Evolution und Tantrasex

Der Philosoph als Romancier: Peter Sloterdijks «Das Schelling-Projekt» perlt und schäumt.

Peter Sloterdijks Figuren widerlegen alle Etiketten, die man ihm anzuhängen versucht. Foto: Klaus Pichler (Anzenberger)

Peter Sloterdijks Figuren widerlegen alle Etiketten, die man ihm anzuhängen versucht. Foto: Klaus Pichler (Anzenberger)

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Was hat man nicht alles befürchtet, als der meistdiskutierte deutsche Philosoph Peter Sloterdijk im vergangenen Jahr einen erotischen Roman ankündigte. Altherrenprosa! Dilettieren auf hohem Niveau! Nach seinem Gentech-Lob in «Menschenpark», dem Plädoyer für freiwillige Gaben statt Steuern und seiner Kritik an offenen Grenzen jetzt noch ein machohaftes Frauenbild?

Nichts von dem hat sich bewahrheitet. «Das Schelling-Projekt» ist ein unterhaltsam zu lesender Beitrag zur Evolutionsgeschichte, in dem Sloterdijk in gewohnt assoziativer Manier sein philosophisches Stammpersonal zitiert: Hegel, Fichte, Schopenhauer, Wittgenstein, Nietzsche und hier besonders Friedrich Schelling, der theoretisch und praktisch den deutschen Idealismus in die Naturwissenschaft einbrachte. Sloterdijk selbst bleibt dabei die Rolle des Erzählers. Dass der Tausendsassa dafür nach seinen wissenschaftlichen Werken, den Sachbüchern, Essays, dem Tagebuch (und zwischenzeitlich gar einem Opern-libretto) jetzt die Form des Romans gewählt hat, kommt seiner Fabulierlust entgegen.

«Was man nicht ableiten kann, davon muss man erzählen», lässt Sloterdijk eine seiner Figuren in Anlehnung an Wittgenstein sagen. Konkret geht es um die Frage, wie in der Evolution aus der Zellteilung die bipolare Besamung des weiblichen Eis durch ein Männchen wurde. Und aus der einst (wohl) freudlosen Minutenkopulation der Homi­noiden der genussvolle Sex.

Ein fünfköpfiges Team hat einen entsprechenden Forschungsantrag bei einem Bonner Förderausschuss einge­geben. Der Ausschuss verlangt weitere Präzisierungen der Eingabe, was die fünf zu eingehendem E-Mail-Verkehr und persönlichen Treffen bewegt. Und weil ein Ehrlichkeitsvertrag und ein Subjektivitätspakt gelten, packen sie in aller Offenheit auch ihre persönliche Befindlichkeit und Erlebnisse zum Thema aus. Daraus ergibt sich eine kluge und zugleich witzige Unterhaltung, durchsetzt mit abschweifenden Erinnerungen: An ein Tantraseminar im Gefolge von 1968, nicht in Poona sondern im norddeutschen Kiel, oder an eine Wohngemeinschaft in der Zeit der damals zwanghaft freien Sexualität.

Sein Alter Ego als Hauptfigur

Kopf der Gruppe ist ein Philosoph und Kunstwissenschafter namens Peer Sloterdijk. Mit der kleinen Vornamensänderung schafft der Autor ein Alter Ego, das Persönliches vermischt mit Bezügen aus Philosophie und Naturwissenschaft. Wie sein Schöpfer steht auch der fiktive Sloterdijk kurz vor seinem siebzigsten Lebensjahr, er berichtet von seinen erotischen Abenteuern in Vergangenheit und Gegenwart. Das wirkt nur deshalb nicht peinlich, weil es oft selbstironisch gebrochen wird («Es war schön für mich im Rahmen des Möglichen»).

Die Sexszenen kippen immer wieder ins Groteske, etwa beim stundenlangen Ritt einer 60-jährigen Bhagwan-Trainerin auf einem Jüngling als ­lebendem Dildo zu Demonstrations­zwecken. Detailliert sind die naturwissenschaftlichen Exkurse in die Tierwelt: So frisst die Gottesanbeterin während des Besamungsakts den Kopf des Männchens, dessen Unterleib weitermacht – dem Schopenhauer-Epigonen Eduard von Hartmann soll diese Beobachtung im frühen 19. Jahrhundert die Dimension des Unbewussten und damit der Psychoanalyse eröffnet haben.

Zu Peer Sloterdijks erotischen Abenteuern gehört auch eine Reise nach Paris, bei der das Paar kaum das Hotel verlässt und auch den Champagner in der Minibar vernachlässigt, «weil anderes im Vordergrund steht». Auch hier folgt gleich der Sprung in die Naturwissenschaft, diesmal über das Phänomen der Efferveszenz, das Entweichen von Gas aus einer gärenden Flüssigkeit. Die Anschauung dazu liefert der geöffnete Champagner: Er schäumt, steigt auf, perlt. Und perlt nach zwei Tagen in der Pariser Minibar noch immer.

Genau gleich wie der halb fiktive Sloterdijk, der «vor 68 Jahren geöffnet wurde». Sein Schöpfer scheint vom ­Formulieren nicht ermüdet, auch wenn er seine alte Freundin Desiree sagen lässt, dass dieser Peer «in letzter Zeit ostentativ als Müder auftritt». Das be­unruhigt sie, denn sie kannte ihn nur als Scheinmüden. Solche Selbsterkenntnis kommt im Roman wohltuend häufig vor, etwa auch dort, wo dieser Peer Sloterdijk feststellt, dass «in ihm oft etwas Unseriöses am Werk» sei, besonders wenn es um schwer­gewichtige Angelegenheiten gehe: «Ein ­gewisser Übermut ist noch in den ­letzten Dingen nicht zu eliminieren.»

Dieser Übermut führt dazu, dass im Roman gerade zu diesen letzten Dingen Wichtiges, aber nicht hundertprozentig Gesichertes gesagt wird, denn über dem Glauben steht der Zweifel. Auch an der Existenz Gottes: Wer sie nie für plau­sibel gehalten hat, sei ein toter Pflock, lässt Sloterdijk seinen Peer sagen. Und wer sie für eine gegebene Tatsache halte, sei ein Simpel.

Er und seine Projekt-Mitstreiter – ein Wissenschaftsjournalist, eine Philosophin, ein Ethnologe und eine PR-Frau – schreiben brillante, persönliche E-Mails, aber im Duktus alle sloterdijkisch. Dazu gehört die Lust, Begriffe bei ihrer Urbedeutung zu nehmen und auch politisch inkorrekt zu provozieren, etwa wenn es um Pornografie geht oder um die Auseinandersetzung zur Verhüllung der Frau im Islam. Der Autor entfacht nicht nur ein Feuerwerk der Behauptungen, sondern auch eines der Begrifflichkeit.

Weiterlesen aus Höflichkeit

Ein Romancier ist aus dem Philosophen allerdings nicht geworden. Dafür fehlt es den Figuren an Eigenleben, dem Roman selbst an Dramaturgie und formaler Geschlossenheit. Wie das gemacht wird, haben Daniel Glattauer in seinem E-Mail-Roman «Gut gegen Nordwind» oder sein österreichischer Landsmann Wolf Haas im Interviewroman «Das Wetter vor 15 Jahren» gezeigt.

Sloterdijk entschädigt für diese Defizite durch den Stil, der perlt und schäumt wie in seinen philosophischen Werken seit 30 Jahren. Der dankbare ­Leser liest dafür bei einem etwas lang geratenen Exkurs vielleicht «auch mal aus Höflichkeit weiter», wie der Autor über sein Alter Ego selbstkritisch festhält. Denn früher oder später kommen neue Perlen wie diese: «Auf der Jagd nach der Wahrheit wird der Jäger von den eigenen Hunden zerrissen.» Überhaupt scheint die Wahrheit den leidenschaftlichen Philosophen mindestens so zu beschäftigen wie der weibliche Orgasmus: «Die Welt ist, was ausserhalb der Wahrnehmung der Fall ist», führt er ein Zitat Wittgensteins weiter. Der Roman verrät auch, woher Autor Sloterdijk seine Zitierfreude hat: Es war die lebensfrohe Mutter, die im Alltag des jungen Peer und wohl auch von Peter virtuos Homer und Goethe zitierte.

Der Leser wird nicht alle Geistesblitze nachvollziehen, vielleicht auch nicht alles glauben. Aber vieles schwingt nach, dafür sorgt die Dialektik des Denkers. Sloterdijks Figuren widerlegen von neuem alle Etiketten, die man ihm anzuhängen versucht hat: jenes des unkritischen Anhängers der Gentechnologie durch die permanente Kritik am Wissenschaftsbetrieb, jenes des Liberalen aus dem 19. Jahrhunderts durch sein solides Fundament im linken Wertkonservatismus, jenes des alternden Machos mit ungewohntem Selbstzweifel. Und schliesslich auch jenes des Grenzschliessers durch seinen breiten Horizont in der Welt- und Naturgeschichte und seinen weltoffenen Geist.

Darin ist die Kenntnis der Immunologie inbegriffen, die ihn zum Grünen gemacht hat und die Folgen von Ab­stossungsreaktionen voraussehen lässt. Und so weist der Autor ganz nebenbei darauf hin, dass die Gruppe der Ne­andertaler, die einst nach Europa ­aufbrach, allesamt Migranten waren.

Erstellt: 07.09.2016, 22:20 Uhr

Das Schelling Projekt

Peter Sloterdijk
Das Schelling-Projekt. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016. 251 S., ca. 35 Fr.

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