Die Königin des viktorianischen Romans

Mary Ann Evans alias George Eliot führte ein freies, für ihre Zeit skandalöses Leben. Und sie schrieb den unsterblichen Roman «Middlemarch». Vor 200 Jahren wurde sie geboren.

Mary Ann Evans, bekannt als George Eliot, porträtiert vom Genfer Maler François d’Albert-Durade.

Mary Ann Evans, bekannt als George Eliot, porträtiert vom Genfer Maler François d’Albert-Durade.

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Mary Ann Evans, so der bürgerliche Name von George Eliot, wird als Tochter eines Gutsverwalters am 22. November 1819 im Dorf Chilvers Coton in der englischen Grafschaft Warwickshire geboren. Ihre frühe Erziehung ist streng religiös. Nach dem Tod der Mutter besorgt sie für ihren Vater den Haushalt. 1841 zieht sie mit ihm nach Coventry. Dort kommt sie mit freigeistigem Denken und radikalen Ideen in Berührung, verliert ihren orthodoxen Glauben und weigert sich fortan, die Kirche zu besuchen. Dennoch gehören Pflichterfüllung, gewissenhaftes Handeln und Grossherzigkeit weiterhin zu ihren ethischen Grundsätzen.

Den Winter von 1849/1850 verbringt sie in Genf, wo sie im Haus des Malers François d’Albert-Durade wohnt, von dem auch ihr bekanntes Porträt stammt. Nach ihrer Rückkehr lässt sie sich in London als Autorin nieder, arbeitet als Redaktorin der «Westminster Review» und trifft zahlreiche prominente Literaten.

Im Oktober 1851 lernt sie den Journalisten George Henry Lewes kennen, der seine Frau aufgrund eines Ehebruchs verlassen hat. Scheiden lässt er sich nie, Mary Ann lebt öffentlich mit ihm zusammen und verstösst damit selbstbewusst gegen den viktorianischen Sittenkodex.

Sieben Romane

Das Paar lebt, ungeachtet des bösartigen Klatsches, glücklich bis zu Lewes’ Tod im Dezember 1878. Lewes ermutigt seine Partnerin zu schreiben: 1858 erscheinen «Scenes of Clerical Life» unter einem männlichen Pseudonym: George Eliot.

In der Folge veröffentlicht sie zwischen 1859 und 1876 sieben Romane: «Adam Bede», ein pastoraler Klassiker der englischen Literatur; «The Mill on the Floss», das psychologisch subtile Porträt einer jungen Frau, die sich aus den Fesseln provinzieller Konvention zu befreien sucht; «Silas Marner», die Geschichte eines zu Unrecht verdächtigten Webers; «Romola», eine in der italienischen Renaissance spielende historische Erzählung; «Felix Holt the Radical», ein Roman um die politischen Wirren der Reform Bill von 1832, «Middlemarch», eine Studie des provinziellen Lebens; sowie «Daniel Deronda», eine soziale Satire, die um die Stellung der Juden in England kreist. 1880 heiratet George Eliot den zwanzig Jahre jüngeren Bankier John Walter Cross. Kurz nach ihrer Hochzeitsreise nach Italien stirbt sie 61-jährig in London.

Erzählerische Raffinesse

George Eliots Meisterwerk ist zweifelsohne ««Middlemarch», ein virtuos komponierter Roman, der entlang mehrerer kunstvoll verschlungener Handlungsstränge und miteinander verbundener Personengruppen in die englische Provinz Mitte des 19. Jahrhunderts führt; genauer: in die ländliche Umgebung einer fiktiven Kleinstadt in den Midlands.

Mit erzählerischer Raffinesse erweckt die Autorin eine bunte Gesellschaft von Händlern, Handwerkern, Medizinern, Gutsherren, Geistlichen und Gelehrten zum Leben, deren Schicksale sich vor dem Hintergrund sozialer und politischer Umbrüche kreuzen und verflechten.

Im Zentrum stehen die idealistisch gesinnte Dorothea Brooke und der ehrgeizige junge Arzt Tertius Lydgate. Dorothea heiratet den gefühlskalten und misstrauischen Pedanten Edward Casaubon, der sich erfolglos mit einem abstrusen religiös-philosophischen Werk abmüht. Sie erhofft sich von ihm geistige Führung. Ihre Desillusionierung ist unvermeidlich; sie findet aber nach Casaubons Tod ihr Glück mit dem politisch engagierten Bohémien Will Ladislaw.

Das Leben als Irrgarten

Lydgate kämpft für den medizinischen Fortschritt und entwickelt neuartige therapeutische Ideen auf wissenschaftlicher Grundlage, wird aber von missgünstigen Kollegen und der Verständnislosigkeit seiner verwöhnten Frau Rosamond zermürbt und muss seine grossen Ambitionen begraben. Neben den beiden Protagonisten lernen wir eine faszinierende Galerie scharf und doch mitfühlend gezeichneter, in zahlreiche Konflikte verwickelte Charaktere kennen.

Der Roman erzählt vom Scheitern hoher Ideale, von desaströsen Ehen und mensch­lichen Unzulänglichkeiten. Er schildert das Leben als Irrgarten, in dem das Individuum über seine eigenen Schwächen stolpert oder von seiner engstirnigen Umgebung ausgebremst wird. Und doch dringt am Schluss die Überzeugung durch, dass der Kampf einzelner Idealisten gegen widrige Umstände nicht vergeblich ist und Wohlwollen, Nachsicht und Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen triumphieren werden: «Das Wachstum des Guten in der Welt hängt in gewissem Grad von unhistorischen Taten ab, und dass die Dinge nicht so schlecht bestellt sind, verdanken wir zum grossen Teil jenen, die getreulich ein Leben im Verborgenen gelebt haben und in Gräbern ruhen, die niemand besucht.»

Unerbittliche Durchleuchtung der Charaktere

Nach der Publikation von «Middlemarch» steht George Eliot auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, was sie auch finanziell unabhängig macht; sie wird in England als grösste Schriftstellerin ihrer Zeit anerkannt und von ihren Lesern verehrt. Die unerbitt­liche Art und Weise, wie sie das Wesen ihrer Charaktere durchleuchtet und deren moralisches und emotionales Dilemma gestaltet, ist etwas Neues in der englischen Romanliteratur ihrer Zeit und nimmt voraus, was Joseph Conrad und D. H. Lawrence aufnehmen und weiterentwickeln.

Warum sollte man heute einen über 1000-seitigen, bald 150 Jahre alten Roman über englische Provinzler lesen? Nun, einfach deshalb, weil wir es mit einem grandiosen Panorama der englischen Provinz um 1830 zu tun haben, belebt mit dramatischen Szenen, ausgestattet mit farbigen Charakteren und pointiert mit geschliffenen Dialogen; das alles präsentiert in einer bildhaften und präzisen Sprache. Und nicht zuletzt deshalb, weil es selbstlose Idealisten, pedantische Langweiler, korrupte Bankiers und eifersüchtige Neidhammel überall und jederzeit gibt und wohl immer geben wird.

«Middlemarch» ist erschienen in einer Neuübersetzung von Melanie Walz (Rowohlt, Hamburg 2019, 1264 S., ca. 55 Fr).

Erstellt: 21.11.2019, 10:47 Uhr

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