Sie hat mehr Geschichte erlebt, als der Normalsterbliche verkraften kann

Die ungarische Philosophin Ágnes Heller überlebte sowohl die Faschisten wie die russischen Panzer. Ein Nachruf.

Ágnes Heller (1929–2019).

Ágnes Heller (1929–2019). Bild: Alberto Cristofari/Laif

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Im vorletzten Kriegsjahr stand sie mit ihrer Mutter an der Donau und sollte erschossen werden. Die Pfeilkreuzler hatten die Juden von Budapest zusammengetrieben, der Vater war bereits nach Auschwitz deportiert worden. Unterwegs war sie dem gleichaltrigen Imre Kertész begegnet, auch er unterwegs ins Konzentrationslager. Nur der Sprung ins Wasser hätte sie noch retten können, als sich die ungarischen Faschisten überraschend zurückzogen. Ágnes Heller, 15 Jahre alt, überlebte, aber da war immer das Wasser; Jahre brauchte sie, um gegen den Sog anzukämpfen, nicht doch noch von der Brücke hineinzuspringen.

Der Vater war im Lager gestorben, ehe die Rote Armee Auschwitz befreien konnte. Die Tochter jubelte bei der Ankunft der Russen und wurde Kommunistin. Den Glauben an Gott hatte sie bereits mit zehn aufgegeben, aber nicht den Traum, das «Absurdeste für ein Mädchen» zu versuchen, wie es ihr Vater genannt hatte: Sie wollte studieren, aber auch einen Mann und Kinder haben und berühmt werden wie Marie Curie. Seit sie Georg Lukács gehört hatte, den «menschgewordenen Logos», musste es Philosophie sein.

«Auch Philosophen haben eine Lebensgeschichte», erklärte sie im Rückblick mit 88 Jahren. «Eine Philosophin sollte sich zumindest nach theoretischen Vorschlägen umsehen, die ihre Lebenserfahrungen nicht ignorieren. Ich suchte sie und fand sie.» Mit einer List, so erzählt sie es in ihren Erinnerungen, denen sie den Titel «Der Affe auf dem Fahrrad» (1999) gab, redete sie dem verehrten Lukács das Thema aus, das er ihr zugedacht hatte, die Ethik ausgerechnet bei Lenin.

Der ungarische Aufstand als Zäsur

Aus seinen Jahren im Moskauer Exil hatte Lukács einen brettharten Stalinismus mitgebracht, der ihn zunächst auf einen Ästhetiklehrstuhl führte. Trotzdem fiel er rasch in Ungnade und mit ihm seine eifrigste Schülerin. Die Aufständischen vom Oktober 1956 machten ihn zum Kultusminister. Die russischen Panzer liessen jedoch ihrer nicht spotten und walzten die Revolte nieder. Lukács wurde ins innere Exil gedrängt, Heller flog zum zweiten Mal aus der Partei.

Der ungarische Aufstand war das wichtigste politische Ereignis in ihrem Leben, «die einzige echte sozialistische Revolution, die es je gab». Das verband sie mit Hannah Arendt, mit der sie so oft verglichen wurde. Dabei verübelte sie ihr aber, dass die Ältere als treue Luxemburgianerin daraus die Bestätigung des Rätegedankens und einer direkten Demokratie ableitete. «Direkte Demokratie ist terroristisch.»

Die Sommerschule von Korcula, wo sich seit 1963 dissentierende Kommunisten aus dem Osten mit neomarxistischen Freigeistern aus dem Westen trafen, wurde im August 1968 vom Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag überrascht. Ágnes Heller und ihr Mann Ferenc Fehér beteiligten sich an einer Resolution, in der dieser Überfall verurteilt wurde.

Ágnes Heller wurde ein Star im Westen. Die Bindung vor allem der italienischen KP an Moskau lockerte sich, der Eurokommunismus sehnte sich nach sozialistischen Alternativen. Ihre Arbeiten waren zwar bis auf wenige Aufsätze völlig unbekannt, weil sie auf Ungarisch geschrieben waren, doch wurde bald deutlich, dass sie zu den wenigen gehörte, die nicht nur den Kapitalismuskritiker Marx, sondern auch den Linkshegelianer Marx weiterdenken konnten.

Nach der Wende kehrte Heller zurück nach Budapest und musste erleben, dass jemand «Juden raus!» an ihre Bürotür geschmiert hatte.

1977 hatte Heller das repressive Ungarn verlassen und eine Stelle in Melbourne angenommen. Von dort wechselte sie 1986 an die New School for Social Research in New York, wo sie einen nach Hannah Arendt benannten Stiftungslehrstuhl erhalten hatte. Gegen Jürgen Habermas, der in der Gerechtigkeit das entscheidende ethische Problem sah, bestand sie auf dem Primat der Freiheit, um die sie jetzt, nach ihrer Ankunft im Westen, zu fürchten begann. Sie war dem sowjetischen Ostblock entkommen und wunderte sich über die Friedensbewegung, die für sie östlich infiltriert war.

Vielleicht hat sie den Geschichtschiliasten Lukács nie mehr so überhegelt wie in ihrer Studie über «Shakespeare als Geschichtsphilosoph», die natürlich den Hamlet-Titel «Die Zeit ist aus den Fugen» (2002) tragen musste. Darin beschäftigt sie sich auch mit Ophelia, diesem «paradigmatischsten unschuldigen Opfer der Geschichte», der Hamlet empfiehlt, im Kloster zu verschwinden, die aber ins Wasser geht. «Diese Opfer treiben, mit Blumen überschüttet, auf dem Wasser der Geschichte, solange wir uns an sie erinnern.»

Ágnes Heller im Gespräch mit Jürgen Habermas im Mai 2009. Bild: Keystone

Das Leiden der Unschuldigen habe keine tiefere Bedeutung, sondern sei nur Elend. «So ist die Welt. Man nennt es Geschichte. So ist der Mensch.» Eine Philosophin, die von sich erklärt, sie vertraue niemand mehr als der Klugheit Shakespeares, hat nicht nur den Hamlet, sondern auch viel von der Welt verstanden, die seit je aus den Fugen ist.

So ist die Welt von gestern auch die von heute. Nach der Wende kehrte Heller zurück nach Budapest und musste erleben, dass jemand «Juden raus!» an ihre Bürotür in der Budapester Universität geschmiert hatte. Die Fidesz-Propaganda raunt von der antichristlichen, also jüdischen Weltverschwörung, die der philanthropische Investor George Soros anführt, und wieder von wissenschaftlichen Manipulationen.

Sie erhielt fast alle bedeutenden Preise

Unermüdlich reiste sie bis zuletzt um die Welt, beteiligte sich an Symposien, hielt Vorträge, nahm fast alle bedeutenden Preise entgegen. Den Lesern, die überfordert sein sollten vom schieren Umfang ihres Werkes, gab sie 2017 eine «Kurze Geschichte meiner Philosophie» an die Hand. In zahlreichen Interviews zu ihrem 90. Geburtstag im Mai beklagte sie den wachsenden Antisemitismus nicht nur in Ungarn. Sie bezeichnete Viktor Orbán als «Tyrannen», wollte aber von ihrer chronischen Lebensfreude nicht lassen. Gegen den neuen Nationalismus hoffte sie auf ein föderales Europa. «Paradox Europa» wurde ihre letzte Veröffentlichung.

Am vergangenen Freitag ist sie im ungarischen Balatonalmádi auf den See hinausgeschwommen und nicht mehr lebend zurückgekommen. Ágnes Heller wurde gesegnete neunzig Jahre alt und hat mehr Geschichte erlebt, als der Normalsterbliche verkraftet. Zuerst war sie ihr Opfer, aber dann wurde sie die Philosophin dieser Geschichte und ist wie Ophelia mit Blumen überschüttet, solange wir uns an sie erinnern.

Erstellt: 22.07.2019, 08:03 Uhr

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