Sechs neue Kinderbücher, die Lust machen aufs Lesen

Während die einen Erstklässler – jetzt nach drei Monaten Schule – schon flüssig lesen können, kämpfen andere um jeden Buchstaben. Das muss nicht sein.

Die Fähigkeit früh lesen zu können, ist keine direkte Intelligenzfrage, sagen Experten.

Die Fähigkeit früh lesen zu können, ist keine direkte Intelligenzfrage, sagen Experten. Bild: Imago

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Wie beim Schreiben, so ist auch beim Lesen die Spannbreite enorm: Manche Sechsjährige ziehen sich schon regelmässig in ihr Zimmer zurück, um in Büchern zu schmökern. Viele ihrer Gspänli müssen dagegen die Buchstaben erst langsam aneinanderreihen, bis ein Wort Sinn ergibt – Lesen finden sie entsprechend anstrengend. Und einige wenige interessieren sich noch gar nicht für geschriebene Sprache.

«Die Entwicklungsunterschiede sind in diesem Alter riesig», sagt Britta Juska-Bacher von der Pädagogischen Hochschule Bern. Gemäss Studien kann rund ein Drittel der Kinder bei Schulbeginn Wörter oder sogar ganze Sätze lesen. Eltern müssen sich aber keine Sorgen machen, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn weniger weit ist als die Klassenkameraden. «Die Fähigkeit zu lesen, ist keine direkte Intelligenzfrage», erklärt Britta Juska-Bacher, die Expertin fürs Lesenlernen ist. Natürlich brauche es ein Mindestmass an kognitiven Fähigkeiten dazu. Aber entscheidend sind meist Faktoren wie der sprachliche Entwicklungsstand des Kindes, die Förderung im Elternhaus und ob es ältere Geschwister gibt, die als Vorbilder dienen.

Die grosse Herausforderung besteht darin, dass Lesen am Anfang wenig Spass macht. Wie beispielsweise beim Skifahren muss man leiden, bis man eine gewisse Leichtigkeit erreicht. Was können Eltern oder Grosseltern tun, wenn sie dem Nachwuchs helfen möchten, dranzubleiben? Britta Juska-Bacher meint: «Sie sollten die Motivation fördern.» Das heisst, anstatt stundenlang das Alphabet auswendig zu lernen, bringt es mehr, zu zeigen, dass sich hinter den scheinbaren Bleiwüsten spannende Welten verbergen.

Dabei darf man keine Scheu vor vermeintlich zweitklassigen Texten wie Comics haben. Vielleicht schaut das Mädchen oder der Bub am Anfang nur die Bilder an, aber mit der Zeit werden sie sich auch für die Sprechblasen interessieren. Im Zusammenhang mit den Zeichnungen fällt das Entschlüsseln des Textes dann relativ leicht.

Hier sind sechs Lese-Tipps:



Von der Bücherhasserin zum Bücherfan

Für wen?
Kinder ab vier Jahren.

Worum geht es?
Das Bilderbuch «Ich mag keine Bücher. Nie. Niemals. Nie.» ist perfekt durchdacht und sprüht vor Fantasie von der ersten bis zur letzten Seite. Im Zentrum steht Marla, die dauernd Bücher geschenkt bekommt. Dabei mag sie Bücher gar nicht. Doch im Laufe der Geschichte entdeckt sie, wie spannend Wortwelten sein können. Und sie merkt, wie schade es ist, wenn man diese verpasst. Zum Beispiel wenn sie plötzlich mitten in einem Kriminalroman landet und bei der Auflösung des Falles nicht mithelfen darf.

Was ist so toll daran?
Die Geschichte ist sehr witzig und zeichnerisch wunderbar umgesetzt: Die Illustrationen sind Teil der Handlung. Eltern und Grosseltern können «Ich mag keine Bücher. Nie. Niemals. Nie.» entweder ihrem Kindergartenkind vorlesen und so die Lust auf Geschichten wecken. Oder sie geben es dem Schulkind zum Selberanschauen und -lesen.

E. Perry, S. Davey: «Ich mag keine Bücher. Nie. Niemals. Nie.» Dragonfly, 32 S., ca. 18 Fr.



Eine neugierige Giraffe und ein kluges Kind

Für wen?
Kinder ab sechs Jahren, die schon ein bisschen lesen können.

Worum geht es?
Torkel, die Giraffe, hat viele Fragen: Wieso liegen die Blätter des Baumes am Boden? Bekommt der Baum eine Glatze? Ist der Herbst vielleicht eine Krankheit? Nach und nach erklärt ihr das Kind, die zweite Hauptfigur in «Torkel», alles. Das Bilderbuch ist in der «Tulipan ABC»-Reihe erschienen, die sich an Erstleserinnen und Erstleser richtet. Die Bestseller-Autorin Charlotte Habersack zeigt darin, dass sie auch mit einfachen Sätzen eine spannende, kluge und witzige Geschichte erzählen kann.

Was ist so toll daran?
Für einmal hat das Kind auf alle Fragen eine Antwort. Die grosse Giraffe dagegen ist ein bisschen hilflos. Das macht natürlich Spass – vor allem, wenn man sich beim Lesen selbst noch ein wenig unbeholfen fühlt. Die Zeichnungen der Illustratorin Susanne Göhlich vermitteln dieselbe fröhliche Leichtigkeit wie die Texte im Bilderbuch.

Charlotte Habersack, Susanne Göhlich: «Torkel», Tulipan-Verlag, 48 S., ca. 15 Fr.



Eine süsse Katze in einer süssen Geschichte

Für wen?
Kinder ab fünf Jahren, die sich fürs Lesen interessieren.

Worum geht es?
Die Lesezug-Reihe des Verlags G&G richtet sich an Mädchen und Buben, die das Lesen lernen möchten. Die Bücher sind in vier Kapitel eingeteilt, deren Schwierigkeitsgrad sich steigert. So liest das Kind im ersten Kapitel nur einen Satz pro Seite, der Rest gehört dem Bild. Im vierten Kapitel sind es vier Zeilen Text. Neben dem Konzept überzeugt in «Kater Felix findet ein Zuhause» auch die Geschichte: Gespannt folgt man der kleinen Katze, die einen Ort sucht, wo sie sich wohl fühlen kann. Das Buch ist in der österreichischen Schulschrift geschrieben, die fast exakt unserer Basisschrift entspricht.

Was ist so toll daran?
Die einfühlsame Geschichte und die Zeichnungen begeistern. Und am Ende gibt es Rätsel: Die Kinder müssen etwa Bildunterschriften dem richtigen Bild zuordnen. Das macht das Lesenüben noch spielerischer.

Ch. Auer, K. Nowothnig: «Kater Felix findet ein Zuhause», G&G-Verlag, 52 S., ca. 15 Fr.



Eine gruslige Reise durch die Stadt Bern

Für wen?
Abenteuerlustige Kinder ab acht, denen Lesemotivation guttut.

Worum geht es?
Der Verlag bezeichnet «Berns verborgene Geschichten» als «interaktiven Reiseführer». Es ist kein Buch, das explizit das Lesen fördern will, sondern eines, das zeigt, wieso es sich lohnt, flüssig lesen zu können. Wundervoll gezeichnete Stadtpläne führen durch Berns Altstadt. Die Kinder müssen bestimmte Orte suchen. Zum Beispiel steht im Kapitel «Junkerngasse»: «Finde ein Gebäude mit einem grossen Innenhof, das wie ein Stadtschloss aussieht.» Das ist natürlich der Erlacherhof. So lernen Schulkinder gleich noch etwas über Geschichte und Geografie.

Was ist so toll daran?
Die Stadtpläne erinnern an eine Schatzsuche. Zwischendurch erzählen die Autorinnen zudem Legenden aus der Stadtgeschichte. Sie interpretieren sie sehr frei – und kindergerecht. Wer es ein wenig gruslig mag, kommt voll auf seine Kosten.

M. T. Lauper, J. Darling, J. Garrett: «Berns verborgene Geschichten», 48 S. Bergli Books, ca. 22 Fr.



Berner Erfolgsautor Lorenz Pauli lockt mit Tierabenteuern

Für wen?
Kinder ab sechs Jahren, die schon ein bisschen lesen können.

Worum geht es?
Autor Lorenz Pauli und die Illustratorin Kathrin Schärer sind bekannt als Duo, das preisgekrönte Kinderbücher schreibt. 2017 etwa haben die beiden für ihr Werk «Rigo und Rosa» den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis erhalten. Nun haben sie mit «Am Sonntag, als das Ei aufging» einen Sammelband mit drei frechen Geschichten für Erstleserinnen und Erstleser veröffentlicht. Die Texte handeln alle von Tieren – mal von eher herzigen, mal von ziemlich gefährlichen. Ursprünglich sind «Nach dem Fest», «Wanda will weg» und «Eine schlimme Geschichte» in Heften des Schweizerischen Jugendschriftenwerks (SJW) erschienen. Dieses hat es sich zum Ziel gesetzt, Kinder zum Lesen zu animieren.

Was ist so toll daran?
Es gibt wenig Text und viele Bilder, die sofort in die Geschichten reinziehen.

L. Pauli, K. Schärer: «Am Sonntag, als das Ei aufging». Atlantis-Verlag, 112 S., ca. 25 Fr.



Ideal für Buben, die eher zu cool für das Lesen sind

Für wen?
Coole Jungs ab neun Jahren, die sonst nicht so gerne lesen.

Worum geht es?
«Echte Helden» ist eine neue Reihe der Bestsellerautorin Charlotte Habersack. Es handelt sich um Abenteuergeschichten, die sich so tatsächlich abgespielt haben sollen. Das Zielpublikum sind offensichtlich Buben. So kommen in «Echte Helden – Gefangen im Hochwasser» fast nur Knaben vor: Hauptfigur Louis führt Alexander und Orkan eines Nachts heimlich auf den Schrottplatz, obwohl seit Tagen vor einer Sturmflut gewarnt wird. Die Katastrophe tritt schliesslich ein, und Louis muss allen zeigen, was in ihm steckt.

Was ist so toll daran?
Das Buch ist perfekt für Jungs: Die Geschichte ist spannend, Knaben identifizieren sich sofort mit der Hauptfigur, es geht um typische Bubenthemen wie Anerkennung unter Kameraden, die Kapitel sind kurz, und Illustrationen lockern den Text auf. Wer mal angefangen hat, kann das Buch kaum weglegen.

Ch. Habersack: «Echte Helden – Gefangen im Hochwasser», Dragonfly-Verlag, 160 S., ca. 10 Fr.

Erstellt: 08.11.2019, 08:44 Uhr

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