So ist die «Handmaid's Tale»-Fortsetzung

Die Geschichte des Terrorstaats Gilead geht weiter. Wir haben den am Dienstag präsentierten Atwood-Roman «Die Zeuginnen» bereits gelesen.

Mägde sind im totalitären Staat Gilead blosse Gebärmaschinen ohne Individualität. Ihre Tracht ist rot und weiss. <nobr>Foto: Getty Images</nobr>

Mägde sind im totalitären Staat Gilead blosse Gebärmaschinen ohne Individualität. Ihre Tracht ist rot und weiss. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Roman hat die TV-Serie nicht gebraucht, um ein Welterfolg zu werden. Acht Millionen Exemplare sind allein vom englischsprachigen Original «A Handmaid’s Tale» verkauft worden. Volker Schlöndorff hat ihn verfilmt, lange vor den drei Fernsehstaffeln. Aber erst diese haben den Klassiker der Dystopie, der gleichrangig neben Orwells «1984» und Huxleys «Schöne neue Welt» stehen kann, in die Popkultur getragen – und in den politischen Kampf.

In mehreren Ländern haben Demonstranten für Frauenrechte jene Tracht angelegt, die in Margaret Atwoods Terror-Theokratie Gilead die Mägde tragen müssen: rotes Kleid, weisse Haube. «Make Margaret Atwood Fiction Again» stand auf Plakaten des Women’s March gegen US-Präsident Trump: Lasst den drohenden Backlash bitte bloss noch Fiktion sein.

Die beklemmende Wirkung des Romans, die auch über 30 Jahre nach Erscheinen anhält, liegt daran, dass praktisch nichts erfunden ist. Alle Repressionsmassnahmen in Gilead hat es irgendwann in der Geschichte gegeben, von den Puritanern in Neuengland über die UdSSR, die 1985 noch bestand, bis zum Iran der Mullahs. Und mit dem Schreckensregime des IS sind neue Varianten hinzugekommen.

«Der Report der Magd» endete offen. Leser und Zuschauer aber verlangen ein Happy oder Unhappy Ending.

«Der Report der Magd» endete offen. Leser und Zuschauer aber brauchen das Happy oder Unhappy Ending wie den Schlussakkord der Sinfonie. Was ist aus Desfred, der rebellischen Magd, geworden? «Die Zeuginnen» gibt darauf, wenn überhaupt, nur eine indirekte Antwort; eine eigentliche Fortsetzung ist der neue Roman, der 15 Jahre später spielt, nicht.

Dass Gilead einmal untergehen würde, deutete schon der Vorgänger in einem Epilog an, in dem sich Historiker Ende des 22. Jahrhunderts über den aufgefundenen «Report» beugten. Im neuen Roman erzählt Margaret Atwood, wer diesen Untergang auslöst: ausgerechnet Tante Lydia, die sadistische Ausbilderin der Mägde, die oberste Kollaborateurin im Männerregime. Sie ist die erste der «Zeuginnen», ihre die erste der drei Stimmen in diesem mehrperspektivischen Roman.

Hauptfigur des neuen Romans: Tante Lydia, die sadistische Aufseherin und Ausbilderin der Mägde, hier gespielt von Ann Dowd in der TV-Serie. Foto: PD

Tante Lydia bekommt mit ihrer Stimme Subjektivität, Geschichte und Charakter. Im Rückblick erzählt sie, wie sie, einst eine progressive Familienrichterin, vom neuen Regime erst erniedrigt und gefoltert wurde, dann aber die Chance zur Kollaboration und zum Aufstieg erhielt. Ihre Karriere beruht auf Anpassung und Aneignung. Als Virtuosin des Bösen hat sie sich bis zur Spitze des «Hauses Ardua» vorgearbeitet, dem Machtzentrum der «Tanten», und sich durch Dossiers über Verfehlungen von Kommandanten und Konkurrentinnen unangreifbar gemacht.

Gilead erscheint auch in diesem Roman als Sample aller repressiven Regimes und Methoden, altbekannter und neuer. Folter- und Exekutionsszenen im Stadion rufen die Militärdiktaturen in Chile und Argentinien herauf, die manische Sammel- und Spitzeltätigkeit Lydias das Stasi-Unwesen, die Säuberungswellen in der Führung Stalins Sowjetunion. Weil Lydia das System – an das sie nie geglaubt hat – als korrupt und ineffektiv erkennt, «verderbt bis ins Mark», sieht sie seine Tage gezählt und will den Untergang beschleunigen, ihm den «Stoss über die Felskante» versetzen. Längst arbeitet sie mit «Mayday», einem Widerstands- und Fluchthelfernetz im benachbarten Kanada, zusammen und bereitet mit drei Zöglingen eine grosse Enthüllungsaktion vor.

Zwei davon haben sich vor arrangierten Ehen mit Kommandanten in die Tanten-Ausbildung geflüchtet, die dritte ist als Spionin aus Kanada ins «Haus Ardua» eingeschleust worden. Das sorgsam gehütete Geheimnis, das der Leser aber lange vor den Beteiligten begreift, weshalb es hier auch verraten werden darf: Diese Daisy alias Jade ist die «kleine Nicole», Tochter der Hauptfigur aus dem «Report der Magd», als Baby nach Kanada gerettet und seither als «Entführungsopfer» eine Ikone der Gilead-Propaganda.

Der Roman arbeitet mit Schauplatz- und Seitenwechseln, mit Intrigen, Cliffhangern und all den Tricks, die das Storytelling hergibt.

Warum gerade sie unter Lebensgefahr nach Gilead eingeschleust werden muss und dann mit brisanten Informationen wieder nach Kanada zurück soll, ist so schwer nachvollziehbar wie die Annahme, diese Enthüllungen über die Mächtigen würden das Regime zum Einsturz bringen. Aber so will es Margaret Atwood, deren Hauptmotiv, «Die Zeuginnen» zu schreiben, nach eigenen Angaben war, zu zeigen, wie Unterdrückerregimes untergehen können.

Dieser Vorsatz führt zu einem handlungsstarken, plotgetriebenen Roman, der mit Schauplatz- und Seitenwechseln, Intrigen, Cliffhangern und all den Tricks arbeitet, den das Storytelling hergibt. Das liest man teilweise mit angehaltenem Atem, aber mit abnehmendem Glauben an die Plausibilität. War «Der Report der Magd» ein beklemmendes Porträt einer Welt, wie es sie geben könnte, allein deshalb, weil es sie in allen Einzelbestandteilen schon einmal gab, so löst Atwood diese Beklemmung in Action auf.

Das Konstruktionsprinzip mit den drei Stimmen führt nicht zur Intensivierung des Schreckens, sondern zu Brechung, Öffnung, Perspektivierung. Gilead wird gezeigt von oben (Lydia), von unten (Agnes Jemima, erzogen im absoluten Glauben an das System) und von aussen (die vorlaute Daisy-Jade-Nicole, im freien Kanada aufgewachsen). Die Mädchenstimmen sind unbedarft bis naiv, was die Lektüre leicht, aber auch ein bisschen glatt macht. Interessanter ist natürlich Tante Lydia. Sie hat den komplexesten Ton – abgebrüht, klarsichtig und selbstkritisch. Sie hat auch die klügsten Sätze, etwa diesen, einem versteckten Kommentar zur #MeToo-Welle: «Unschuldige Männer, die ihre Schuld abstreiten, klingen genauso wie schuldige Männer. Die Zuhörer sind geneigt, weder dem einen noch dem anderen zu glauben.»

So wenig man der Autorin abnimmt, dass jemand aus dem Innersten des Regimes dieses fast allein zu Fall bringt, so nachvollziehbar ist Tante Lydias Rolle als Atwoods «Kollegin». Sie bringt ihren Bericht klammheimlich zu Papier, mit altmodischer Tinte, und versteckt die Seiten in einer alten Schwarte. Ist es nicht überhaupt so, dass erst das Aufschreiben der Widersprüche des Systems diese der Tante vollends bewusst macht?

Allen Diktaturen ist Literatur verhasst

Allen Diktaturen ist Geschriebenes, ist Literatur verhasst. In Gilead dürfen nur ausgewählte Frauen lesen lernen. «Lesen und schreiben zu können», so bemerkt Agnes Jemima, als sie es endlich darf, «lieferte keine Antworten auf meine vielen Fragen. Es führte nur zu anderen Fragen, und die führten ihrerseits zu Fragen.» Ein zentraler Satz in diesem Buch, das immer wieder auf der zweifelnden, der subversiven, der aufklärenden, der befreienden Kraft der Literatur insistiert.

Lydia richtet ihren Bericht an einen unbekannten Leser, von dem sie nicht einmal weiss, ob es ihn jemals geben wird (es werden dann die Historiker des Jahres 2197 sein). Margaret Atwood muss sich das nicht fragen. Ihr neuer Roman wird millionenfach gekauft und verschlungen werden. Und ein Film wird auch daraus.

Margaret Atwood mit einem Exemplar des neuen Romans bei der Buchpremiere in London. Foto: Dylan Martinez (Reuters)

Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Roman. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin-Verlag 2019. 572 S., ca. 36 Fr.

Erstellt: 11.09.2019, 16:54 Uhr

Artikel zum Thema

Der Live-Stream der alten Dame

Margaret Atwood präsentierte in London ihre überraschend erschienene «Handmaid’s Tale»-Fortsetzung – und in 1400 Kinosälen weltweit. Mehr...

Unerwartete Fortsetzung des «Handmaid»-Horrors

Margaret Atwood bringt diese Tage überraschend eine Fortsetzung vom Klassiker «The Handmaid’s Tale» heraus. Dazu gibts heute Nacht eine Pressekonferenz per Livestream in 1000 Kinos. Mehr...

Margaret Atwood erhält Friedenspreis

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood erhält den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das teilte der Börsenverein zum Auftakt der Buchtage Berlin mit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mein erstes Handy

Sweet Home Gut ist gut genug!

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...