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Risse im Mauerwerk

Die deutsche Autorin Kristine Bilkau spürt in ihrem subtilen Roman «Die Glücklichen» der Abstiegsangst der Mittelschicht nach. Sie zeigt, was es heisst, nicht mehr dazuzugehören.

Was geschieht mit Menschen, die nicht mehr halten können, was sie sich aufgebaut haben? Einfamilienhaus im Kanton Zug. Foto: Gaetan Bally (Keystone)
Was geschieht mit Menschen, die nicht mehr halten können, was sie sich aufgebaut haben? Einfamilienhaus im Kanton Zug. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Georg und Isabell haben es geschafft – nicht an die Spitze, aber in die Mittelschicht der Gesellschaft, und das in kreativen, also Selbstverwirklichungs-Berufen. Geschafft: finanziell und, was noch wichtiger ist, in ihrem Lebensgefühl. Dieses hängt allerdings auch stark davon ab, was man sich leisten kann. Wie sich zeigt, wenn man das Erreichte nicht halten kann.

Georg ist 42, Vater des knapp zweijährigen Matti; er arbeitet in einer Zeitung, nicht als Starreporter oder Edelfeder, eher mit Routineaufgaben betraut. Zeitung = Krise; es gibt Gerüchte über einen Verkauf, dann eine gespenstische Informationsveranstaltung, in der das Management mit «gnadenloser Selbstverständlichkeit» den Entlassenen auch noch suggeriert, selbst schuld zu sein: «In diesen harten Zeiten kann niemand weitermachen wie bisher. Aber das muss Ihnen auch klar gewesen sein.»

Isabell, Mitte dreissig, ist Cellistin; sie spielt nicht in einem Sinfonieorchester, sondern bei einem privaten Musicalveranstalter. Knapp kalkuliert wird auch hier; das Ensemble wird geschrumpft, die Streichergruppe entlassen und «digitalisiert». Da hat Isabell schon gekündigt: Nach der Babypause ist ihre frühere Leichtigkeit dahin, ihre Bogenhand zittert; sie verdarb das allabendliche Solo, die Angst davor führte erst recht zur Verkrampfung.

Die Schicht bröckelt weg

Kristine Bilkau, deutsche Journalistin mit Jahrgang 1974, behandelt in ihrem erstaunlichen Debütroman «Die Glücklichen» ein akutes Gesellschaftsthema in Mitteleuropa: die Absturzangst der Mittelschicht. Aber natürlich «behandelt» ein Roman nichts. Bilkau erzählt von Georg und Isabell in einem ungeheuer ruhigen, geradezu gespenstisch unterkühlten Ton, der das Erzählte umso intensiver spüren lässt, die Beklemmung souverän steigert und den Lesern wie den Figuren die Luft nimmt.

Im ersten Teil kündigt sich das Unheil an, im zweiten ist es eingetreten, und wir sehen dem Paar zu, wie es sich verzweifelt bemüht, mit einer Situation umzugehen, in der es nicht mehr «dazugehört»: zu einer Schicht, die auf der Speisekarte des Restaurants nicht nach dem Preis schaut. Die im Feinkostladen Risottomischungen kauft, dazu getrocknete Wildfeigen, Rosenkandis, Biohonig mit Lavendelblüten und Pfefferschokolade – und nebenan in der Boutique noch das schwedische Designerkleid mitnimmt. Die sich im Fitnessclub entspannt und im Urlaub das Hotel mit Kinderbetreuung und Wellnessanlage nimmt.

Risse in der Beziehung

Und die jetzt plötzlich sparen, verzichten, abspecken muss. Die muffige Ferienwohnung statt des Hotels nimmt. Die Lebensmittel beim Discounter kauft. Na und?, könnte man fragen. Schliesslich geht es vielen schlechter, ist das soziale und medizinische Netz engmaschig, sinken Georg und Isabell gewissermassen in Zeitlupe, erhalten sie eine Weile Arbeitslosengeld, die Cellistin Psychotherapie. Entscheidend – und das arbeitet Kristine Bilkau präzis und psychologisch brillant heraus – ist der Verlust der Sicherheit, dass es immer so weitergeht, dass ihnen nichts passieren kann. Und das daraus entstehende Gefühl, versagt zu haben in einer Gesellschaft, die sich durch Erfolg definiert.

Schnell treten Risse in der Beziehung zutage, schon weil beide unterschiedlich auf den drohenden Abstieg reagieren. Isabell verdrängt nach Kräften, klammert sich an das Vorhandene und weigert sich, die nötige Veränderung überhaupt in ihr Bewusstsein zu lassen. Sie weiss, dass sie sonst der «kalten Panik» ausgeliefert ist. Georg probiert im Gegenteil innerlich neue Lebensweisen aus – warum nicht als Lokalreporter in eine Kleinstadt, ein «kleinbürgerliches, überschaubares Leben» führen, selbstverständlich nur als Rolle, als bloss gespieltes Spiessertum? Aber natürlich ist das auch nur eine Flucht vor der Einsicht, wie schmerzhaft Ab- oder Umstieg tatsächlich sein werden.

Es gibt «behebbare» Risse, die nur den Putz betreffen und «dynamische», die tief ins Mauerwerk reichen, erklärt Isabell einer der Arbeiter, die das Haus luxussanieren, in dem sie wohnen. Wie behebbar die Risse zwischen Georg und Isabell sind, lässt die Autorin offen.

Verständnis und ­Unverständnis

Der Roman zeigt schon mit seinem ironischen Titel «Die Glücklichen», dass er keine literarisierte Sozialreportage sein will, kein «Buch zum Thema». Die Autorin interessieren eher die psycho­logischen Vorgänge, die Verdrängungs- und Projektionsstrategien, die Übersprungshandlungen. So klickt sich Georg wie manisch durch Immobilienportale und träumt sich in eine Villen- oder Blockhaus­existenz, an die Riviera oder in den schwedischen Wald. Isabell streicht die Wohnung hellblau, wie sie in ihrer Kindheit war, und verfolgt im Netz das Bildertagebuch einer glücklichen Familie.

Bilkau erzählt abwechselnd aus Georgs und Isabells Perspektive. Wir lernen beide innen und von aussen kennen, ­begegnen ihnen mit Verständnis und ­Unverständnis, beobachten die aufbrechenden Aggressionen, die wechselseitigen Schuldgefühle, die Revanchefouls. Georg und Isabell sind keine Typen; es sind Individuen mit ihrer Geschichte, ­ihren Macken und Träumen. Und «Die Glücklichen» ist ein Roman über zwei Menschen, die man so schnell nicht vergisst, aber auch ein Roman über eine Generation, die sich ihr Leben nicht anders als ein gelingendes vorstellen kann – und die keinerlei Instrumente dafür entwickelt hat, wenn etwas schiefgeht.

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Kristine Bilkau: Die Glücklichen. Roman. Luchterhand, München 2015. 300 S., ca. 28 Fr.

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