Bis die Köpfe blutig sind

Endlich erscheint der erste Teil von Elena Ferrantes vierbändigem Roman über eine Frauenfreundschaft auf Deutsch. Er liest sich toll.

Es ist grandios, wie Ferrante die Angst ihrer pubertierenden Heldin beschreibt: Silvana Mangano im Film «L'oro di Napoli» von 1954. Foto: Rialto Film

Es ist grandios, wie Ferrante die Angst ihrer pubertierenden Heldin beschreibt: Silvana Mangano im Film «L'oro di Napoli» von 1954. Foto: Rialto Film

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Der neue Hype aus dem Süden: Seit Umberto Ecos «Name der Rose» von 1980 hat kein italienisches Buch international mehr so eingeschlagen wie «Meine geniale Freundin» von Elena Ferrante. Dabei könnten beide Bücher nicht unterschiedlicher sein. Das eine war die postmoderne Spielerei eines Universalgelehrten, in der sich Mittelalterflair, theologische Spitzfindigkeiten und Krimi-Pastiche crossover miteinander amüsierten. «L’amica geniale» hat einen viel konventionelleren Ansatz und greift auf ästhetisch vertraute Modelle zurück. Der vierbändige Roman erzählt auf 1700 Seiten realistisch, chronologisch und in der Ichform von zwei Mädchen aus einem Armenviertel Neapels. Es ist ein Bildungsroman und die Geschichte einer Frauenfreundschaft, aber auch ein historisches Panorama Italiens der letzten 50 Jahre.

Umberto Eco war schon als Professor ein Star, der «Name der Rose» machte ihn weltberühmt, und er genoss den Ruhm. Die Autorin des Vierteilers, der in vielen Ländern schon Furore machte (und es, wenn morgen, mit erstaunlicher Verspätung, der erste Band auf Deutsch erscheint, auch hierzulande tun wird), hält sich vollkommen bedeckt. Elena Ferrante ist ein Pseudonym; wer dahintersteckt, wissen nur ihre italienischen Verleger, und trotz aller Detektivarbeit der klatschsüchtigen italienischen Presse ist ihr noch niemand auf die Schliche gekommen.

Identitäten und Verweigerung

Biografisches hat sie nur äusserst sparsam preisgegeben: Sie ist eine Frau, in Neapel aufgewachsen, sie hat in Turin und Pisa gelebt, sie hat Töchter und einen Beruf, der nichts mit dem Schreiben zu tun hat. Für ihre Diskretion nennt Ferrante gute Gründe: Zum einen scheue sie den Rummel, der um Autoren gemacht wird; zum anderen, findet sie, gibt die Anonymität den Werken grössere Deutungsfreiheit. Sie kann sich dabei auf Marcel Proust berufen, der dekretiert hat, das «moi créateur» habe mit dem Alltags-Ich nichts zu tun.

Diese Verweigerung hat in einer Medienwelt, die sich immer weniger für Kunstwerke und immer mehr für deren Urheber interessiert, die nach «Storys» verlangt und nicht nach Analyse, etwas Konsequentes und Heilsames. In ihrem Fall schlägt sie aber, gerade durch den enormen Erfolg – eine Million verkaufter Exemplare, Shortlistplätze für den Man Booker und den Strega-Preis –, in ihr Gegenteil um. Die «Story» ist jetzt gerade die Leerstelle des Urhebers.

Tilgung sämtlicher Spuren

Elena, wie das Autorenpseudonym, heisst die Icherzählerin des Romans. Wir lernen sie im ersten Band zweifach kennen: als ältere Frau und erfolgreiche Schriftstellerin – und als zehnjähriges Gör, das mit seiner Freundin Lila vor einem Kellerfenster sitzt, durch das sie beide die Puppen der jeweils anderen ins unheimliche Dunkel werfen werden.

Die ältere Elena hat die Nachricht erhalten, dass Lila verschwunden ist – genauer: sich selbst zum Verschwinden gebracht hat, unter Tilgung sämtlicher Spuren, die darauf hindeuten, dass sie einmal gelebt hat. Selbst aus allen Fotoalben hat sie sich herausgeschnitten.

Diese Selbstvernichtung will Elena nicht akzeptieren, und so rekonstruiert sie die Freundin aus der Erinnerung und auf dem Papier: ein letzter Widerspruch einer spannungs- und konfliktreichen Beziehung, glühender, komplexer, bereichernder und anstrengender als die meisten Liebesaffären. Die doppelte Perspektive ist wichtig, weil Elena das Wissen und Verständnis einer reifen Frau einbringt, zugleich aber die Intensität des kindlichen Erlebens wieder aufleben lässt. Klugheit und Naivität gehen so eine Verbindung ein, die viel zur Qualität des Romans beiträgt.

Elena und Lila wachsen in den späten 50er-Jahren in einem neapolitanischen Quartier auf, in das die jüngste Geschichte – Faschismus, Weltkrieg, Nachkriegsabrechnungen – ihre Narben geschlagen hat, die im mühsam niedergehaltenen Hass der Bewohner weiterwuchern. Lilas Vater ist Schuster, eigentlich bloss Schuhflicker, Elenas Vater Pförtner bei der Stadt. Arme Leute allesamt. Dominiert wird das Viertel von den Solaras, hinter denen die Camorra steht; sie hat ihre Finger auch im Fleischhandel, der von den Caraccis betrieben wird, der anderen Familie, die etwas Geld hat.

Die «Ehre» hängt an einem dünnen Faden: Der Roman spielt im Neapel der 50er-Jahre. Foto: Mario De Biasi (Getty Images)

«Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt», schreibt Elena. Dass Männer ihre Frauen schlagen, ist selbstverständlich; dass Lilas Vater seine aufmüpfige Tochter einmal aus dem Fenster wirft und sie sich dabei den Arm bricht, regt niemanden auf. Der Tod ist allgegenwärtig im Viertel, er regiert durch Krankheit, Unfall oder Mord. Für die Lebenden ist es ein Gefängnis, das die Männer ebenso in ihre Rollen einsperrt wie die ihnen unterworfenen Frauen. Vieles erinnert an Verhältnisse, wie wir sie heute in muslimisch-patriarchalischen Familienverbünden beklagen: Die Frauen werden von Vätern, Brüdern, Ehemännern kontrolliert und drangsaliert. Die «Ehre» hängt immer an einem dünnen Faden, bedroht von wirklichen oder bloss herbeigeklatschten Verfehlungen.

Ein Teufelskreis

Elena Ferrantes Roman ist eine brillante erzählerische Analyse von Machtverhältnissen: von der körperlichen Gewalt über die strukturelle Gewalt der Tradition, der Familienverbünde, der mafiösen Strukturen, der Geschlechterrollen bis zum Geld, einem manchmal flexiblen und wandelbaren Machtfaktor. Nicht zu vergessen die Macht der Bildung, die Aufstieg und Zugang zu Wohlstand verspricht, aber wiederum Geld zur Voraussetzung hat. Ein Teufelskreis.

Mit all diesen Machtstrukturen müssen sich Elena und Lila auseinandersetzen. Das Schicksal ihrer Mütter, grauer, freudloser Existenzen am Kochtopf, steht ihnen als Schreckbild vor Augen. Grandios, wie Ferrante die Angst ihrer pubertierenden Heldin beschreibt, «ich könnte mich immer mehr verändern, bis meine Mutter, hinkend und mit einem schielenden Auge, aus mir hervorspriessen würde».

Ein elend harter Weg

Elena – «Es gefiel mir, allen zu gefallen» – wählt den Weg der geschickten Anpassung, mit Erfolg: Sie wird von Lehrern gefördert und darf eine höhere Schule besuchen (ein elend harter Weg mit Nächten des Lernens, ständigen Prüfungen und der Dauerangst, zu scheitern). Lila, die temperamentvollere, begabtere, eben die «geniale», setzt auf Konfrontation, weil sie gar nicht anders kann. Sie will mit dem Kopf durch die Wand und stösst ihn sich blutig.

Lila muss die Schule verlassen und der Mutter im Haushalt, dem Vater in der Werkstatt zur Hand gehen. Schliesslich wählt sie den klassischen Ausweg: Um der Werbung eines Solara-Sprosses zu entgehen, heiratet sie, mit 16, Stefano, den Sohn des Fleischhändlers. Denn Macht hat auch ein Mädchen wie Lila: ihre erotische Ausstrahlung. Sie weiss sie zu nutzen – und sie weiss, wie klein das Zeitfenster ist, in dem sie wirkt.

Ist sie also dem Armenviertel entkommen, oder hat es sie jetzt erst recht im Griff?

Stefano hat ein Auto, kauft ihr eine Eigentumswohnung in der Stadt. Vor allem aber frisst er ihr aus der Hand; wie man andere manipuliert, hat Lila früh gelernt. Ist sie also dem Armenviertel entkommen, oder hat es sie jetzt erst recht im Griff? Das werden die nächsten Bände zeigen. Dieser endet mit einer fulminant geschilderten Hochzeit, an deren Ende Lila mit zu Schlitzen verengten Augen dasteht, kurz vor einem Wutausbruch. Fürchterliches wird geschehen, wissen wir und warten auf Band zwei.

Ist der Hype um «Meine geniale Freundin» nun berechtigt? Das Etikett «Romanwunder» greift zu hoch; andere Urteile wie «trivial» oder «ein Roman für Leute, die wenig lesen», verkennen den Rang des Werkes. Elena Ferrante, wer immer das ist, hat einen genau gearbeiteten, flüssig, ja süffig zu lesenden, atmosphärisch dichten, sinnlich aufgeladenen und in manchen Szenen überwältigenden Roman geschrieben, der nur gelegentlich etwas durchhängt.

Neid auf die Brillanz der Freundin

Sein Trumpf ist zweifellos das ambivalente Verhältnis von Elena und Lila. Ihre Nähe ist bisweilen so eng, dass die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen; dann wieder entfernen sie sich voneinander, umständehalber und innerlich. Elena macht keinen Hehl aus ihren widersprüchlichen Gefühlen; sie beneidet die Brillanz der Freundin, die sich Latein und Griechisch selbst beibringt, deren Selbstbewusstsein unendlich zu sein scheint – und triumphiert im Stillen über sie, weil sie die Chance bekommt, die die andere verdient hätte. «Vielleicht sollte ich Lila von mir abwischen wie ein Bild von der Tafel», denkt sie einmal – und schämt sich dessen.

Erst spät und fast ungläubig entdeckt Elena, dass auch sie denken und vor allem gut formulieren kann. Ihr erster Zeitungsartikel wird noch von Lila redigiert, die anschliessend sagt – was für ein Verzweiflungsschrei! –: «Ich will nichts mehr von dem lesen, was du schreibst. Weil es mir wehtut.» Von äusserster Nähe wiederum die Szene, als Elena die Freundin vor der Hochzeit wäscht, sie dabei zum ersten Mal nackt sieht und sich vorstellt, wie Stefano die Ehe mit ihr vollzieht, «wie ein Korken, der mit der flachen Hand in den Hals einer Weinflasche getrieben wird».

Faszination der Geschichte

Zur Glaubhaftigkeit der eigentlich unglaublichen Figur Lila gehört, dass wir sie ausschliesslich mit den Augen Elenas sehen, die sie nur ansatzweise begreift. Aber begreift Lila selbst überhaupt mehr, als dass sie keine Chance hat, diese aber nutzen muss? Das müssen die kommenden Bände zeigen, die Suhrkamp im Halbjahresrhythmus nachlegt, übersetzt von Karin Krieger, einer der Besten ihres Fachs.

Darin wird es noch mehr um Literatur gehen, die schon jetzt für die Mädchen eine wichtige Rolle spielt. Lilas Erzählstil, schwärmt Elena, ist unwiderstehlich: Er steht der Gespreiztheit konventioneller Literatur (wie sie der dichtende Schaffner Sarratore verkörpert) ebenso fern wie dem «Wirrwarr des Mündlichen». Ferrantes eigenes Ideal, sagt sie in Interviews, ist es, die Sprache in der Faszination der Geschichte aufgehen zu lassen. Dieses Ideal hat sie in «Meine geniale Freundin» erreicht.

Erstellt: 25.08.2016, 18:39 Uhr

Das Buch

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp, Berlin 2016. 420 S., ca. 26 Fr.

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