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Schöner ging die DDR nie unter

Lutz Seilers Roman «Kruso» erzählt vom letzten Sommer der DDR auf der Insel Hiddensee und einer merkwürdigen Männerfreundschaft. Er ist der Favorit für den deutschen Buchpreis.

Gibt die untergegangene DDR einfach die besseren Geschichten her? Druck, Widerstand oder Anpassung, Lügengebäude und Zwischen-den-Zeilen-Raffinesse, Flucht oder Nische: Das real- oder scheinsozialistische Regime in Ostdeutschland, abgeriegelt nach aussen, von Kontrollwahn nach innen besessen, setzte seine Untertanen immer wieder schweren moralischen Entscheidungen aus. Entscheidungen, die Charaktere bilden und schärfen, aber auch zerstören konnten. Uwe Tellkamp, Ingo Schulze, Eugen Ruge oder Birk Meinhardt haben in den letzten Jahren mit epischen Abgesängen auf die DDR grosse Erfolge erzielt, Preise gewonnen und eine breite Leserschaft gefunden.

Lutz Seilers «Kruso» ist poetischer und versponnener, im literarischen Rang den genannten Vorgängern mindestens ebenbürtig. Respektvolle bis ­enthusiastische Kritiken hat er geerntet, schon hat man ihn auf die Pole Position für die letzte Runde im Rennen um den deutschen Buchpreis geschoben. Auch wenn «Kruso» von Juni bis November 1989 spielt, in den Monaten, als die DDR sich auflöste; auch wenn abermals eine Nische im Stasistaat ausgeleuchtet wird: Die Nähe zu Tellkamp, Ruge & Co. ist nur vordergründig. Das Eigentliche findet sich auf einer anderen Ebene.

Die Nische ist diesmal eine Insel. Hiddensee, ganz im Norden des Landes, 50 Kilometer vom dänischen Møn entfernt, übers Meer nahezu unerreichbar für Flüchtlinge, die es doch immer wieder versuchten. Andere fanden hier ein Stück Exterritorialität, eine halb legale, weniger überwachte Aussteigerexistenz, wenigstens für einen Sommer, als Saisonkräfte in Hotels und Restaurants. Bei Seiler heissen sie Esskas, er selbst war einst ein paar Wochen einer von ihnen.

Zu einem solchen Esska wird auch Edgar Bendler, kurz Ed, 24 Jahre alt, gelernter Maurer, dann Germanistikstudium, von dem ihm viele Gedichte im Kopf geblieben sind, festgehalten von einer «Auswendigkraft». Ed ist kein Dissident; dass er mit dem System nichts am Hut hat, ist selbstverständlich. Sein Ausstieg geht weiter, eigentlich will er ganz verschwinden. Ganz sicher ist er sich nicht einmal, ob er sich nach dem Unfalltod seiner Freundin G. nicht aus dem Fenster gestürzt hat. Ihn bestimmt das Gefühl, das eigene Leben immerzu verteidigen zu müssen, «einerseits gegen das, was dauernd geschah, andererseits gegen sich selbst und die Lust, aufzugeben».

Die Gaststätte als Staat im Staat

So umgibt ihn in seiner «Lebensverwirrnis» ein permanentes Staunen, eine zweite Haut von Unwirklichkeit, als er im Klausner anheuert, einer etwas verkommenen Gaststätte im Norden der Insel, die wie ein Schiff auf den Klippen thront (auch sie hat ihre reale Entsprechung vor Ort). Unwirklich ist schliesslich, was er dort vorfindet: eine Art Staat im Staate, gelenkt von Kruso, dem Titelhelden, korrekt Alexander Krusowitsch, Sohn eines russischen Generals, ein Gestrandeter, der ebenso wie Ed sein Liebstes verloren hat, seine Schwester Sonja, wahrscheinlich beim Fluchtversuch ertrunken. «Hier wartest du so lange und rührst dich nicht weg», hatte sie dem kleinen Bruder am Strand aufgetragen. Dem Auftrag leistet er Folge.

Kruso präsidiert als geistiges Oberhaupt die Mannschaft des Klausner, eine bunte Truppe aus promovierten Kellnern und verkannten Dichtern, die ihn dabei unterstützen, dem System der Unfreiheit, auf der Insel schon bis zur Unkenntlichkeit verblasst, ein Reich der Freiheit entgegenzusetzen, mit eigenen Regeln und Ritualen. Dazu gehört vor allem die Betreuung der «Schiffbrüchigen», also der Aussteiger und potenziellen Flüchtlinge. Sie werden in einem dreistufigen Ritual behandelt – beköstigt mit einer Suppe, getränkt mit Vorträgen über die wahre Freiheit und zur Arbeit angehalten (aus den Ringen toter Vögel basteln sie Schmuck). Nach drei Tagen, so Kruso, haben sie die Schlacken des falschen Lebens abgeworfen, ihre ­Wurzel gefunden und sind reif, als Erleuchtete zurück aufs Festland zu gehen und den Keim der Freiheit weiterzutragen, «bis die Quantität in Qualität umschlägt, das Mass der Freiheit in den Herzen die Unfreiheit der Verhältnisse übersteigt».

Wenig Vergleichbares in der Literatur

Völlig klar: Kruso ist ein Idealist, ein Illusionist. Aber auch ein Charismatiker, der die Insulaner mitzieht und vor allem Ed in seinen Bann schlägt. Die wunderbare Geschichte ihrer Freundschaft hat wenig Vergleichbares in der Literatur. Es ist eine Männerfreundschaft, also eine, die wenig Worte macht und braucht, die sich über gemeinsame Arbeit artikuliert (vor allem das Abwaschen des Restaurantgeschirrs, dem Seiler eine erstaunliche Poesie des Ekels abgewinnt), über eine raubeinige Körperlichkeit, den gemeinsamen, geteilten Verlust – und über Lyrik. Ed ist ein Container moderner Dichtung, und Kruso schreibt selbst, oder vielmehr: Seine Gedichte brechen bei den Abwaschorgien über den gewaltigen Wasserbecken aus ihm heraus.

Ed ist Robinson Krusos Freitag, beide haben offenbar aufeinander gewartet. Aber anders als in Defoes Klassiker bleibt ihr Verhältnis nicht statisch und hierarchisch. Kruso hält an seiner Utopie fest, dass Freiheit nur auf der Insel zu finden sei, ja überhaupt nur als innere Freiheit, von äusserer Unfreiheit umgeben – auch, als das Radio von der Öffnung der ungarischen Grenze und Flüchtlingsströmen spricht, als die «Schiffbrüchigen» ausbleiben und die Mannschaft des Klausner sich nach und nach davonmacht.

Nun träumt er davon, die Insel zum Asyl für all diejenigen zu machen, die von der anbrandenden Warenwelt enttäuscht werden. «Aufgabe des Ostens ist es, dem Westen einen Weg zu zeigen, den Weg zur Freiheit, diese verlorene Seite ihres Daseins.» Er besteht darauf, seine Rituale fortzuführen, und ähnelt so auf paradoxe Weise seinen Antipoden, den unverbesserlichen DDRlern.

Ed dagegen wächst an der zerbröckelnden Umgebung. Er übernimmt immer mehr Aufgaben im sich leerenden Klausner und zunehmend Verantwortung für den kranken, verwirrten Freund. Grandiose Bilder findet Seiler für die sich auflösende Infrastruktur, eine Apokalypse in Zeitlupe, so grandios, wie er vorher die Landschaft belebt und besungen hat. Überhaupt spürt man auf jeder Seite dieses Romans den Lyriker Lutz Seiler.

Eine klingende Passage

Auch deshalb ist die Handlung, die sehr oft aus wiederholten Handlungen besteht, nachrangig: Weil es darauf ankommt, in welche Sätze, Bilder, Klänge sie der Autor übersetzt. Man lese nur diese Passage über das Meer: «Jede andere Gegend schien Ed überzeichnet, versehrt, von Herrschaft angegraut. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass das Meer ihm etwas mitteilen wollte, dass es etwas Entscheidendes bereithielt für ihn, eine Lösung für sein Leben. Es gab die Fülle des Rauschens, das war die Atmung, wogend, endlos und alles umfassend. Es gab keinen Körper, kein Gefäss, das gross genug gewesen wäre für dieses Wesen aus Atem, diesen pneumatischen Riesen, im Gegenteil, es selbst schloss alles ein, es beatmete sein Denken oder brachte es zum Stillstand, es wiegte ihn in den Schlaf und umspülte seine Träume und formte sie zu etwas, das unfassbar war.»

Am Ende wird Kruso von seinem Vater, dem General, geholt und fährt mit ihm auf einem Panzerkreuzer davon. Und auch für Ed ist die Inselzeit zu Ende. «Es war ein Traum. Und jetzt hatten sie den Träumer weggebracht.» Träumerischer, traumwandlerisch schöner ist die DDR noch nie untergegangen.

Lutz Seiler: Kruso. Roman. Suhrkamp, Berlin 2014. 480 S., ca. 34 Fr.

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