Scharfe Skalpelle und scharfe Worte

Krimi der Woche: Im Thriller «Dein Ende» des Schotten Chris Brookmyre wird eine Chirurgin des Mordes an ihrem Mann beschuldigt, doch es gibt keine Leiche.

Seine Thriller sind schräg und lustig, auch der neueste, bei dem es vom Toten keine Spur gibt.

Seine Thriller sind schräg und lustig, auch der neueste, bei dem es vom Toten keine Spur gibt. Bild: Chris Close

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Der erste Satz
Die Anwesenden im Gerichtssaal warteten auf die Tonaufnahme, hörten aber nur leises Hintergrundrauschen.

Das Buch
Diana Jager ist – oder war – eine erfolgreiche Chirurgin. Sie kann nicht nur mit scharfen Skalpellen umgehen, sondern auch mit scharfen Worten. In ihrem Blog prangerte sie anonym immer wieder die Benachteiligung der Frauen in ihrem Beruf an. Nach einer schlecht ausgegangenen Beziehung mit einem IT-Typen liess sie sich dort auch über die überheblichen Computerheinis im Spital aus. Die hackten daraufhin ihren Blog und outeten sie. Weshalb sie jetzt nicht mehr in der renommierten Klinik tätig ist, sondern in einem Spital im schottischen Inverness.

Soweit die Ausgangslage im Thriller «Dein Ende» des schottischen Autors Chris Brookmyre. Von ihm sind bereits vier Romane auf Deutsch erschienen, darunter «Die hohe Kunst des Bankraubs», «Angriff der unsinkbaren Gummienten» und «Wer andern eine Bombe baut»: sehr lustige, eher schräge Krimis.

Auch «Dein Ende» ist durchaus witzig, aber weniger abgedreht als die früher übersetzten Titel. Obwohl eher die Chirurgin Diana die Hauptfigur ist – und die Icherzählerin «ihrer» Kapitel –, spielt Brookmyres Serienheld Jack Parlabane eine zentrale Rolle, ein Journalist, der sich mit unkonventionellen Methoden schon mal ins Abseits manövriert. Und Sachen zum Besten gibt wie: «Journalismus ist die Kunst, etwas Konstruktives mit deiner Zeit anzustellen, während du darauf wartest, dass dich die Leute zurückrufen.»

In Inverness verliebt sich die Chirurgin ausgerechnet in einen Mann aus der IT-Abteilung des Spitals, den sie auch noch ziemlich schnell heiratet. Doch dann wird alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie gerät in eine verrückte Geschichte um ihren Mann, den Spross einer «steinreichen, aber dysfunktionalen Familie», und wird schliesslich beschuldigt, ihn ermordet zu haben. Doch wo ist die Leiche?

Der Plot, der etliche Twists bietet, ist raffiniert konstruiert. Durch die nicht chronologische Reihung der Kapitel baut Brookmyre geschickt Spannung auf und gewährt daneben allerlei Einblicke in die Welt der Chirurgen, die als «intelligente Psychopathen» durch die Geschichte geistern. So ganz beiläufig behandelt der Roman auch mit viel Ironie den Geschlechterkrampf in der Arbeitswelt, besonders im Spital. «In diesem Beruf werden Wutausbrüche bei Frauen sehr viel strenger beurteilt. Frauen gelten als emotional. Die werden leicht hysterisch. Wenn ein Kerl jemanden zur Sau macht, hat er eben was gegen dumme Menschen, und es wird ihm womöglich sogar als Stärke ausgelegt. Verfährt eine Frau auf dieselbe Weise, gilt es als Schwäche.»

Die Wertung

Der Autor
Chris (Christopher) Brookmyre, geboren 1968 in Glasgow, studierte englische Literatur und Theaterwissenschaften an der Universität Glasgow. Er war in London, Los Angeles und Edinburgh als Journalist tätig, bevor er 1996 seinen ersten Roman «Quite Ugly One Morning» veröffentlichte. Inzwischen gibt es mehr als zwei Dutzend Thriller von Brookmyre. Auf Deutsch sind bei Galliani, Berlin, erschienen: «Wer schlafende Hunde weckt» (2012; Original: «Where the Bodies Are Buried», 2011), «Die hohe Kunst des Bankraubs» (2013; «The Sacred Art of Stealing», 2003), «Angriff der unsinkbaren Gummienten» (2014; «The Attack of the Unsinkable Rubber Ducks», 2007) und «Wer andern eine Bombe baut» (2018; «A Big Boy Did It and Ran Away», 2001). Rowohlt gab 2014 «Wer schlafende Hunde weckt» unter dem Titel «Wo die Leichen liegen» als Taschenbuch heraus. Mit «Dein Ende» («Black Widow», 2016) startet Rowohlt jetzt – mit dem von Christopher auf Chris verkürzten Vornamen Brookmyres – mit Romanen um den Journalisten Jack Parlabane, der in bisher acht Romanen auftritt, von denen in Grossbritannien insgesamt mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Für November 2019 ist «Dunkle Freunde» («Want You Gone», 2017) angekündigt. Brookmyre lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in der Nähe von Glasgow.

Chris Brookmyre: «Dein Ende» (Original: «Black Widow», Little, Brown Book Group, London 2016). Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Rowohlt/rororo, Hamburg 2019. 461 S., ca. 20 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 05.06.2019, 13:21 Uhr

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