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Rezension: Debütroman, teilweise geglückt

Halters erster Roman ist lesenswert, obwohl «Erwachen im 21. Jahrhundert» seine Schwächen hat. Da ist etwa die recht blasse Hauptfigur Kaspar, ein erfolgloser Schriftsteller, der wie ein drittsemestriger Geschichtsstudent denkt. Keineswegs dumm also, aber auch einen Tick zu selbst­sicher und etwas altklug, was die Fehler der Politik und der Wirtschaft betrifft. Halter erzählt, wie Kaspar die frühen Morgenstunden vor einer Abreise verbringt. Der junge Mann will nach Brest, dort «die Anderen» – wer sie sind, bleibt unklar – treffen und etwas tun gegen das Elend der Welt.

Bis es so weit ist, sitzt er übermüdet vor seinem Laptop und frönt einer Kapitalismuskritik, die ein wenig abgestanden ist, wie ja auch die Figur des moralisierenden und zugleich untätigen Erste-Welt-Jünglings ein wenig abgestanden ist. In seinen Halluzinationen flackern Islamismus auf, Banken-Bail-outs, kaputte Medien, aber auch «die Macht der Algorithmen» und Fleischkonsum. Es kommen weitere Figuren dazu, aber die reden ziemlich ähnlich wie Kaspar. Weshalb der Roman dennoch lesenswert ist? Weil sich Halter nicht mit dem Lamento begnügt.

Gegen Ende erweist sich Kaspars trübsinniges Palaver als notwendiger Kontrast, damit die Aufbruchstimmung umso mächtiger wirken kann, als Kaspar endlich loszieht nach Brest und erste Verbündete findet. Zudem reichert Halter den Roman mit kleinen Schriftstellerporträts an, in denen er das Milieu verulkt, etwa eine hypersensible Literaturinstitutsdichterin oder einen Bestsellerautor, der den obersten Knopf seines Hemds offen lässt und «Klassikerzusammenfassungen» liest. Das kommt zwar alles etwas unvermittelt, aber egal: Es ist maliziös und amüsant. (lsch)

Jürg Halter: Erwachen im 21. Jahrhundert. Zytglogge-Verlag, Bern 2018. 232 S., ca. 30 Fr. Ab 10. September im Handel.

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