Sie wollte schön sein, dann war sie tot

Krimi der Woche: «Die Kosmetikerin» ist eine scharfe Analyse der harten Lebensrealitäten in Kolumbien: Machokultur, Korruption, Rassismus.

Autorin Melba Escobar de Nogales stammt selbst aus Kolumbien und arbeitet als Journalistin. Sie kennt die Situation der Frauen im Land.

Autorin Melba Escobar de Nogales stammt selbst aus Kolumbien und arbeitet als Journalistin. Sie kennt die Situation der Frauen im Land. Bild: Claudia Rubio

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Der erste Satz
Ich hasse künstliche Fingernägel in extravaganten Farben, blondierte lange Haare, Rohseidenblusen und Brillantohrringe um vier Uhr nachmittags.

Das Buch
Gute Kriminalliteratur unterhält uns nicht nur mit einer spannenden Geschichte, sondern zeigt uns auch, wie es zu- und hergeht in der Welt. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist «Die Kosmetikerin» der kolumbianischen Autorin Melba Escobar. In der Form eines Thrillers schildert die Journalistin eindrücklich, wie Korruption, Sexismus, Rassismus und eine allgegenwärtige Machokultur in ihrem Heimatland der Unterschicht und noch mehr den Frauen das Leben schwermachen.

Claire, die Psychiaterin, die nach Jahren in Frankreich nach Bogotá, dem Grossstadtmoloch auf über 2600 Meter Höhe in den Anden, zurückgekehrt ist, erkennt, «was alles kaputt und faul ist in diesem Land, in dem der Wert von Frauen an der Grösse des Hinterns, der Form ihrer Brüste und ihrer Wespentaille gemessen wird». Und sie hasst das «mafiöse Universum, das seit über dreissig Jahren die Ästhetik dieses Landes und die Weltanschauung von Verbrechern, Politikern, Unternehmern und allen prägt, die auch nur die geringste Berührung mit der Macht haben». Sie gehört zwar selber zur mehrbesseren Gesellschaft in Bogotá, möchte jedoch anders sein.

Im edlen Beautysalon «Haus der Schönheit» lernt sie Karen kennen, die Titelfigur, die in der Küstenstadt Cartagena ihr Kind bei ihrer Mutter zurückgelassen hat, um in der Hauptstadt Geld zu verdienen. An ihrem Arbeitsort wird die Kosmetikerin täglich mit der Upperclass konfrontiert; sie weiss, «wer Probleme mit Brustimplantaten hatte, wer sich scheiden lässt, wer einen Geliebten hat, wem Hörner aufgesetzt werden, wer an Brückentagen nach Miami fliegt». Ein weiblicher Teenager lässt sich bei ihr die Schamhaare depilieren, um sich dann von ihrem Freund entjungfern zu lassen, nachdem das Vorhaben schon zweimal gescheitert war, weil sie nicht glatt genug gewesen sei. Am anderen Tag ist das Mädchen tot.

Die staatlichen Ermittler sind der Politik verpflichtet und nicht dem Opfer.

Eher schleichend entwickelt sich die Geschichte zu einem Krimi um diesen Todesfall. Die Eltern des Mädchens lassen nicht locker, und bald wird klar, dass der Täter aus einer einflussreichen Familie stammt. Die Sache eskaliert: Männer, die an der Vertuschung des Verbrechens beteiligt waren, werden auf der Strasse erschossen. Und die staatlichen Ermittler sind der Politik verpflichtet und nicht dem Opfer.

Der faszinierende Thriller verbindet eindrücklich die harten Realitäten des Lebens in Kolumbien mit dem Kriminalfall, der seine Wurzeln in der gesellschaftlichen Kultur des Landes hat. Und es ist nebenbei auch eine Geschichte über den schwierigen Versuch von zwei Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.

Die Wertung

Die Autorin
Melba Escobar de Nogales, geboren 1976 in Cali, Kolumbien, studierte Literatur an der Universidad de los Andes in Bogotá. Sie ist als Journalistin und Kolumnistin vor allem für die Tageszeitungen «El Espectador» in Bogotá und «El País» in Cali tätig. Während sie an der Autonomen Universität Barcelona in Spanien Drehbuchschreiben für Film und Fernsehen studierte, schrieb sie ihren ersten, autobiografisch geprägten Roman «Duermevela» (2010). Zuvor hatte sie schon ein Buch über die Träume von Kindern, «Bogotá sueña. La ciudad por los niños» (2007), veröffentlicht, für das sie mehr als 300 Interviews führte. 2014 erschien ihr Kinderbuch «Johnny y el mar» (Deutsch: «Das Glück ist ein Fisch»; Baobab Books, Basel 2018).

Der Thriller «La casa de la Belleza» (2015; «Die Kosmetikerin») wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt, neben dem Deutschen unter anderem auch ins Englische, Französische, Italienische und Finnische. In diesem Jahr veröffentlichte Melba Escobar den Roman «La mujer que hablaba sola». Sie wurde für ihre journalistische Arbeit und für ihre Bücher mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter ein Stipendium an der Santa Fe University of Art and Design in den USA. Sie hat zwei Kinder und lebt in Bogotá.


Melba Escobar: «Die Kosmetikerin» (Original: «La Casa de la Belleza», Planeta/Emecé Colombia, Bogotá 2015). Aus dem Spanischen von Sybille Martin. Heyne, München 2019. 320 S., ca. 15 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 05.12.2019, 06:24 Uhr

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