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So nicht!

Er macht alles Mögliche, ausser seine Buchreihe abzuschliessen. Ein offener Brief an «Game of Thrones»-Schöpfer George R. R. Martin.

George R. R. Martin freut sich 2015 über einen Emmy-Award für «Game of Thrones». Aber bringt er sein Bücher-Epos noch zu Ende oder nicht?
George R. R. Martin freut sich 2015 über einen Emmy-Award für «Game of Thrones». Aber bringt er sein Bücher-Epos noch zu Ende oder nicht?

Sehr geehrter George Martin

Ich und Millionen andere Menschen erfreuen uns an «Game of Thrones». Die Fantasy-Serie beruht auf Ihrem Epos «Das Lied von Eis und Feuer», das einen Kampf verschiedener Königshäuser in einem fiktiven Mittelalter schildert. Ihre Bücher sind gar noch besser als die Serie, in nüchternem Stil verfasst, mit perfekt gedrechselten Plots, die gnadenlos vorangetrieben werden, um die Frage zu beantworten, die uns seit 22 Jahren, als der erste Band erschien, beschäftigt: Welche der grossartigen Figuren wird obsiegen? Wer am Ende auf dem «Eisernen Thron» sitzen? Für diese Hochspannung besten Dank.

Aber leider schreibe ich Ihnen aus einem anderen Grund.

Ich habe Sie im Jahr 2014 interviewt. Damals sollte «The Winds of Winter» erscheinen, das zweitletzte Buch Ihrer siebenteiligen Reihe. Sie waren allerdings noch nirgends damit und ich war nicht der einzige Fan, der sich Sorgen machte, ob Sie, 65-jährig, schwer übergewichtig, mit einer Vorliebe für ungesundes Essen, zu Lebzeiten noch mit Ihrem Werk fertig würden. Insbesondere da Sie für einen Buchband bis zu sechs Jahre brauchen.

Also sagte ich diplomatisch: «Einige Leute befürchten, dass Ihnen die Zeit ausgeht...». Auf das Thema angesprochen, reagierten Sie ziemlich aggressiv. «Ich empfinde die Spekulationen über mein Alter und meine Gesundheit als beleidigend», blafften Sie und zeigten mir den gestreckten Mittelfinger: «An alle, die so denken: Fuck you!»

Ich war erstaunt, weil das Motto Ihres Epos ja «Valar Morghulis» lautet, was auf Hochvalyrisch «Jeder muss sterben» bedeutet. Ein bisschen geknickt tippte ich das Interview ab und stellte einen Videoclip mit dem «Fuck you»-Ausschnitt online. Innert Minuten ging die Publikumsbeschimpfung viral. Es gab weltweit kaum eine Newssite, die den Clip nicht zeigte – ein Beweis für die kulturelle Bedeutung Ihres Werks und der kollektiven Erwartungshaltung, die damit einhergeht.

Heute, vier Jahre später, ist von den «Winds of Winter» nach wie vor nichts zu spüren – im Gegenteil: Das Erscheinungsdatum wurde und wird weiter verschoben. Sie arbeiteten am Buch, sagten Sie nun vor ein paar Tagen an einer Science-Fiction-Veranstaltung: «Winds of Winter» komme, wenn es fertig sei. «Die Fans haben kein Recht auf das Buch», lautet ein anderer Kommentar von Ihnen. Natürlich haben wir kein juristisches Recht darauf, aber ein moralisches. Weil wir Hunderte Stunden in die Lektüre gesteckt haben, weil wir dafür Geld bezahlt haben und weil wir seit bald einem Jahrzehnt geduldig warten.

Manche Fans glauben, Sie haben Schreibstau. Der Stoff mit seinen Dutzenden Handlungssträngen und Hunderten Figuren sei zu komplex geworden. Ach was. Sie wissen doch schon lange wie die Geschichte endet, die wichtigsten Plotpoints sowie den Schluss haben Sie den Serienmachern von «Game of Thrones» bekanntlich verraten. Die extrem populäre und lukrative TV-Serie wird im Frühjahr 2019 das grosse Finale zeigen. Jeder weiss dann, wer auf dem Eisernen Thron sitzt.

Kein Wunder, haben Sie Wichtigeres zu tun, als die Buchreihe abzuschliessen. Zum Beispiel Episoden für die TV-Serie zu schreiben, in Ihrem Heimatort Santa Fe ein Kino aufzubauen oder Videogames und anderes Merchandising der TV-Serie abzusegnen. Im November bringen Sie ausserdem eine 650-seitige (!) Familiengeschichte über die Targaryens heraus, eine der Dynastien aus «Game of Thrones». Was für ein Hohn für die Buchfans!

Kurz: Sie mögen sich nicht mehr mit dem Epos abrackern. Wahrscheinlich ist Ihnen schon lange völlig klar, dass Sie es nicht abschliessen werden. Die Luft ist draussen. Das ist okay. Aber heuern Sie doch einen Ghostwriter an. Und vor allem: Spielen Sie mit offenen Karten, statt die Leserschaft in falscher Hoffnung zu wiegen.

«Fuck you», sagten Sie? Manchem Fan geht inzwischen dasselbe durch den Kopf.

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