlands. Sie bleiben?
Solange ich kann. Ich verbringe auch viel Zeit in Italien, aber Moskau ist mein Zuhause. Die meisten Freunde sind dort. Es ist ein Ort des bunten, vielfältigen Lebens. Aber natürlich wissen wir, wie es in Deutschland war. Viele wollten nicht weggehen, haben es hinausgezögert, und plötzlich war es zu spät, waren die Grenzen zu. Ich denke daran.

Im März stellt sich Putin erneut den Wahlen. Was erwarten Sie?
Nichts Gutes. Ich werde 75 sein im März. Ich werde nicht unter einer anderen ­Regierung sterben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2017, 17:35 Uhr

Artikel zum Thema

Der erste Nihilist der Weltliteratur tritt auf

Iwan Turgenjews «Väter und Söhne» führt ins alte Russland, wo das Kommende heftig gärt. Die Hauptfigur polarisiert stark. Wer genau liest, erkennt die Vorboten der Attentate gegen den Zaren. Mehr...

In Russland kam er Gott ganz nahe

Rainer Maria Rilke reiste um 1900 zweimal nach Russland. Die grossartige Ausstellung darüber, die jetzt in Marbach zu sehen ist, kommt demnächst in die Schweiz. Mehr...

Wer durchhält, wird reich belohnt

Ein Meisterwerk der russischen Literatur erscheint endlich auf Deutsch: «Die Eroberung von Ismail» des Wahlschweizers Michail Schischkin. Mehr...

Doppelte Dissidentin

Ljudmila Ulitzkaja entstammt einer jüdischen Familie. Die 74-Jährige studierte Biologie und arbeitete als Genetikerin in Moskau, bevor sie wegen der Verbreitung verbotener Literatur entlassen wurde. Sie zog zwei Söhne gross. Ihre erste Novelle erschien 1992, heute werden ihre Bücher in 40 Sprachen übersetzt und auch in Russland millionenfach verkauft. Oft wagt sie sich an kontroverse Themen, in «Jakobsleiter», Hanser 2017., (russisch 2015, deutsch 2017) an Verrat in der Familie zur Sowjetzeit. Der Roman basiert auf Briefen und Tagebüchern ihrer Grosseltern. Ulitzkaja hat den Stoff fiktionalisiert, den Schweizer Urgrossvater habe es aber gegeben, sagt sie. (dhe)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...