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Sie machte aus ihrer Affäre mit Philip Roth einen Roman

Lisa Halliday, eine frühere Verlagsagentin, ist die US-Autorin der Stunde. Zu Recht.

Fulminantes Debüt: Lisa Halliday lebt als Autorin und Übersetzerin in Mailand. Bild: Calogero Russo («New York Times», Redux, Laif)
Fulminantes Debüt: Lisa Halliday lebt als Autorin und Übersetzerin in Mailand. Bild: Calogero Russo («New York Times», Redux, Laif)

Der amerikanische Lyriker Ezra Pound stellte in seinen Gedichten Aussagen, die nichts miteinander zu tun hatten, unverbunden nebeneinander. Daraus ergab sich der interessante Effekt, dass sie eben doch Beziehungen miteinander aufnahmen.

In ihrem Debüt «Asymmetrie» hat die amerikanische Schriftstellerin Lisa Halliday das Prinzip nun auf die Prosa übertragen. Der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil geht es um die Beziehung einer jungen New Yorkerin namens Alice zu dem 45 Jahre älteren, weltberühmten Schriftsteller Ezra Blazer. Im zweiten Teil wird die Geschichte eines muslimischen Mannes erzählt, der einen irakischen und einen amerikanischen Pass besitzt und mehrere Tage am Flughafen Heathrow festsitzt.

Der dritte Teil schliesslich ist ein Protokoll einer bekannten amerikanischen Radiosendung, in der Prominente sieben Songs spielen dürfen und dazu Geschichten aus ihrem Leben erzählen. In der Folge, die in «Asymmetrie» protokolliert ist, lautet der Name des prominenten Gastes Ezra Blazer. Ob und wie diese Teile zusammenhängen, ist nicht eben offensichtlich.

US-Autor Philip Roth starb am 22. Mai dieses Jahres. Bild: Dukas
US-Autor Philip Roth starb am 22. Mai dieses Jahres. Bild: Dukas

Der Schlüssel liegt ausserhalb des Textes, in der Welt, in der das Buch entstanden ist. In den frühen Nullerjahren, als die junge Lisa Halliday bei der AgenturWylie tätig war, der einflussreichsten Literaturagentur des Planeten, hatte sie eine Beziehung zu dem sehr viel älteren Schriftsteller Philip Roth. Diese Beziehung war nie ein Geheimnis, und gerade auch deshalb ist das Buch von Halliday lange mit voyeuristischer Vorfreude auf einen Schlüsselroman erwartet worden.

«Are you game?»

Lisa Halliday begegnet dieser leicht entwürdigenden Erwartungshaltung nun, indem sie im ersten Teil des Buches einen Text abliefert, der genau dieser Schlüsselroman sein könnte. Gleich in der ersten Szene lässt sich die Protagonistin von dem berühmten Schriftsteller Ezra Blazer von der Strasse weg auflesen. Auf einer Parkbank im Central Park spricht er sie an, sie weiss sofort, wer er ist, die Spaziergänger fangen an zu tuscheln, die Jogger verlangsamen ihre Schritte.

Im Original spricht Blazer die Einladung an die junge Alice mit einer Formulierung aus, die nicht ganz verlustfrei zu übersetzen ist: «Are you game?» Denkbar wäre die Wendung: «Hast du Lust zu spielen?» In der Übersetzung von Stefanie Jacobs heisst es: «Sind Sie dabei?» Alice bejaht beides. Sie lässt sich auf die Affäre ein und führt fortan eine Beziehung zu einem Mann, der biologisch ihr Grossvater sein könnte. In den Passagen, die nun folgen, bedient das Buch gut gelaunt das voyeuristische Interesse der literarischen Öffentlichkeit. Wir erfahren, wie sich die Lippen des Schriftstellers anfühlen, wie er die untertänigen Briefe der Lektoren kommentiert, die um seinen neuen Roman buhlen, wie viele Medikamente er vor dem Schlafengehen einnimmt, dass er Kondome ablehnt oder wie er die Spiele der New York Yankees schaut.

Alice ist in dieser Beziehung eine Bewunderin, eine Liebhaberin und ein Dienstmädchen.

Alice nimmt in der Beziehung verschiedene Rollen ein, Bewunderin, Liebhaberin, beste Freundin, Dienstmädchen, Krankenschwester. Aber sie hegt auch selbst schriftstellerische Ambitionen, was Ezra Blazer auf harmlose Weise amüsant findet. Und auch er spricht sie darauf an, dass er selbst doch glänzendes Material wäre. Das kurze Gespräch, das sich daraufhin entspinnt, ist der poetologische Zentralmoment des Romans. Als Alice erklärt, dass sie nicht vorhabe, über ihre Beziehung zu schreiben, kann Blazer es kaum glauben: «Worüber schreibst du dann?» Antwort: «Über andere Menschen. Menschen, die interessanter sind als ich.» Über «Krieg. Diktaturen. Weltangelegenheiten». Ein paar Zeilen später denkt sie darüber nach, «ob ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts wohl in der Lage wäre, sich in die Gedankenwelt eines männlichen Muslims hineinzuversetzen».

Dieser kurze Austausch baut die Brücke zum zweiten Teil des Buches, der Icherzählung des muslimischen Mannes, die einen grellen Gegensatz zum ersten bildet. Es ist eine klassisch politische Erzählung, der Protagonist kann aufgrund seiner irakischen Herkunft die amerikanische Globalisierung der letzten Jahrzehnte von der anderen Seite erzählen: die Golfkriege, die Flucht in die USA, das Misstrauen, das ihm im Westen trotz seiner vorbildlichen Bildungsgeschichte noch immer entgegenschlägt. Er sitzt tagelang inHeathrow fest, weil ihm die britischen Behörden die Einreise aufgrund rein rassistischen Argwohns verweigern. Allerdings geht dieser gesellschaftlich relevanten Erzählung ein identitätspolitisches Dilemma voraus, das Alice selbst zuvor klar benannt hat (und das auch die Autorinbetrifft): Wie soll «ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts» die Erfahrungswelt eines muslimischen Mannes erzählen können? Ist das nicht ein Übergriff?

Weltdeutungsindustrie

Indem sich die engagierte New Yorker Mittelschichtsautorin in bester aufklärerischer Absicht die Perspektive des muslimischen Mannes zu eigen macht, wird zwangsläufig auch diese Erzählung Teil des globalen kulturindustriellen Komplexes, der das kolonialisierte Subjekt seiner eigenen Stimmen beraubt. Andererseits käme die Geschichte des muslimischen Mannes in Heathrow gar nicht vor, wenn weder Alice noch Lisa Halliday sie schreiben würde.

Der dritte Teil des Romans schliesslich ist ein Kommentar auf den misslichen Umstand, dass auch Alice selbst in der literarischen Weltdeutungsindustrie nur bedingt souverän ist. Dieses Kapitel ist das fiktive Protokoll einer Radiosendung, in der Ezra Blazer Gelegenheit bekommt, in aller Ausführlichkeit über das zu sprechen, was er für bedeutsam hält, und das ist in erster Linie er selbst. Es geht in dem Gespräch also darum, warum er Kinder hat, von denen er lange nichts wusste, warum er Monogamie ablehnt, was er von Ehelosigkeit im Alter hält, bei welcher Gelegenheit er depressiv wird.

Der Evolution verpflichtet

Streng genommen handelt es sich bei alledem lediglich um Tratsch, weil es aber Ezra Blazer ist, werden die Banalitäten behandelt, als materialisiere sich in ihnen der Weltgeist. Er selbst sieht das durchaus auch so. Sein promiskuitives Leben rechtfertigt er mit seiner Pflicht gegenüber der Evolution.

Am Ende der Sendung beginnt Blazer, die Moderatorin anzugraben. Ob sie nicht Lust habe, mit ihm heute Abend ins Konzert zu gehen, Maurizio Pollini spiele Beethovens letzte drei Klaviersonaten, und sie sei eine sehr attraktive Frau. Der letzte Satz des Romans gehört Ezra Blazer: «Are you game?» – «Sind Sie dabei?» Damit schliesst sich der Kreis des Romans: Nicht nur die Binnenerzählung des muslimischen Mannes verdankt ihre Existenz einer amerikanischen Autorin, die wiederum selbst von ihrer Beziehung zu einem männlichen Genie profitiert hat. Auch das vorliegende Buch hätte es ohne Hallidays Beziehung zu Roth nicht gegeben – gewiss nicht bei einem so renommierten Verlag.

In diesem Sinne offenbart sich das eigentliche Thema des Buchs erst in der letzten Zeile. Es geht um das dunkle Herz der amerikanischen Buchwelt, die wichtigste ästhetische Instanz des Landes: Philip Roths Libido.

Lisa Halliday: Asymmetrie. Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser,München 2018. 315 S., ca. 32 Fr.

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