Solche Leute möchte man nicht treffen

Ottessa Moshfeghs neues Buch ist fantastisch. Ihre Figuren haben den inneren Schweinehund als Lebenseinstellung akzeptiert.

Sie schreibt für die, die sie für eine Göttin halten: Shootingstar Ottessa Moshfegh. Foto: Jake Belcher

Sie schreibt für die, die sie für eine Göttin halten: Shootingstar Ottessa Moshfegh. Foto: Jake Belcher

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Ottessa Moshfegh ist ein Workaholic. Im April erscheint ihr dritter Roman in den USA, gerade arbeitet sie am vierten, und weil der erste Roman verfilmt werden soll, hat sie dafür auch noch das Drehbuch selbst geschrieben. Auf Deutsch erscheint jetzt als Zwischengang der Kurzgeschichtenband «Heimweh nach einer anderen Welt». Fast alle Geschichten darin haben eine verstörende, subtile Schönheit an sich.

Ihren ersten Roman hatte sie noch so rausgehauen: Sie war pleite und wollte berühmt werden, also habe sie halt ein Do-it-yourself-Buch gelesen und wumms: Man-Booker-Prize-Shortlist. So hat sie es jedenfalls dem «Guardian» erzählt. Für den Literaturbetrieb natürlich eine Unverschämtheit: jemand, der aus finanziellen Gründen einen Bestseller schreibt, erfolgreich? Und auch noch, ohne sich zu quälen? How dare she.

Wenn man Ottessa Moshfegh in Los Angeles anruft, sagt sie, dass sie das Interview im «Guardian» bereue, manchmal zumindest. «Es hat mich gelehrt, dass mir öffentliche Wahrnehmung egal sein muss. Stellen Sie sich vor, Sie würden sich morgens anziehen und dabei ständig darüber nachdenken, was die Menschen über Ihr Outfit denken, die Sie sowieso hässlich finden. Man muss sich doch aber für die Menschen anziehen, die denken, hey, die ist eine Göttin.»

Gewaltfantasien und geschwollene Geschlechtsteile

Moshfegh schreibt also für die, die sie für eine Göttin halten. Und auch, wer das nicht tut, kann sie als Autorin schätzen. Nicht, weil sie sich kompromisslos menschlicher Schwäche widmet, weil sie die Stufen in die niedersten Gedanken ihrer Charaktere hinabsteigt. Sondern weil sie, während sie das tut, immer den Respekt vor ihnen als Menschen aufrechterhält. Nicht gerade eine leichte Aufgabe angesichts ihrer Figuren.

Die Menschen in «Heimweh nach einer anderen Welt» haben Gewaltfantasien, krankhaft geschwollene Geschlechtsteile oder wenigstens Mundgeruch. Jeb, der Rentner, der von seiner jungen, hübschen Nachbarin derart besessen ist, dass er seine Mahlzeiten nur noch im Keller direkt an der Wand einnimmt, weil er da ihre Geräusche am besten hören kann. Oder Mr. Wu, der schon seit ewigen Zeiten in die Frau von der Videospielhalle verliebt ist. Kaum erhält er allerdings die erste anzügliche Textnachricht seiner Flamme, ist er so angewidert, dass er im Puff Ablenkung sucht («Geben Sie mir einfach die Dümmste, die Sie haben»).

Es gibt frustrierte Lehrerinnen, die sich in der Freistunde im Schlafsack im Klassenzimmer einmummeln, weil sie daueralkoholisiert sind, erfolglose Attraktive, attraktive Erfolgreiche (davon allerdings weniger). Moshfeghs Buch ist ein Secondhandladen der unerfüllten menschlichen Sehnsüchte, die schon angefangen haben, nach Schrank zu miefen. Jeder Zweite in «Heimweh nach einer anderen Welt» ist antriebslos, jede Dritte ist abstossend, und es geht fast ständig um Sex und Körper.

Wie viele Menschen fühlen sich unbehaglich in der Welt?

Genau da wollte sie hin als Autorin, erzählt Moshfegh: «Ich wollte rausfinden, wie Menschen an dem, was sie selbst sind, verzweifeln und stecken bleiben bei dem Versuch, es zu ändern. Wie elend sich das anfühlt.» Das interessiere sie beim Schreiben über Menschen: dass es so viele gibt, die sich in der Welt, in die sie geboren wurden, unbehaglich fühlen.

Das Unbehagen ihrer Charaktere rührt meistens daher, dass sie am Versuch scheitern, Psyche und Körper übereinzubringen. Aus L.A., was vermutlich die globale Hauptstadt der Selbstinszenierung ist, gibt Moshfegh durch, dass immer noch zu wenig über das Verhältnis zum eigenen Körper geschrieben werde. «Aber wir sind doch alle nur Körper und können unseren Körper nicht immer kontrollieren. Es ist ein ‹Geist in der Maschine›-Verhältnis.» Das sei auch ein Grund, warum sie so viel über Essstörungen schreibe, diesen beispielhaften Versuch, die Kontrolle über die Dissonanz zwischen Körper und Psyche zu gewinnen.

Wenn Figuren bei Moshfegh nicht essgestört sind, versuchen sie eben anders, die Kontrolle über Körper zu behalten, sie üben Gewalt auf andere Körper aus. Oder sind von sich selbst besessen. Oder alles zusammen. Klar, dass es Liebe und Bindung in so einem Umfeld schwer haben.

Moshfegh ist wie Raymond Carver, nur in lustig

Gemeinsam ist den Storys, dass sich im vermeintlichen Stillstand, heimlich und leise, absurd interessante Leben abspielen, und man erinnert sich beim Lesen unweigerlich an die Garageneinfahrt-Tristesse von Raymond Carver. Moshfegh ist Carver, nur in lustig. Wie Carver testet Moshfegh, ob ihre Leser die Auslassungen, mit denen sie ihre Geschichten versieht, ertragen: Kriegt Mr. Wu nun seine Videospielhallenangestellte oder nicht? Warum ändert die Lehrerin ihr Leben nicht, wie sie es vorhatte? Ihre Charaktere sind um sich selbst kreisende Subjekte, die ihren inneren Schweinehund längst als Lebenseinstellung akzeptiert haben. Wer etwas anderes hofft, braucht dieses Buch nicht aufzuschlagen.

Umso strahlender erscheinen die liebevollen Momente im Moshfegh-Universum – die gibt es, und für die ist man als Leser dann sehr dankbar. Wie in «Der Beach Boy», der Geschichte der New Yorker Eheleute John und Marcia, beide um die sechzig Jahre alt. Ein wenig kann man sie sich vorstellen wie Woody Allen und Diane Keaton. Nach einem Abendessen mit Freunden an der Upper East Side müssen sie auf dem Heimweg durch den Central Park. Als sie am Park angelangt sind, fragt Marcia ihren Mann im Dunkeln: «Gehen wir quer über den Rasen oder aussen rum?», und John antwortet «Seien wir mal mutig». Also sind sie mal mutig.

Sie nennen die Mutter «die Menschenfrau»

In «Ein besserer Ort» gibt es ein Geschwisterpaar, ein Mädchen und einen Jungen, die sich für Aliens halten, die um jeden Preis in die Welt zurückmüssen, aus der sie gekommen sind. Sie nennen ihre Mutter «die Menschenfrau» und stellen alles infrage – ausser der bedingungslosen Geschwisterliebe. Auch diese Geschichte ist, wie alle Texte im Erzählband, getragen von Moshfeghs flapsiger Komik im Dialog, den Anke Caroline Burger umsichtig ins Deutsche übertragen hat.

Der seelische Abstand zwischen der Mutter, die ihre Kinder als Kinder behandelt, und den Kindern, die sie als Fremde sehen, ist nicht nur traurig. Er tut weh: So ist über das Gefühl, fehl am Platz zu sein, noch nicht geschrieben worden.

Als Leser beginnt man sich zu fragen, ob die Kinder eigentlich wirklich Aliens sind, oder sich nur konsequent dafür halten (was nicht weniger besorgniserregend wäre). Es ist ein einfacher Trick, mit dem Moshfegh das Gefühl der Fremdheit auf die Leser überträgt. Dann wiederum ist es auch egal, was nun stimmt. Sie fühlen sich fremd. Alles andere zählt nicht. Moshfegh sagt am Telefon, sie habe bei keiner anderen Geschichte so sehr das Gefühl gehabt, die Wahrheit aufzuschreiben. Es ist ihr persönlichster Text.

Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt. Storys. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind, München 2020. 336 S., ca. 28 Fr.

Erstellt: 10.02.2020, 14:41 Uhr

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