Psychogramm eines Serienmörders

Krimi der Woche: Die koreanische Autorin Jeong Yu-jeong dringt in «Der gute Sohn» tief in die seelischen Abgründe eines mörderischen Soziopathen ein.

Ihre Mutter wollte nicht, dass sie das Schreiben zu ihrem Beruf macht. Heute wird Jeong Yu-jeong oft als «Koreas Stephen King» bezeichnet.

Ihre Mutter wollte nicht, dass sie das Schreiben zu ihrem Beruf macht. Heute wird Jeong Yu-jeong oft als «Koreas Stephen King» bezeichnet. Bild: LTI Korea

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Der erste Satz

Die Sonne brannte silbern.

Das Buch
Blutüberströmt erwacht Yu-jin eines Morgens in seinem Bett. Er findet aber keine Wunden. Also ist es nicht sein Blut. Im unteren Stock der Penthouse-Wohnung in einem Hochhaus findet er seine Mutter mit aufgeschnittener Kehle in einer Blutlache. Doch er erinnert sich nicht daran, was in der vergangenen Nacht passiert ist.

Der 25-jährige Yu-jin, der bei seiner Mutter lebt, die ihn streng überwacht, ist die Titelfigur des Thrillers «Der gute Sohn» der koreanischen Bestsellerautorin Jeong Yu-jeong. Er war als Junge ein talentierter Schwimmer. Wegen epileptischer Anfälle zwang ihn die Mutter zum Aufhören. Er wird mit Medikamenten behandelt, deren Nebenwirkungen ihn plagen. Wenn er die Medikamente absetzt, die ihm von seiner Tante, die Psychiaterin ist, verschrieben wurden, erlebt er eine ganz neue Energie. Doch was treibt er, wenn er sich in den Nächten aus der Wohnung schleicht? Warum spioniert ihm seine Mutter hinterher? Und wie kamen eigentlich sein grosser Bruder und sein Vater ums Leben? Nach und nach finden sich Antworten auf diese Fragen.

Und was ist nun letzte Nacht in der Wohnung passiert? «Ich hebe den Kopf, und der Mann im Spiegel, der der Mörder sein könnte, sieht mir in die Augen.» Der am Anfang scheinbar etwas verwirrte junge Mann, der als Icherzähler den Lesern Mitgefühl abnötigt, entlarvt sich mehr und mehr als Soziopath. «Auf meiner Liste der Leute, die den Tod verdienen, stehen Tausende Typen … In schwierigen Nächten holte ich einen nach dem anderen in meinen Traum und schnitt ihm den Kopf ab. Meine Tante würde das wohl Prädator-Porno nennen.»

Die besagte Tante, die ihren Neffen besser kennt, als er sich zunächst vorstellen kann, kommt in der Wohnung vorbei, weil sie ihre Schwester nicht erreichen kann. Dort hat Yu-jin inzwischen aufgeräumt, und er überlegt sich, was er tun soll, wenn sein Adoptivbruder nach Hause kommt.

Jeong stellt den psychopathischen Serienmörder in der ersten Person dar. Sie tut dies nicht mit Schockeffekten. Sie weckt die Empathie der Leser und zieht sie so immer tiefer hinein in die dunklen Abgründe der Seele, wo alles ruhe, «was im menschlichen Leben Probleme verursacht – Eifersucht, Begierde, Hass, Wut, Verzweiflung, Minderwertigkeitsgefühle, Gewalt und Opfermentalität», wie sie im Nachwort schreibt. «Als Yu-jin und nicht als Erzählerin musste ich die Leser in Versuchung führen und dazu bringen, mit Yu-jin zu fühlen und sich mit ihm zu identifizieren.» Das ist ihr auf beeindruckende Art gelungen: «Der gute Sohn» ist ein intelligentes Psychogramm in Form eines beklemmenden Thrillers.

Die Wertung

Die Autorin
Jeong Yu-jeong, geboren 1966 in Jeollanam-do Hampyeong, Südkorea, ist Katholikin. Nach einem Abschluss an der Gwangju Christian Nursing University arbeitete sie fünf Jahre als Krankenschwester und acht Jahre als Sachbearbeiterin bei der staatlichen Krankenversicherung. Schon als Kind wollte sie Schriftstellerin werden, doch ihre Mutter stellte sich dagegen. Mit 41 veröffentlichte Jeong ihren ersten Roman «Nae insaeng-ui spring camp» («My Life’s Spring Camp», 2007). Dieser wurde, wie auch ihr zweiter Roman «Eunhaengnamu» («Shoot Me in the Heart», 2009), preisgekrönt. Ihr dritter Roman «Chilnyeonui bam» («Seven Years of Darkness», 2011) wurde ein Bestseller und fand international Anerkennung; 2016 erschien er auch auf Deutsch («Sieben Jahre Nacht», Unionsverlag, Zürich). «Jong-ui Giwon» («The Good Son», 2016) ist der zweite Roman von ihr, der auf Deutsch erscheint: «Der gute Sohn». Die Autorin wird oft als «Koreas Stephen King» bezeichnet, da sie mit ihren Thrillern tief in die dunklen Abgründe der Menschen blickt.

Jeong Yu-jeong: «Der gute Sohn» (Original: «Jong-ui Giwon», EunHaeng NMu Publishing Co., Seoul 2016). Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Unionsverlag, Zürich 2019. 317 S., ca. 26 Fr.

Erstellt: 13.02.2019, 13:15 Uhr

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