Für Griechenland-Flüchtlinge spenden? – «Eher nicht»

William MacAskill ist ein «effektiver Menschenfreund». Der Oxford-Philosoph erforscht, wann sich wo welche Hilfe maximal lohnt.

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Ein schweres Erdbeben quälte jüngst Ecuador. Sollen wir bei solchen Katastrophen spenden?
Eher nicht, denn es gibt weit effektivere Spenden. Erdbeben wie in Ecuador werden medial stark beachtet, sodass die Spenden üppig fliessen. Chronische Naturkatastrophen dagegen bekom­men kaum Aufmerksamkeit, obwohl sie weit mehr Leben kosten. Jährlich sterben 400 000 Menschen an Malaria, was mit relativ wenig Geld zu verhindern wäre. Im Vergleich dazu sind Erdbeben, bei denen Hunderte oder auch einige Tausend sterben, schlicht weniger bedeutsam.

Und die Situation in Griechenland? Sollen wir für die Flüchtlinge spenden, gar hinreisen und helfen?
Wiederum: eher nicht. Denn im Vergleich zu anderen Spenden sind solche für Flüchtlingslager sehr ineffektiv. Ausserdem bekämpfen sie die eigentlichen Probleme nicht, die der Migration zugrunde liegen. Es ist letztlich blosse Charity. Klüger, als Flüchtlingen helfen zu gehen, ist es, daheim politisch aktiv zu werden und zu lobbyieren, seine Zeit und sein Geld für weniger strenge Asylgesetze einzusetzen. Denn nur, wenn die Flüchtlinge längerfristig an Europas Sicherheit und Wohlstand teilhaben können, verbessert sich ihr Leben auch tatsächlich.

Trotzdem: Die jungen Menschen, die derzeit als Helfer nach Griechenland reisen, tun jedenfalls mehr Gutes als Nichtstuer.
Sicher tun diese Menschen viel Gutes. Aber es gibt eben auch die perversen Fälle, bei denen die vermeintliche Hilfe mehr schadet als nützt. Bei spontanen karitativen Aktionen wie der erwähnten privaten Flüchtlingshilfe besteht etwa die Gefahr, dass man Einheimischen bloss wertvolle Zeit stiehlt. Schlimmer noch sind staatliche Projekte, die in guter Absicht entworfen wurden und trotz offensichtlichem Misslingen weiter finanziert werden. Ein Beispiel dafür ist das «Scared Straight!»-Programm. In diesem amerikanischen Präventions­programm werden Kleinkriminelle in schreckliche Gefängnisse geführt, damit sie sehen, was ihnen dort droht. Studien belegen allerdings, dass nach einem solchen Besuch die Wahrscheinlichkeit sogar noch steigt, dass der Kleinkriminelle erneut straffällig wird.

Auf viele wirkt Ihr effektiver Altruismus sehr nüchtern, ja kalt.
Mitmenschen zu helfen, ist eine zu wichtige und zu komplexe Angelegenheit, um sie Instinkten und Trends zu überlassen. Auch ist es weit wirksamer, Spenden als unspektakuläre Angelegenheit in den Alltag zu integrieren und regelmässig zu spenden, als auf emotionale Impulse zu reagieren und spontan zu spenden.

Sie sagen, man solle lieber viel Geld verdienen und dieses dann spenden, statt selber direkt Gutes zu tun.
Natürlich ist es nicht jedermanns Sache, sich einen lukrativen Job zu suchen, um mehr spenden zu können. Aber es sollten mehr Leute über diese Option nachdenken – zumal jene, die sich nach der Ausbildung direkt für eine schlecht bezahlte NGO-Stelle bewerben wollen. Ein Job in der Finanzbranche zum Beispiel hat ja nicht nur den Vorteil, dass man deutlich mehr Geld zum Spenden verdient. Sondern man eignet sich auch wichtige Fähigkeiten an, die später beim Helfen helfen können. Viele Gymnasiasten und Studenten übersehen allzu leicht, dass sie nach Ende ihrer Aus­bildung eigentlich noch gar nichts können, dass sie ein eklatantes Praxisdefizit haben.

Droht dabei nicht die mentale Korruption? Dass man sich, wie der Bürokollege, lieber den ersten Porsche kauft, statt zu spenden?
Ich kenne einige Dutzend Menschen, die wegen des effektiven Altruismus Banker geworden sind. Interessanterweise ist kein einziger der Idee untreu geworden. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass diese Leute ihre Jobs mögen und in Sektoren arbeiten, die moralisch problemlos und nicht schädlich für andere sind.

Was wäre von einem zeitgenössischen Robin Hood zu halten, der eine Bank ausraubt und mit dem geraubten Geld 20 000 Kinder vor dem Malariatod rettet?
Das wäre nicht in meinem Sinn. Der Schutz von Eigentum ist vernünftig und sollte nicht willkürlich verletzt werden. Effektiver Altruismus fragt danach, was man tun kann. Er handelt nicht davon, um jeden Preis alles Mögliche zu tun, das wäre dann bloss primitiver Utilitarismus.

Ist Mark Zuckerberg ein gutes Vorbild in effektivem Altruismus? Der Facebook-Gründer und Milliardär kündigte im Dezember an, mit einer Stiftung die grossen Weltprobleme angehen zu wollen.
Zuckerberg verdient grossen Applaus für die Gründung seiner Stiftung. Wie er bisher spendet, ist allerdings eher enttäuschend: Er konzentriert sich auf die Förderung der Bildung in den USA. Er investiert also in ein Land, das zu den zehn reichsten Prozent aller Länder gehört, und in einen Bereich, der bei Phi­lanthropen beliebt und daher auch bereits gut abgedeckt ist. Es wird für Zuckerberg schwierig sein, hier eine sub­stanzielle Verbesserung zu erzielen. Aber Menschen machen Fehler, und Zuckerbergs philanthropische Karriere hat erst begonnen. Womöglich lernt er ja noch dazu. Man sollte nicht vorschnell den Stab über ihn brechen.

Die Menschen in den meisten afrikanischen Ländern leben immer noch in prekären Verhältnissen. Haben die Milliarden für Entwicklungshilfe nichts gebracht?
Zwar vertreten Ökonomen wie Dambisa Moyo und William Easterly diese Ansicht, doch das Gegenteil ist der Fall. Wir haben, relativ gesehen, sehr wenig gespendet, damit aber sehr viel erreicht. Wenn wir das Entwicklungsgeld, das in den letzten 60 Jahren in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara ausgegeben wurde, auf die Menschen verteilen, die davon profitiert haben, kommen wir auf einen jährlichen Betrag von 40 Dollar pro Person. Im selben Zeitraum stieg die Lebenserwartung dieser Menschen von 36,7 auf 56 Jahre. 40 Dollar pro Jahr scheint mir für ein solches Resultat eine sehr kleine Summe zu sein. Und selbst wenn wir von der sehr pessimistischen Annahme ausgehen, nur die Ausrottung der Pocken 1977 habe etwas gebracht – dieser Erfolg allein rechtfertigt alle investierten Entwicklungsgelder. Die Ausrottung der Pocken dürfte seither circa 120 Millionen Menschen das Leben gerettet haben.

Welches sind die drei effektivsten Hilfswerke?
Das sage ich Ihnen gerne. Auf Platz eins ist die Against Malaria Foundation. Sie verteilt Malarianetze. Fünf Dollar an diese Organisation schützen zwei Kinder für zwei Jahre vor Malaria. Statistisch gesehen retten Sie einem Kind das Leben, wenn Sie dieser Organisation 3000 Dollar spenden. Auf Platz zwei steht die Organisation SCI, die Schistosomiasis Control Initiative. Sie konzen­triert sich auf die Entwurmung von Kindern. Die Entwurmung hat eine direkte Auswirkung auf die Bildung der Kinder, weil sie danach deutlich weniger häufig in der Schule fehlen. Die Entwurmung ist deshalb weit effektiver als etwa die Versorgung der Schulen mit neuen Büchern. Platz drei geht an Give Directly, einer Organisation mit einer simplen Methode: Sie leitet das gespendete Geld direkt weiter – in der Annahme, dass Bedürftige ihre Bedürfnisse besser als alle anderen kennen. Tatsächlich investieren die Empfänger das Geld danach meist sehr effektiv, etwa in neue Dächer für ihre Häuser.

Wie viele Menschen haben Sie als effektiver Altruist schon gerettet?
Unsere Organisation Giving What We Can hat berechnet, dass sie bisher Spenden von ungefähr sechs Millionen Dollar angestossen hat. Wenn eine 3000-Dollar-Spende für die Against Malaria Foundation ein Leben rettet, dann dürften wir mit unserer Organisation bisher ungefähr 2000 Menschen gerettet haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2016, 06:40 Uhr

Der 29-jährige Schotte William MacAskill ist promovierter Philosoph und forscht an der Universität Oxford. Er spendet laut eigener Aussage 30 Prozent seines Einkommens an Hilfsorganisationen. (Bild: PD)

Effektiver Altruismus

Philosophie und Bewegung

William MacAskill ist neben Peter Singer und Toby Ord der bekannteste Theoretiker des effektiven Altruismus. Dieser fragt danach, wie mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Leben gerettet oder verbessert werden können. Die philosophische Bewegung ist jung, der Begriff des effektiven Altruismus wurde erst 2011 geprägt. Zu dessen Förderung gründete MacAskill gemeinsam mit
dem australischen Philosophen Toby Ord, der ebenfalls in Oxford promoviert hat, die Organisation Giving What We Can. Ziel ist die Suche und Rangierung der besten globalen Hilfswerke. Zudem gründete MacAskill die Organisation 80 000 Hours, die jungen Menschen die Karriereplanung im Sinne
des effektiven Altruismus erleichtern will. MacAskills Buch «Doing Good Better» – neben Singers «The Most Good You Can Do» das renommierteste Werk zum effektiven Altruismus – wurde jüngst ins Deutsche übersetzt. MacAskill liefert darin unter anderem eine Anleitung, wie der Leser aus der Fülle des Angebots die effektivsten Hilfswerke herausfiltern kann. (lsch)

William MacAskill: Gutes besser tun. Berlin 2016. 288 S., ca. 27 Fr. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer.

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