Sex, Moral und Political Correctness

Sally Rooneys Debütroman «Gespräche mit Freunden» ist der literarische Hype des Sommers.

Da war sie noch 25: Sally Rooney stellte 2017 auf dem Literaturfestival Edinburgh ihren Debütroman vor. Foto: Gary Doak (Alamy Stock Photo)

Da war sie noch 25: Sally Rooney stellte 2017 auf dem Literaturfestival Edinburgh ihren Debütroman vor. Foto: Gary Doak (Alamy Stock Photo)

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Da ist sie, die Stimme der neuen Generation! Schon wieder eine. Kaum klingt ein literarisches Debüt jung, frisch und unverbraucht, setzt sich die Maschinerie der Werbung in Bewegung, und die Fachwelt sekundiert. So jetzt geschehen bei Sally Rooney, die einmal kein US-Talent ist, auch kein Londoner Secondo-Girl, sondern eine Irin aus dem County Mayo.

Und sie hat nicht bloss ein Buch, sondern auch die Story dazu. Mit einem Essay erregte sie die Aufmerksamkeit einer Mitarbeiterin von Wylie, der mächtigsten Literaturagentur der Welt: Ob sie auch was Fiktionales habe. Rooney hatte, das Manuskript wurde in eine Auktion gegeben und startete spektakulär durch. «Unglaublich, dass dies ein Debüt sein soll», staunte Zadie Smith, und Sarah Jessica Parker («Sex and the City») erklärte, den Roman an einem Stück durchgelesen zu haben.

Die führenden Blätter widmeten der Newcomerin ausführliche Würdigungen, illustriert mit vielversprechenden Fotos – auf dem des «New Yorker» sieht die Autorin aus wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen –, vergaben aber auch grelle Etiketten. «Salinger für die Snapchat-Generation» ist nur eines davon. «Gespräche mit Freunden» war Gesprächsthema jenseits des Kanals und des Atlantiks und hat alles, bei uns zum literarischen Hype des Sommers zu werden.

Ein unprätentiöser Erzählton

Der Romantitel betreibt gezieltes Understatement (Rooneys zweiter Roman, dem Vernehmen nach noch besser, heisst «Normal People»), und unprätentiös kommt die Ich-Erzählerin des Erstlings uns entgegen. Frances ist 21, ihre Autorin war, als sie das schrieb, nur wenige Jahre älter, und ihr erster Satz geht so: «Bobbi und ich trafen Melissa zum ersten Mal bei einer Poetry Night in der Stadt, wo wir gemeinsam auftraten.» So beginnt das Buch, und diesen Erzählton hält es.

Bobbi ist Frances’ beste Freundin, sie waren auch mal ein Paar, beide studieren am Trinity College in Dublin, sie treten bei Spoken-Word-Veranstaltungen auf, Frances schreibt die Texte, Bobbi rockt den Saal. Sie ist die Dominantere, Klügere, Konsequentere, Aggressivere, auch die Schönere, jedenfalls sieht das Frances so.

Die im ersten Satz erwähnte Melissa ist 37 und Fotografin, ihr Mann Nick, 32, Schauspieler; sie laden die Studentinnen zu sich nach Hause ein, auch auf ein Landhaus in Frankreich. Es ist ein Tausch von symbolischem Kapital: Die einen haben den Glanz der Jugend, die anderen den der Arriviertheit.

Im Wesentlichen besteht der Roman aus Gesprächen über Gefühle und aus Gefühlen über Gespräche.

Es wird gegessen, geredet, gestritten und geflirtet. Gelegentlich stossen weitere Personen dazu, alle aus dem Kulturbürgerboheme-Milieu (mit fliessendem Übergang ins Prekariat); aber im Wesentlichen besteht der Roman aus Gesprächen und Gefühlen zwischen diesen vieren, und aus Gesprächen über Gefühle und aus Gefühlen über Gespräche.

Zwischen Melissa und Bobbi knistert es ein bisschen; Nick und Frances beginnen eine Affäre, beenden sie, fangen sie wieder an. Zwischen Melissa und Nick ist der Ofen aus, wird aber dann wieder angefeuert; zwischen Frances und Bobbi glüht die Reibungshitze aus Vertrautheit und Rivalität, Anziehung und Selbstbehauptungsdrang. (Diese Konstellation erinnert ein bisschen an die Freundinnen in Elena Ferrantes Neapolitanischer Tetralogie.)

Ein sehr heutiger Roman

Es ist ein sehr heutiger Roman, er könnte keine fünf Jahre früher spielen. Eine allgemeine Unsicherheit, die Skepsis gegenüber planbaren Karrieren prägt das Lebensgefühl im Nach-Crash-Irland. Ebenso stark aber das angestrengtes Bemühen um die richtige politisch-moralische Einstellung. Als weisse, also im Weltmassstab privilegierte Frau hat man ein schlechtes Gewissen zu haben, auch Frances, die aus recht zerrütteten Verhältnissen kommt und manchmal buchstäblich keinen Cent mehr hat. Reichtum ist ideologisch verdächtig, Intelligenz «moralisch bestenfalls neutral».

Einmal sehen sich die vier Videos über weisse Polizeigewalt in den USA an und finden keine einwandfreie Haltung dazu. Darf man wegsehen, weil es so unerträglich ist, oder muss man sich zwingen, hinzuschauen? Inwieweit steht ihnen moralische Empörung als Weisse zu? Ist es nicht europäische Arroganz – als wären die Polizisten hier nicht auch rassistisch? Nichts ist unverdächtig, nichts unschuldig. Nicht einmal die Natur: «Bobbi fand die Fetischisierung der ‹unberührten Natur› intrinsisch patriarchalisch und nationalistisch.»

«Du hast meine Gefühle verletzt»: Dieser Satz ist die ultimative Waffe im Beziehungskampf  

Das ist amüsant und erhellend zugleich. Klar geht es in diesen Gesprächen auch darum, wer recht hat oder bekommt (meist Bobbi, die Intelligenzbestie). Dominanz ist ein grosses Thema. Aber auch ihr Gegenteil: die Verletztheit. Zwischen den vieren, auch zwischen jedem Paar besteht eine enorme Verletzungsbereitschaft. «Du hast meine Gefühle verletzt», wird alle paar Seiten gesagt oder unterschwellig vermittelt, und dieser Satz ist die ultimative Waffe im Beziehungskampf. Wer ihn sagt, hat immer recht, Gefühle – genauer: das, was jeder als sein eigenes Gefühl definiert – sind die Währung, die zählt.

Aus Angst, verletzt zu werden, gibt man sich keine Blösse – und etwa tiefere Gefühle für den anderen zu. Sex – prima, aber Liebe – das ist fast ein Tabu und erinnert den älteren Leser an ganze Regalbretter psychologischer Literatur aus fernen Jahrhunderten. In den Konversationsstücken des Franzosen Marivaux etwa (18. Jahrhundert) geht es immer darum, keine Schwäche zu zeigen, also seine eigenen Gefühle so lange zu verbergen, bis der andere sich verraten hat.

Bei Sally Rooney gibt es Szenen, die von Marivaux abgeschrieben sein könnten. Zwischen Frances und Nick – einem Mann, den man früher Softie genannt hätte und der aus seiner Hilflosigkeit ein Machtinstrument gemacht hat – gibt es viel Sex, viele Gespräche, vor allem aber Missverständnisse und Misstrauen. Jeder spielt dem anderen die Komödie der reinen Bettgeschichte vor, mehr sei da nicht – um dann umgehend entweder sarkastisch zuzuschlagen oder sich gekränkt zurückzuziehen.

Nichts ist nur das, was gesagt wird

Was die Gespräche, und damit die «Gespräche mit Freunden», so faszinierend macht, ist der doppelte Boden, auf dem sie stattfinden. Nichts ist nur das, was gesagt wird; jeder Satz ist Absicht, Effekt, Strategie. Und deshalb oft das Gegenteil dessen, was er aussagt. Frances, die Ich-Erzählerin, zweifelt an allem, am meisten an sich selbst – für eine 21-Jährige mit künstlerischem Potenzial nicht ungewöhnlich. Sie beäugt, beurteilt, kommentiert alles, was sie sieht, und alles, was sie hört. So läuft eine gedankliche Tonspur immer mit, die den Sound und den Sog dieses Buches entscheidend ausmacht.

So werden «Gespräche mit Freunden» zwar nicht zur Stimme einer Generation – wie vielstimmig ist denn auch jede Generation! –, aber zu einem hochinteressanten Dokument eines Milieus, eines Moments, im Schnittpunkt von tiefer Verunsicherung und harter Political Correctness (die der Verunsicherung durchaus nicht abhilft, eher im Gegenteil).

Es liest sich so runter

Das ist unbedingt lesenswert, und es liest sich auch so runter. Wer im engeren Sinn literarische Ansprüche stellt, wird sich allerdings über die Wahl des Erzähltempus wundern. Das Imperfekt ist ein Mittel, epische Distanz zu schaffen. Es suggeriert gedankliche Bewältigung des Geschehenen, um es erzählen zu können. Davon ist die Erzählerin weit entfernt. Frances ist ganz im Hier und Jetzt, was ihren Text nach der Unmittelbarkeit von Twentysomething-Gesprächen im Zug klingen lässt: Und dann sagt er doch zu mir – und ich dann … Das ist ein Widerspruch, den die Autorin nicht auflösen kann, und die Leser könnens auch nicht.

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Roman. Aus dem Englischen von Zoe Beck. Luchterhand, München 2019. 382 S., ca. 32 Fr.

Erstellt: 01.08.2019, 16:40 Uhr

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