Politik ist ein schmutziges Geschäft

Krimi der Woche: «Der Mordida-Mann» von Ross Thomas ist aus dem Jahr 1981. Derartige ebenso intelligente wie witzige Politthriller gibt es heute leider kaum noch.

Ross Thomas war Journalist, PR- und Wahlkampfberater und Gewerkschaftssprecher. Erst mit 40 begann er, seine intimen Kenntnisse über den Politbetrieb in Romanen zu verarbeiten.

Ross Thomas war Journalist, PR- und Wahlkampfberater und Gewerkschaftssprecher. Erst mit 40 begann er, seine intimen Kenntnisse über den Politbetrieb in Romanen zu verarbeiten. Bild: Patricia Williams

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Der erste Satz:
Es war eine fast perfekte Verkleidung.

Das Buch:
Der viel zu früh von uns gegangene deutsche Schriftsteller Jörg Fauser (1944–1987) hatte es sehr schön auf den Punkt gebracht: «Man muss nicht Ross Thomas lesen, um zu merken, dass in dieser Welt so einiges nicht stimmt, aber Ross Thomas erklärt einem, warum das so ist.»

Der Amerikaner Ross Thomas, der 1995 kurz vor seinem 70. Geburtstag verstarb, ist für mich – neben dem Briten Eric Ambler (1909–1998) – der interessanteste Politthriller-Autor des 20. Jahrhunderts. Thomas war als Journalist unter anderem im Nachkriegs-Deutschland tätig, war PR- und Wahlkampfberater und Gewerkschaftssprecher. Erst mit 40 begann er, seine intimen Kenntnisse über den Politbetrieb in Romanen zu verarbeiten. Seine 25 Werke sind zwar damals auch auf Deutsch erschienen, die meisten jedoch in gekürzten Fassungen, um ein fixes Taschenbuchformat zu bedienen. Alexander Wewerka gebührt grosses Lob für die deutschsprachige Werkausgabe von Ross Thomas, die er 2005 in seinem Alexander-Verlag startete. Eben ist als 18. Band dieser Edition «Der Mordida-Mann» in neuer, erstmals vollständiger Übersetzung erschienen.

Der im Original 1981 erschienene Roman erzählt vom Verschwinden eines international gesuchten Terroristen, der sich Felix nennt, aber unschwer als «Carlos» zu erkennen ist. Weil er davon ausgeht, dass die CIA Felix geschnappt hat, lässt der Nachfolger des kurz vorher verstorbenen libyschen Führers Ghadhafi den Bruder des US-Präsidenten kidnappen. Mit ihm soll der «Freiheitskämpfer» Felix freigepresst werden. Doch die Amerikaner haben Felix nicht; dieser wird von unbekannter Seite gleich mehreren Ländern zum «Kauf» angeboten. Der Mann fürs Grobe des US-Präsidenten holt den früheren Kongressabgeordneten Chubb Dunjee, der sich in Lateinamerika als Bestechungsspezialist, als «Mordida-Mann», einen Namen gemacht hat, aus dem portugiesischen Exil, um mit den Entführern um den Präsidentenbruder zu feilschen.

Wie immer bei Ross Thomas entspinnt sich eine faszinierende Geschichte um Macht, Korruption, Betrug und Verrat. Es geht um Männer, die man holt, um etwas geregelt zu bekommen. Um Agenten, die in die eigenen Taschen arbeiten. Um Ganoven, die Geld und Einfluss gewinnen wollen. Und um Politiker, die aus allem ohne Schaden rauskommen wollen, koste es, was es wolle. Und das alles wird in einem lockeren, witzigen Ton erzählt, der gut gewürzt ist mit staubtrocken daherkommender Ironie, aber auch mal mit unverhohlenem Sarkasmus. Sei es wie hier in der internationalen Diplomatie, sei es beim Machtkampf in einer Gewerkschaft, wie im letztes Jahr neu erschienenen Roman «Porkchoppers», Ross Thomas’ Thriller zeigen anschaulich und zeitlos, warum Politik ein so schmutziges Geschäft ist.

Die Wertung:

Der Autor:
Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma City, gestorben 1995 in Santa Monica, war im Zweiten Weltkrieg als Soldat auf den Philippinen. Er arbeitete als Journalist, baute in den 1950ern in Bonn das Büro des amerikanischen Radiosenders AFN auf, arbeitete als PR- und Wahlkampfberater für Politiker wie Lyndon B. Johnson sowie als Gewerkschaftssprecher. Erst mit 40 begann er mit dem Schreiben von Politthrillern. Für seinen ersten Roman «The Cold War Swap» («Kälter als der Kalte Krieg») wurde er 1967 mit dem Edgar Allen Poe Award für den besten Erstling ausgezeichnet; einen weiteren Edgar erhielt er 1985 für «Briarpatch» («Dornbusch»). Von 1966 bis 1994 schrieb Thomas 25 Romane, darunter fünf – eine Serie mit dem professionellen Verbindungsmann («Go-Between») Philip St. Ives – unter dem Pseudonym Oliver Bleeck. Alle Romane von Ross erscheinen im Berliner Alexander-Verlag in einer originalgetreuen deutschen Werkausgabe, die bisher 18 Bände umfasst. Ross Thomas starb zwei Monate vor seinem 70. Geburtstag an Lungenkrebs.

Ross Thomas: «Der Mordida-Mann» (Original: «The Mordida Man», Simon and Schuster, New York, 1981). Aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel. Alexander-Verlag, Berlin, 2017. 328 S., ca. 21 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2017, 13:54 Uhr

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