Serienvergewaltiger in Polizeiuniform

Krimi der Woche: Garry Disher ist der interessanteste Krimiautor Australiens. In «Leiser Tod» hat Inspector Challis auf der Mornington-Halbinsel an allen Fronten zu kämpfen.

Nicht dass Garry Dishers Polizisten keine Fälle lösen würden, aber in seinen Romanen geht es nie nur um Verbrechen. Wie beiläufig entwirft er präzise Bilder der Gesellschaft.

Nicht dass Garry Dishers Polizisten keine Fälle lösen würden, aber in seinen Romanen geht es nie nur um Verbrechen. Wie beiläufig entwirft er präzise Bilder der Gesellschaft. Bild: garrydisher.com

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz
Grace taugte als Name so gut wie jeder andere, und an diesem Morgen war Grace in Hobart, schlenderte durch eine wohlhabende Ecke von Sandy Bay und besah sich die abgelegenen Anwesen.

Das Buch
Inspector Challis ist zurück. Nachdem der Zürcher Unionsverlag vor zwei Jahren mit «Bitter Wash Road» den bisher besten Polizeiroman des Australiers Garry Disher auf Deutsch vorgelegt hatte, setzt er jetzt mit «Leiser Tod» die Reihe mit Inspector Hal Challis fort. Ellen Destry, Challis’ Mitarbeiterin und Freundin, sonst die zweite Hauptfigur, kommt hier nur am Rande vor. Sie ist in Europa, wo sie sich in Sachen Sexualdelikte weiterbildet. Und ausgerechnet jetzt treibt ein Serienvergewaltiger in Polizeiuniform auf der Mornington-Halbinsel sein Unwesen.

Aber auch sonst hat Challis alle Hände voll zu tun. Ein Bankräuber arbeitet sich durchs Land und erreicht die Halbinsel. Dass sich Sprayer mit frechen Sprüchen über die Mode gewordenen grossen Portale vor den Anwesen wohlhabender Einwohner lustig machen, amüsiert den Kriminalisten eher. Eingreifen muss er aber, als die Tochter von Ellen Destry, die während Mamas Abwesenheit mit Freunden in deren Häuschen Ferien macht, in einen Konflikt mit benachbarten Marihuana-Pflanzern gerät. Und dann ist auch noch eine raffinierte Einbrecherin unterwegs, die nicht nur von der Polizei, sondern auch von einem früheren Partner gesucht wird.

Das alles und mehr muss Challis mit einem Rumpfteam bewältigen, da die Regierung überall spart, auch bei der Polizei. Dass sich Challis darüber gegenüber einem Reporter in deutlichen Worten auslässt, ruft die Vorgesetzten auf den Plan, und dem erfolgreichen Kriminalpolizisten droht ein Disziplinarverfahren. Zudem muss Challis sich von seinem alten Triumph trennen, der immer öfter Probleme macht. Und was soll er mit dem Weltkriegsflugzeug machen, nachdem er es in langjähriger Arbeit nun fertig restauriert hat?

Geschickt legt Garry Disher die verschiedenen Handlungsstränge aus. Die Kapitel um die Serieneinbrecherin erinnern stark an Dishers brillante Reihe um den Berufskriminellen Wyatt. Nicht dass Dishers Polizisten keine Fälle lösen würden, aber in seinen Romanen geht es nie einfach um ein Verbrechen, dass dann aufgeklärt wird. Ganz beiläufig entwirft er, ohne je ins Dozieren oder Belehren zu verfallen, auch in diesem Buch ein präzises Bild der Gesellschaft. Disher versteht es, verschiedene Handlungsstränge virtuos zusammenzuführen, wobei die Geschichte bei aller Komplexität immer spannend bleibt. Und zum grossen Lesevergnügen tragen vor allem auch der lakonische Stil und der trockene Humor viel bei. Australien hat eine ganze Reihe starker und aufstrebender Krimiautoren zu bieten. Altmeister Disher steht nach wie vor an der Spitze.

Die Wertung

Der Autor
Garry Disher, geboren 1949 in Burra, South Australia, ist im ländlichen Südaustralien aufgewachsen. Er ist einer der bekanntesten australischen Schriftsteller und hat seit den frühen 1980er-Jahren rund 50 Bücher veröffentlicht. Neben Kriminalromanen sind das andere Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher zur Geschichte Australiens und über das Schreiben. Seine Serie um den Berufskriminellen Wyatt ist neben der Parker-Reihe von Richard Stark (eigentlich: Donald Westlake) die beste Serie mit einem Berufsverbrecher als Hauptfigur in der Geschichte der Kriminalliteratur; sieben der bisher acht Bände sind auf Deutsch bei Pulp Master erschienen. Die Reihe um Inspector Hal Challis, die im Zürcher Unionsverlag erscheint, umfasst bisher sieben Bände; «Leiser Tod» ist der sechste. Disher lebt auf der Halbinsel Mornington südöstlich von Melbourne im australischen Bundesstaat Victoria.

Garry Disher: «Leiser Tod» (Original: «Whispering Death», The Text Publishing Company, Melbourne, 2011). Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich, 2018. 347 S., ca. 32 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2018, 14:28 Uhr

Artikel zum Thema

Keiner hat keine Leiche im Keller

Krimi der Woche: In «Korrupt» schildert Mike Nicol ein Südafrika voller Gewalt und Korruption. Und im Zentrum steht der Präsident. Mehr...

Frauen rauben anders

Krimi der Woche: In «Fast ein guter Plan» lässt US-Autor Wallace Stroby die coole Berufskriminelle Crissa auch ihre weibliche Seite ausleben. Womit sie sich in höchste Gefahr bringt. Mehr...

So einfühlsam wie gewalttätig

Krimi der Woche: Der harte Noir-Roman «Gravesend», das Debüt des Amerikaners William Boyle, brilliert durch empathische Charakterzeichnungen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mit Kindern über Flüchtlinge reden

Nachspielzeit Beim Foulpenalty ist zu vieles faul

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Gewalt und Leidenschaft am Wüsten-Highway

Krimi der Woche: In «Desert Moon» erzählt James Anderson virtuos eine packende Geschichte über Liebe und Verlust in der Wüste von Utah. Mehr...

Simenons Kommissar mit den roten Haaren

Krimi der Woche: Zum Auftakt der neuen Werkausgabe von Georges Simenon erscheinen unter dem Titel «Das Rätsel der Maria Galanda» erstmals Geschichten um Kommissar G7 auf Deutsch. Mehr...

Killer-Teenager unterwegs im US-Hinterland

Krimi der Woche: «Dodgers», der Erstling des US-Autors Bill Beverly, ist eine berührende Coming-of-Age-Geschichte im Gewand eines spannenden Noir-Thrillers. Mehr...