Sind die Deutschen auserwählt?

Kein Buch sorgt zurzeit für heftigere Debatten als «Finis Germania» von Rolf Peter Sieferle. Es handelt sich dabei um eine besonders perfide antisemitische Schrift.

Der Autor macht Täter zu Opfern: Nazis und Gefangene um 1940/41. Foto: National Archives, Getty Images

Der Autor macht Täter zu Opfern: Nazis und Gefangene um 1940/41. Foto: National Archives, Getty Images

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Die Jury der «Besten Sachbücher» befindet sich in der schwersten Krise seit ihrem Bestehen. Letzten Monat stand ein seltsam klingender Titel auf der angesehenen Empfehlungsliste: «Finis Germania» des einem breiten Publikum unbekannten Historikers Rolf Peter Sieferle. Ein «Spiegel»-Redaktor hatte das Buch mit der Vergabe seiner gesamten Punkte quasi im Alleingang nach oben gehievt. Als sich das Gerücht verbreitete, es handle sich dabei um eine antisemitische Schrift, distanzierten sich die anderen Jurymitglieder unisono und mehrheitlich ohne Kenntnis des Inhalts. Hat die moralische Holocaustkeule erneut zugeschlagen?

Das schmale Buch, das aus dem Nachlass des im Herbst 2016 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Autors herausgegeben wurde, ist zuerst einmal ein unfertiges Werk mit sehr disparaten Kapiteln, die zu unbestimmter Zeit verfasst wurden. So ist die EU an einer Stelle noch eine EG, und wenn Sieferle von dem Begriff der «politischen Klasse» sagt, er sei mit «political class» «ins Ausländische übersetzt» worden, klingt dies befremdlich. Befremdlich, aber nicht überraschend auch, dass der ehemals linke Intellektuelle Rüdiger Safranski im Deutschlandfunk Sieferles «glanzvoll formulierte» Schrift zu verteidigen versuchte, so als ob die Ästhetik der Sprache die politischen Aussagen rechtfertigen würde.

Mit «Finis Germania» teilt der Biograf die kulturpessimistische Haltung, Deutschland gehe in der neuesten Migrationswelle unter.

Mit «Finis Germania» teilt der renommierte Biograf die kulturpessimistische Haltung, Deutschland gehe in der neuesten Migrationswelle unter. «Seine Zeit als welthistorisches Volk liegt hinter ihm», heisst es bei Sieferle. Zahlreiche Altlinke wie Safranski oder Monika Maron haben das Lager gewechselt, um von rechtsaussen die CDU-Politikerin Angela Merkel zu torpedieren.

Unerwartete Parallele

«Finis Germania» legt die Marschrichtung schon auf den ersten Seiten vor. «Es gibt tragische Völker, wie die Russen, die Juden und die Deutschen, an denen sich die Paradoxien geschichtlicher Prozesse in ihrer ganzen Schärfe vollziehen.» Die unerwartete Parallele von Juden und Deutschen erklärt der Historiker mit einem Gegensatz: Dem «positiv auserwählten Volk» stehe das «negativ auserwählte Volk» gegenüber. «Hitler ist damit etwas gelungen, womit er selbst vielleicht nicht gerechnet hat: Er hat für alle Zeiten den Deutschen und den Juden eine komplementäre Sonderrolle zugewiesen, die im Gedächtnis der Menschheit nicht verschwinden wird, solange es noch Deutsche und Juden gibt.»

Doch während den Juden die Kreuzigung Jesu, die dank dessen Wiederauferstehung weniger gravierend nachhallte, mit Gnade und Liebe verziehen worden sei, hätten die Deutschen für immer und ewig die Schuld an den «ominösen sechs Millionen» zu tragen. «Die Menschen, welche in Deutschland leben, haben sich ebenso daran gewöhnt, mit dem Antigermanismus fertigzuwerden, wie die Juden lernen mussten, mit dem Antisemitismus zurechtzukommen.» Wer dies immer noch nicht als antisemitische Ideen taxieren will, achte auf die Passivkonstruktion des Satzes: «Da der Holocaust keinem profanen, sondern einem auserwählten Volk widerfahren ist, wurde das Volk der Täter ebenfalls der profanen Geschichte entrückt und in den Status der Unvergänglichkeit erhoben.»

Indem Rolf Peter Sieferle das reale Geschehen ins Metaphysische überhöht, nivelliert er auf eine unverantwortliche Weise die Differenz zwischen Opfern und Tätern zur Zeit des Nationalsozialismus – er geht sogar noch einen Schritt weiter und fragt sich, wieso die deutschen Täter im Unterschied zu den Juden so lange Busse tun müssen. «Die Juden bauen heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird.» Die Schuld bleibe total und werde von keiner Gnade kompensiert, klagt der Autor. «In dieser säkularisierten Form der Erbsünde fehlt das Element der Gnade und Liebe vollständig.» So sei der Deutsche – oder zumindest der Nazi – der säkularisierte Teufel der aufgeklärten Gegenwart.

Schicksalhaftes Geraune

Die 100 Seiten lassen keinen Zweifel daran, dass «Finis Germania» eine antisemitische Hetzschrift ist, welche zum einen die Täter zu Opfern macht und zum anderen die Opfer als letztlich von und vor der Geschichte begünstigt erscheinen lässt. Mit dieser abstrusen Ideengeschichte präsentiert «Finis Germania» ein unappetitliches Gebräu: Das Schicksalhafte mischt sich mit Volksgeraune und Religionskitsch, und dies alles in einem bewusst vage formulierten Stil. Hat sich Rolf Peter Sieferle mit seinen früheren Büchern zur «Krise der menschlichen Natur» oder zur Umweltbedrohung durch Technik und Industrie Verdienste erworben, so schadet ihm das postum erschienene Werk: Der Kulturpessimismus, sonst eher eine Domäne der Linken, ist platt. Platt ist es auch, den Wandel, den die Globalisierung mit sich bringt, als Auslöschung des deutschen In-der-Welt-Seins zu sehen.

Es ist frappierend, wie sich das rechte Denken fast zwanghaft bei antisemitischen Reflexen bedient.

Es ist frappierend, wie sich das rechte Denken, sobald es sich formiert und formuliert hat, fast zwanghaft bei antisemitischen Reflexen bedient. Kulturhistorisch tradierte Urteile und Vorurteile werden aufgegriffen, um das Judentum – und die Juden – zu diffamieren. «Finis Germania» ist eine besonders raffinierte, hinterhältige Fortschreibung dieses Verfahrens. Indem die Deutschen als das «negativ auserwählte Volk» vordergründig schlechter gestellt werden als die Juden, schafft man sich erst richtig Raum, um die Opfer zu verhöhnen. Das «positiv auserwählte Volk» habe im Unterschied zu den Deutschen doch keinen Grund zu klagen! Diese Verkehrung der wahren Verhältnisse ist das wirklich Bedenkliche dieses Buches, das nicht zufälligerweise in einem rechtsradikalen Verlag in Ostdeutschland erschienen ist.

Der Antisemitismus sei eines der letzten Tabus, bemerkt der 1949 in Stuttgart geborene Sieferle, und er bekennt offen, quasi mit angezogener Handbremse geschrieben zu haben. «Kritik an den Juden muss auf die sorgfältigste Weise in die Versicherung eingepackt werden, es handle sich dabei keineswegs um Antisemitismus.» Da das Manuskript ohne den Willen des Autors veröffentlicht wurde, hat die Verschleierung nicht überall gewirkt. Das Image der Jury hat schweren Schaden genommen.

Erstellt: 07.07.2017, 18:41 Uhr

Rolf Peter Sieferle
Finis Germania

Verlag Antaios, Schnellroda 2017.
104 S., ca. 14 Fr.

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