«Überraschend, aber nicht übertrieben»

Gisbert Haefs ist Dylans Übersetzer. Was er vom Literaturnobelpreis für den grossen Sänger hält.

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Ist diese Prämierung nicht übertrieben?
Sie kommt überraschend, sicher. Das Komitee ist über alle seine Schatten gesprungen; es hat den akademischen Literaturbegriff erweitert. Aber übertrieben ist die Wahl keineswegs. Denn was der Lyriker Dylan geschafft hat, ist die Rückführung der Lyrik auf den Gesang. In einen Zustand also, wie er vor Goethe und Heine, vor dem Zeitalter des Bildungsbürgertums, geherrscht hat. Die Prämierung ist also ein wunderbarer Bogen zurück zur singbaren Dichtung.

Die Wahl ist auch eine überraschend populäre.
Natürlich hat Dylan diese Hymnen, zu denen man schunkeln und sich ethisch progressiv fühlen kann. «Blowing in the Wind», «Forever Young»... aber ein populärer Künstler kann ja auch ein guter Künstler sein, und Dylan ist zweifelsfrei ein solcher. «Desolation Row», «Visions of Johanna», «Tombstone Blues» oder das neue «Tempest» sind Stücke mit ganz unterschiedlichen Schichten, Stücke, in denen man stundenlang wühlen kann, sperrige Stücke, Zauberkisten. Das ist der Dylan, der mir gefällt.

Wer sind seine wichtigsten lyrischen Vorbilder?
Einerseits ist da die musikalische Tradition, das amerikanische Folklied und der Südstaaten-Blues. Andererseits ist Dylan sehr belesen, was er nicht zur Schau stellt, sondern sehr gekonnt einarbeitet. Shakespeare und natürlich die Bibel sind da die sehr wichtigen Bezüge.

Wie hat sich Dylan als Texter entwickelt?
Schwierig zu sagen: Sobald er sich einen Status erarbeitet hat, fängt er wieder komplett neu an. Er wendet die Theorie der permanenten Revolution auf sein Künstlertum an.

Funktionieren die Texte auch ohne die Musik?
Die meisten schon. Wichtiger ist die Frage, ob man die Anspielungen versteht – musikalisch wie textlich.

Gibt es Texte, an denen Sie noch immer rumknobeln?
Das letzte Album, «Tempest», lässt mir noch immer keine Ruhe. Das ist extrem vielschichtiges Material voller inneramerikanischer Verweise. Gerade als Europäer entgeht einem schnell die eine oder andere Anspielung. Da singt Dylan etwa von den «Early Roman Kings», meint aber nicht etwa antike Herrscher, sondern eine New Yorker Gang aus den 1950ern. Ich vermute, dass ich da ein paar Finessen noch nicht entdeckt habe.

Dylan hatte christliche Phasen. Ist er ein guter Prediger?
Weniger. Interessanter ist er, wenn er jene Fragen formuliert, die sich uns allen stellen. Als er uns alle seine Antworten geben wollte, war ich nicht mehr bei ihm. Antworten auf Fragen notabene, die keiner gestellt hatte. Nein, ein guter Prediger war Dylan nicht. Auch wenn er in dieser zwielichtigen Phase natürlich exzessiv Gebrauch machte von der biblischen Sprache und Feuer und Schwefel heraufbeschwor.

Welche gute Dylan-Literatur gibts nebst den Songtexten?
Da möchte ich vor allem das Bewusstseinsstrom-Buch «Tarantula» aus dem Jahr 1971 erwähnen. Dylan gelang damit, was die Surrealisten mit ihrer «Ecriture automatique» vergeblich versuchten. Ein extrem witziges Buch, voller Wortspiele und verwinkeltem Denken.

Welcher Dylan-Song verblüfft Sie aufs Neue?
«Visions of Johanna». Der Song ist ein ungeheuer dicht gewobener Teppich aus Bild und Wort. Auch nach dem hundertsten Hören entdecke ich Neues in der Musik und zwischen den Zeilen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2016, 16:27 Uhr

Gisbert Haefs (*1950) ist der bekannteste deutschsprachige Dylan-Übersetzer. 2004 veröffentlichte er «Bob Dylan: Lyrics 1962-2001. Sämtliche Songtexte.» Daneben hat der studierte Anglist sich auch als Übersetzer von Rudyard Kipling und als Romancier einen Namen gemacht. (Bild: Keystone )

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«Visions of Johanna».

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