Religiös auch ohne Religion

Lorenz Marti propagiert in seinem neuen Buch «Türen auf!» eine Spiritualität für freie Geister.

Für Pfarrerssohn Marti ist die lebensfreundliche Spiritualität viel offener und befreiender als eine Religion. Foto: Flore-Aël Surun, Tendance Floue

Für Pfarrerssohn Marti ist die lebensfreundliche Spiritualität viel offener und befreiender als eine Religion. Foto: Flore-Aël Surun, Tendance Floue

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Lorenz Marti wirbt für eine lebensfreundliche Spiritualität. Sie ist für ihn nicht etwa das Gleiche wie Religion, sondern viel offener und befreiender als diese. Unter Spiritualität versteht er nämlich «das Gespür für eine Tiefendimension der Wirklichkeit, die wir eigentlich ahnen, aber nie wirklich begreifen können». Damit können sich viele Sinnsuchende identifizieren. Der Autor spricht all den Zeitgenossen aus dem Herzen, denen die herkömmliche Religion mit ihren dogmatischen Gewissheiten weder Halt noch Heimat bietet.

Lorenz Marti ist Pfarrerssohn, im Haus von Dichterpfarrer Kurt Marti aufgewachsen, einem Haus voller Bücher. Gott hatte ihn nicht sonderlich interessiert, die Bücher schon. Eher zufällig kam er in jungen Jahren auf die für Religionsfragen zuständige Redaktion des Schweizer Radios. Dort haben ihn die «unergründlichen Tiefen des Themas Religion» gepackt und nicht mehr losgelassen. Der Beruf wurde zur Berufung. Jetzt, im Ruhestand, schreibt Marti spirituelle Bücher, sprachlich solid und nicht esoterisch verkitscht wie sonst bei diesem Genre üblich.

In der Moderne längst ein gängiger Habitus

Die aktuelle Krise der Kirchen ist für Lorenz Marti eher eine Befreiung. Es sei ein Gewinn, dass sie kein Deutungsmonopol mehr hätten: «Eine solche Freiheit in Sachen Religion hat es bisher noch nie gegeben.» Für den Autor ist es sehr wohl möglich, auch ohne den Rahmen einer institutionell verfassten Religion religiös sensibel zu sein.

Sein Schlüsselwort heisst «Spiritualität ohne Religion» oder «religiös ohne Religion». Doch das ist seit der Moderne längst ein gängiger Habitus geworden: Schon Widerstandstheologe Dietrich Bonhoeffer forderte, «Religion nicht-religiös zu interpretieren». Dichtertheologin Dorothee Sölle wollte «atheistisch an Gott glauben». Auch Modephilosophen wie André Comte-Sponville oder Alain de Botton zielen in eine ähnliche Richtung, wenn sie eine «atheistische Spiritualität» oder eine «Religion für Atheisten» propagieren.

Das sind eben die Tücken des Genres: alles schon da gewesen und alles schon gesagt! Was kann man Neues schreiben zu menschlichen Grundbefindlichkeiten wie Liebe, Vertrauen, Gelassenheit oder Zuversicht, mit denen Marti die Kapitel seines Buches überschreibt? Freilich, er macht sie im eigenen Leben fest, im existenziell Durchlebten. ­Seine Spiritualität ist nicht eine Sache der Technik oder der Methode, sondern der Erfahrung, ja der Gnade. Er besucht keinen Trance-Workshop, kein Schamanen-Seminar und keine Schwitzhütte. Er bedient sich höchstens in der eigenen «seelischen Hausapotheke».

«Das Geheimnis wird schliesslich zur Heimat»

Dort lagert Marti offenbar hochwirksame Substanzen. Sie bewirken, dass er mit «Gelassenheit und Dankbarkeit», mit «wissender Heiterkeit» durchs Leben geht, immer wieder «staunend», der «Musik des Seins» lauschend. Depression und Verzweiflung haben beim 67-Jährigen nie das letzte Wort – nicht einmal im Alter. «Die Kräfte lassen mit den Jahren nach, die Möglichkeiten schwinden, das Geheimnis aber wird grösser und grösser, wird schliesslich zur Heimat, wo wir alles lassen und einfach sein können.» Es ist ein Trostbuch, auch der Verlag will es so.

Martis heilend-tröstende Hausapotheke besteht aus Spitzenaussagen der Weltliteratur und der Philosophie. Er hat die Werke unzähliger Philosophen, Dichter und Theologen auf spirituelle Bonmots hin durchkämmt, und er zitiert sie alle: Augustin, Meister Eckhart, Kierkegaard, Dietrich Bonhoeffer, Schleiermacher, aber auch Kant, Schopenhauer, Heidegger bis hin zu Novalis, Eichendorff, Hesse und Kaléko. Meistens ist es ein Satz. Oder ein Gedanke, etwa Gianni Vattimos «Addio alla verità», ein Aufruf zum Verzicht auf absolute Wahrheitsansprüche. Bei Wittgenstein verweilt Lorenz Marti etwas länger und stellt fest, er habe in den schwindelerregenden Abgrund des Nichts geblickt – «hinabgestürzt ist er nicht».

Andere aber schon. Nur: Interessiert das Marti überhaupt? Er zitiert Sinn-Sätze von Nietzsche, Kierkegaard, Rilke, Hölderlin oder Robert Walser ganz so, als hätten diese die Autoren durchs Leben getragen. Dass solche Sinn-Sätze auch der Verzweiflung abgerungen sind und diese nicht zu besiegen vermochten, bleibt unerwähnt. Lediglich im Anhang «Wer mich begleitet hat» heisst es von Nietzsche, dieser habe sich «im Denken hoch hinauf gewagt und dabei den Absturz riskiert».

Bescheidenheitin der Sinnerwartung

Nein, Marti schmückt sich nicht mit fremden Federn. Er zitiert immer redlich. Doch gibt die Dichte der Sinnaussagen dem Leser das Gefühl, die Weisheit mit Löffeln verabreicht zu bekommen. Jedenfalls widerspricht der Zitatenschatz der von Odo Marquard propagierten «Sinn-Diät», die uns Marti empfiehlt: Bescheidenheit in der Sinnerwartung, Verzicht auf überzogene Sinnansprüche.

Die Summe der von Marti angehäuften Zitate zeugt eher von Sinn-Sucht als von Sinn-Diät. Scheinbar bescheiden preist er die sinnerfüllte Schönheit der kleinen Dinge: «In jedem Gänseblümchen ist die Welt gegenwärtig, der ganze Kosmos ist in diesen Pflänzchen am Werk.» Die kleinen Dinge müssen dann eben doch das Ganze hergeben.

Erstellt: 16.08.2019, 18:18 Uhr

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