Ritualmord auf einer Karibikinsel

Krimi der Woche: «Unbescholtene Bürger» des kreolischen Autors Raphaël Confiant ist ein sehr unkonventioneller und sehr lustiger Roman aus der französischen Karibik.

Prostitution, krumme Geschäfte, kriminelle Lotterien, Voodoo und ein kastrierter Mann – Raphaël Confiant lässt es auf seiner Heimatinsel in der Karibik brodeln. Bild: Lpall/Wikimedia Commons

Prostitution, krumme Geschäfte, kriminelle Lotterien, Voodoo und ein kastrierter Mann – Raphaël Confiant lässt es auf seiner Heimatinsel in der Karibik brodeln. Bild: Lpall/Wikimedia Commons

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz
Ich heisse Jack Teddyson.

Das Buch
«Als Privater in einem Land zu arbeiten, in dem es praktisch kein Privatleben gibt, ist schon eine Leistung, das schwöre ich Ihnen», erklärt Raymond Vauban, der sich als Privatdetektiv den englisch klingenden Namen Jack Teddyson zugelegt hat: «Jeder weiss, wer wer ist und wer was macht.» Der Icherzähler im ersten Krimi des renommierten Autors Raphaël Confiant erklärt uns auf erfrischende Art, wie es auf der französischen Karibikinsel Martinique läuft. «Wenn es irgendwo in der Provence eine kleine Überschwemmung oder auf der Autobahn Paris–Lyon einen Winzstau gibt, dann erfahren wir das in der nächsten Minute, aber dafür wissen wir nicht allzu genau, was auf den anderen Inseln der Antillen oder dem amerikanischen Kontinent passiert, obwohl Fort-de-France nur eineinhalb Flugstunden von Caracas entfernt ist.»

«Unbescholtene Bürger» heisst der Roman, und der Titel ist natürlich ironisch gemeint. Jede und jeder scheint hier irgendwelche unsauberen Sachen am Laufen zu haben. Prostitution, illegales Glücksspiel, krumme Geschäfte, kriminelle Lotterien, unkonventionelle Parteifinanzierung, miese Intrigen oder einfach ein bisschen Voodoo. Und bei manchen kommt so ziemlich alles davon zusammen.

Teddyson wird von der Witwe eines erfolgreichen Unternehmers beauftragt, dessen Ermordung zu klären, nachdem die Polizei den Fall ungelöst zu den Akten gelegt hat. Der Mann war in der Absteige seiner Geliebten kastriert aufgefunden worden. Der Privatdetektiv hat bald eine lange Liste von Verdächtigen. Seine Ermittlungen dienen dem Autor vor allem dazu, mit viel Fabulierlust und Witz seine Heimat als schrill-buntes Panoptikum zu zeigen. Dabei parodiert er hemmungslos den klassischen amerikanischen Privatdetektivroman. Teddyson ist ein Schwerenöter und Macho, der in Sachen Frauen locker mit Spillanes Mike Hammer mithalten kann. «Anders als eine Frau kann ein Mann nicht jeden Tag Kaviar essen», erklärt Teddyson, «nach einiger Zeit steht es ihm bis hierhin, und er lässt sich einen Teller Stockfisch mit Zwergbananen schmecken.» In Sachen Gewalt ist der Kreole aber mehr Opfer als Täter. Die Knarre vergisst er meistens einzustecken, und er hat ständig irgendwelche Blessuren. Er versteht sich als Philosoph, und seine Erkenntnisse fasst er ziemlich direkt zusammen: «Für mich war der Mensch von Geburt an ein Miststück und blieb es bis ans Ende der Zeiten.»

«Unbescholtene Bürger» von Raphaël Confiant ist ein sehr unkonventioneller und sehr lustiger Krimi, der ebenso faszinierende wie vergnügliche Einblicke in eine zumindest mir weitgehend unbekannte Welt bietet.

Die Wertung

Der Autor
Raphaël Confiant, geboren 1951 in Le Lorrain, Martinique, studierte Englisch und Politikwissenschaften in Frankreich. Als vehementer Vertreter des kreolischen Französisch war er 1981 Mitgründer der kreolischen Zeitschrift «Antilla». Von 1977 bis 1987 veröffentlichte er fünf Bücher auf Kreolisch, seit 1988 erschienen mehr als 20 Bücher von ihm, die er auf Französisch schrieb. «Citoyens au-dessus de tout soupçon …» («Unbescholtene Bürger») erschien 2010 und war sein erster Krimi. Confiant wurde mehrfach ausgezeichnet und gilt als einer der bedeutendsten Autoren aus dem französischen Überseedépartement Martinique. Raphaël Confiant ist Dozent an der Université des Antilles et de la Guyane in Schœlcher, Martinique.

Raphaël Confiant: «Unbescholtene Bürger» (Original: «Citoyens au-dessus de tout soupçon …», Caraïbéditions, Lamentin, Martinique 2010). Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, Trier 2018. 194 S., ca. 20 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2018, 11:12 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Mörder zeichnet mit dem Messer

Krimi der Woche: «Krokodilwächter» von Katrine Engberg ist der etwas harzige Auftakt einer neuen Reihe um ein ungleiches Ermittlerduo in Kopenhagen. Mehr...

Leiche einer nackten Frau am Aussichtspunkt

Krimi der Woche: Im kurzen Thriller «Die Amerikanerin» setzt der südafrikanische Bestsellerautor Deon Meyer die Geschichte des Polizisten Bennie Griessel fort. Mehr...

Ein Actionthriller wird zum Lehrstück über Gewalt

Krimi der Woche: Der amerikanische Rechtsanwalt Douglas E. Winter setzt mit seinem beinharten Roman «Run» Massstäbe für Noir-Thriller. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Ein bizarrer Mord und politische Verwicklungen

Krimi der Woche: Die Nordirland-Thriller von Adrian McKinty – jetzt neu: «Dirty Cops» – sind hart und gnadenlos realistisch, aber auch witzig. Mehr...

Gewalt und Leidenschaft im Garten des Teufels

Krimi der Woche: «Red Grass River» vom grossen Erzähler James Carlos Blake ist ein faszinierendes Gangster-Epos aus der Gründerzeit Floridas. Mehr...

Düsterer Thriller um Kindesentführungen

Krimi der Woche: Mit ihrem vierten Roman «So dunkel der Wald» zeigt die Österreicherin Michaela Kastel viel Potenzial. Mehr...

Artikel zum Thema

Gewalt und Leidenschaft im Garten des Teufels

Krimi der Woche: «Red Grass River» vom grossen Erzähler James Carlos Blake ist ein faszinierendes Gangster-Epos aus der Gründerzeit Floridas. Mehr...

Düsterer Thriller um Kindesentführungen

Krimi der Woche: Mit ihrem vierten Roman «So dunkel der Wald» zeigt die Österreicherin Michaela Kastel viel Potenzial. Mehr...

Ein Feuerwerk von schwarzem Humor und ätzendem Sarkasmus

Krimi der Woche: Um ideologiefreie Profi-Terroristen geht es im witzigen Thriller «Wer andern eine Bombe baut» des Schotten Christopher Brookmyre. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...