Schöne neue Hölle

Acht Versuchspersonen betreten eine künstliche Biosphäre: In seinem neuen Roman denkt T. C. Boyle ein reales Experiment aus den 90er-Jahren zu Ende.

Seine Figuren unterscheiden sich nicht so sehr vom Feuchtnasenaffen: T. C. Boyle. Foto: Cédric von Niedernhäusern

Seine Figuren unterscheiden sich nicht so sehr vom Feuchtnasenaffen: T. C. Boyle. Foto: Cédric von Niedernhäusern

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Es gibt diese Art blauen Himmels, der man besser nicht traut. Vielleicht ist er etwas zu blau, die Luft etwas zu feucht, zu wenig Sauerstoff drin, oder am Horizont deuten sich schon ein paar dunkle Wolken an. Die Leserschaft T. C. Boyles kennt diese Wetterlage seit «Wasser­musik» (1982). In seinem ersten grossen Roman erzählte Boyle, wie der Schotte Mungo Park Ende des 18. Jahrhunderts als erster Europäer den Lauf des Niger erkundete. Die wichtigen Fakten waren historisch gesichert, alles übrige entstand im Kopf des Erzählers. Der brachte seinen Figuren so viel Empathie entgegen, dass wir mit ihnen leiden, und beschrieb ihre Schwächen zugleich so schonungslos, dass wir uns und unsereins darin erkennen.

Boyles neuer Roman, «Die Terranauten», berichtet wieder von einer Expedition. Diesmal führt sie hoch hinaus: ins Weltall. Oder fast. In einer künstlich geschaffenen Biosphäre probt eine Gruppe von jungen Wissenschaftlern zwei Jahre lang, autark zu leben. Unter einer Glaskuppel sind auf sechs Stockwerken die Lebenszonen Meer, Savanne, Regenwald und Wüste nachgebaut, 3800 Tier- und Pflanzenarten leben hier, auf einer eigenen Etage auch die Spezies Mensch. Eine schöne neue Welt unter Glas – in der sich aber nicht alle Lebewesen so verhalten wie geplant. Und in der, zur Überraschung der Terranauten, sogar Tiere auftauchen, die es hier gar nicht geben dürfte: Ameisen, Moskitos, ­Spatzen und ein Skorpion.

Die Erde überleben

Diese Versuchsanordnung eignet sich für einen Roman über die Unwägbarkeiten der Natur und menschliche Schwächen so gut, dass sie von T. C. Boyle erfunden worden sein könnte. Aber es gab sie tatsächlich, zu Beginn der 1990er-Jahre. Der texanische Milliardär und Philanthrop Edward Bass stellte in der Wüste Arizonas einen Biosphere 2 genannten Komplex hin. Gegen 200 Millionen Dollar wurden – auch von Dritten – in eine Kunstwelt mit geschlossenen Kreisläufen investiert, in eine Trainingswelt für Expeditionen ins Weltall, aber auch für ein Überleben nach der denkbar gewordenen Zerstörung der Erde.

Das Experiment scheiterte, Boyle führt es nun literarisch fort. Sein Roman setzt ein mit dem Casting zur Auswahl acht junger Terranauten für einen neuen Versuch. Der Einschluss des neuen Teams wird im Frühjahr 1994 zu einem öffentlichen Ereignis mit grosser Aufmerksamkeit des Publikums, weil er gleich drei Formate des beginnenden Reality-TVs vorwegnimmt: «Big Brother», «Dschungelcamp» und «Bachelor». Der «Grosse Bruder» ist die im benachbarten Bürohaus untergebrachte Leitung, die «Mission Control».

Ihr Kopf ist ein zynischer, zugleich raffinierter Versuchsleiter, im ­Roman nur mit den Initialen G. V. – für Gottvater –bezeichnet. Er ist ein besessener, begnadeter Manipulator, der seine Anhänger zu einer Sekte formt. Er erinnert an den Sexualforscher Alfred Kinsey aus Boyles «Dr. Sex» (2005). Auch der instrumentalisiert seine Anhänger, ohne dass die sich dessen bewusst ­werden.

Die Touristen kommen

Wie in «Dr. Sex» schildert Boyle die Ereignisse aus der Sicht der Manipulierten, was dem Geschehen Unabwendbarkeit und Komik zugleich verleiht. Während die Jünger damals, versteckt im Kleiderschrank, Freier und Prostituierte beobachteten, werden sie hinter den Glasscheiben hier nun selber zum Objekt der Beobachtung. Wie das Experiment ausgeht, ist den Manipulatoren egal – Hauptsache, es liefert Erkenntnisse und lässt sich vermarkten. Fürs Marketing von Biosphäre 2 ist ein junger Draufgänger namens Ramsay zuständig. Er spielt darum eine Schlüsselrolle und nimmt am Experiment schliesslich selber teil; denn G. V. will nichts dem Zufall überlassen.

So wird die Biosphäre rasch zu einem Ausflugsmagnet für Touristen. Draussen werden Stofftiere und andere Souvenirs verkauft, drinnen wird es zunehmend ungemütlich. Dies weckt bei einzelnen Terranauten den Wunsch: «Holt mich hier raus!» Aufgeben oder nicht? Die Abstimmung darüber endet im Patt und muss durch den Stichentscheid der Gruppenleiterin entschieden werden. So viel vorweg: So rasch entlässt weder G. V. seine Versuchsgruppe noch T. C. Boyle seine Leser aus der verschlossenen Welt hinter Glas.

Der Roman spielt in einer Trainingswelt für Reisen ins Weltall, aber auch für ein Überleben nach der Zerstörung der Erde.

Schliesslich ist der Roman auch ein Vorläufer des «Bachelor»: Die Zuschauer vor den Glasscheiben, die Überwacher von «Mission Control», und die Leser rätseln, wer wie und mit wem. Denn die acht mehrheitlich jungen Leute sind nicht nur ehrgeizige Wissenschaftler, sondern auch in der Paarungsphase ihres Lebens. Ihr Verhalten unterscheidet sich in dieser Hinsicht wenig von dem der Feuchtnasenaffenart Galagos, die ebenfalls in die Ökosphäre eingesperrt ist. Die vier Frauen und Männer wurden von der Versuchsleitung auch nach dem Gesichtspunkt ihrer Attraktivität ausgewählt, um möglichst viel Publikum vor die Glasscheiben zu locken. «Als ich das Projekt begann, hatte ich keine Ahnung, wie unglaublich sexy das ist», zitiert der Verlag T. C. Boyle: «Vier Männer, vier Frauen. Nichts rein, nichts raus. Was werden sie tun?»

Sexy, das ist durchaus wörtlich zu verstehen, aber nicht nur. Denn wie gewohnt verpackt Boyle in seine Reality-­Literatur alle grossen Fragen des Lebens, die ihn und uns umtreiben. So bewahrheitet sich unter dieser Glaskuppel Arthur Schopenhauers Erkenntnis, wonach der Mensch dem Menschen womöglich nicht ein Wolf, aber sicher ein Stachelschwein ist: Das sucht die Nähe der anderen, bis sie schmerzhaft pikst.

Mit dem nötigen Witz

Auch die Erkenntnis der US-Ethnologin Margaret Mead wird verifiziert, wonach das menschliche Verhalten, besonders zwischen den Geschlechtern, kulturspezifisch geprägt ist. Und unter den Bedingungen der Glaskuppel und in zunehmender Hitze erfährt auch Jean-Paul Sartres Diktum eine neue literarische Gestaltung: «Die Hölle, das sind die anderen.» Zum Leser kommt das als Tragikomödie, mit der richtigen Dosis Witz, glaubhaft und aushaltbar zugleich.

T. C. Boyle erzählt das Ökoabenteuer aus drei Perspektiven: Zwei Aktivisten leben drinnen, eine wartet auf einen künftigen Einsatz draussen. In dieser dreifachen Erzählung erweist sich Moral, insbesondere grüne Moral, als so komplex und vielschichtig wie in Boyles Roman «Wenn das Schlachten vorbei ist» (2011): Darin bekämpfen sich zwei Tierschutzgruppen, weil die eine jene Art schützen will, die eine andere ausgerottet hat. Beide Seiten hatten die Moral auf ihrer Seite – und damit auch keine.

Im neuen Roman gibt sich die sympathische Hauptfigur Dawn nahe bis zur Selbstverleugnung auf und wird zur masslosen Egoistin. Der Draufgänger Ramsay aber ist frei von Moral und rettet so den freien Willen – die Voraussetzung von Moral. Einzig die Figur draussen, Linda Ryu, Tochter koreanischer Einwanderer, bleibt vergleichsweise eindimensional: überangepasst, ehrgeizig und damit berechenbar.

Glücklich, wer diesen Experimentatoren und ihren Höllen entkommt – oder wer sich einreden kann, dass ihre Hölle bei erfolgreichem Ausgang des Experiments dereinst zum Paradies werden kann. Die reale Biosphere 2 in Arizona scheiterte 1995 an Sauerstoff- und Nahrungsmangel. Der Gebäudekomplex dient heute der Universität Arizona als Bibliothek sowie der Forschung und Lehre. Er müsste zugleich Mahnmal für gescheiterte Grössenfantasien sein. Financier und Philanthrop Edward Bass jedenfalls unterstützt seither regionale Projekte des WWF.

T. C. Boyle: Die Terranauten. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2017. 604 S., ca. 30 Fr. ; die Lesung vom 23. 2. im Zürcher Kaufleuten ist ausverkauft.

Erstellt: 08.01.2017, 18:04 Uhr

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