Skrupellose Politiker im Banne eines Fluches

Krimi der Woche: In ihrem neuen Politthriller «Der Privatsekretär» führt die argentinische Autorin Claudia Piñeiro vor, wie absurd Politik funktioniert – nicht nur in ihrem Land.

Anscheinend sollen in Südamerika nebst Piñeiros Romanfigur auch reale Politiker an Flüche glauben. Bild: Alejandra Lopez/Penguin Random House

Anscheinend sollen in Südamerika nebst Piñeiros Romanfigur auch reale Politiker an Flüche glauben. Bild: Alejandra Lopez/Penguin Random House

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Der erste Satz
Jeder Mensch schleppt einen Fluch mit sich herum.

Das Buch
Román Sabaté weiss gar nicht recht, wie ihm geschieht, als er Privatsekretär des aufstrebenden Politikers Fernando Rovira wird. Ein Freund, der von der neuen Pragma-Partei begeistert ist, hat ihn zu einem eigentlichen Casting für neue Mitarbeiter mitgeschleppt. Weshalb ausgerechnet er für den Job als wirklich sehr privater Sekretär ausgewählt wurde, merkt er erst später.

Der arglose junge Román ist im Politthriller «Der Privatsekretär» der argentinischen Bestsellerautorin Claudia Piñeiro (ihr bekanntester Roman: «Die Donnerstagswitwen») eine Figur im Kampf des ebenso charismatischen wie skrupellosen Politikers um den Aufstieg in die höchsten Ämter. Nichts weniger als Präsident von Argentinien will er werden. Der Weg führt über das Amt des Provinzgouverneurs. Doch noch nie ist ein Gouverneur der Provinz Buenos Aires Präsident geworden. Den Grund ortet nicht nur Rovira, sondern vor allem auch dessen Mutter, die im Hintergrund die Fäden zieht, in einem alten Fluch. Um diesem zu entgehen, will Rovira nun vorerst die Provinz Buenos Aires in zwei neue Provinzen aufteilen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie Rovira und anscheinend tatsächlich auch reale Politiker in dem lateinamerikanischen Land an seltsame Flüche glauben. Románs Freund Sebastien, der für Rovira das Trennungsprojekt ausarbeitete, hat mit solchem Aberglauben zwar nichts am Hut, aber er weiss «dass es in der Politik weniger darauf ankommt, woran man glaubt, als woran man glauben sollte».

Claudia Piñeiro baut ihren raffinierten Plot um Betrug und Verrat, Missbrauch und Lügen gekonnt auf, indem sie von Kapitel zu Kapitel den Blickwinkel von einem zum anderen

Protagonisten wechselt und die aktuelle Geschichte stetig durch Rückblicke ergänzt. Dazu gehören auch Arbeitsnotizen einer Journalistin für ein Buch über den sogenannten Alsina-Fluch – Adolfo Alsina war im 19. Jahrhundert Gouverneur von Buenos Aires und versuchte erfolglos, argentinischer Präsident zu werden.

Ob es Rovira noch schaffen sollte, lässt der Roman offen. Aber bald wird klar, dass er, der meint, alles im Griff zu haben, sich in Román getäuscht hat. Der junge Mann lehnt sich dramatisch dagegen auf, vom Politiker manipuliert und benutzt zu werden. Während es zum Showdown kommt, arbeiten dessen Berater aber schon an einer Strategie, um die peinliche Situation in der öffentlichen Wahrnehmung zugunsten des Politikers zu drehen.

Die Wertung

Die Autorin
Claudia Piñeiro, geboren 1960 in Buenos Aires, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universidad de Buenos Aires. Sie arbeitete als Journalistin für verschiedene Zeitungen und Radiosender, daneben schrieb sie Theaterstücke sowie Kinder- und Jugendbücher und führte Regie fürs Fernsehen. Ihr erster Roman «Tuya» erschien 2003 (Deutsch: «Ganz die Deine», 2009); «Las viudas de los jueves» (2005) erschien 2010 als «Die Donnerstagswitwen» auf Deutsch und wurde im deutschen Sprachraum ein Bestseller. «Las maldiciones» (2017; Deutsch: «Der Privatsekretär») ist ihr achter Roman, der auf Deutsch im Zürcher Unionsverlag erschienen ist. Claudia Piñeiro, die sich für die Rechte der Frauen engagiert, lebt als freie Schriftstellerin in Buenos Aires.

Claudia Piñeiro: «Der Privatsekretär» (Original: «Las maldiciones», Alfaguara, Buenos Aires 2017). Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2018. 315 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 13:16 Uhr

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