Brüchige Idylle auf dem Dorf

Die Schweizerin Simone Lappert zeigt in ihrem zweiten Roman, wie sich eine Kleinstadt gegenüber einer Selbstmörderin verhält.

Der Sprung vom Debüt zum zweiten Roman ist gelungen: Simone Lappert. Foto: Ayse Yavas

Der Sprung vom Debüt zum zweiten Roman ist gelungen: Simone Lappert. Foto: Ayse Yavas

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Das schwierigste Buch, heisst es, sei das zweite. Man ist furios gestartet, das Debüt hat Aufsehen erregt und Erwartungen geschürt, die es einzulösen gilt – aber eben ganz anders. Eine Autorin wie Zoe Jenny ist vom Erfolg ihres Erstlings damals geradezu erdrückt worden, auch literarisch reichte kein Folgebuch an diesen heran.

Simone Lappert, so viel darf man voraussagen, wird es anders ergehen, schon weil ihr Start nicht mit ähnlichen Trompetenstössen begleitet wurde wie seinerzeit das «Blütenstaubzimmer». Lapperts «Wurfschatten», vor fünf Jahren erschienen, das Porträt einer von Ängsten gebeutelten, jungen Schauspielerin, erntete Respekt, aber auch Kritik, bis zur Bösartigkeit. Mit dem neuen Roman muss die Autorin jetzt auch aus dem Schatten ihrer Protagonistin treten – also der engen Erzählperspektive. Sie tut dies auf verblüffende und souveräne Weise: indem sie sie erweitert zum Panorama. Mussten die Leser im Debüt mit der Heldin in eine Panikattacke hinein und hindurch, so dürfen sie sich jetzt zurücklehnen, wie es das Personal ihres neuen Buches tut.

«Der Sprung» spielt auf einem Platz in der fiktiven deutschen Kleinstadt Thalbach, das nahe dem nicht fiktiven Freiburg im Breisgau liegt. Eine junge Frau steht auf einem Dach. Will sie sich umbringen? Polizei und Feuerwehr sind vor Ort, legen ein Sprungkissen aus und versuchen zugleich, die Frau von ihrem Vorhaben abzubringen. Auf dem Platz, aus den umliegenden Häusern und von den Stühlen eines Cafés aus beobachten Anwohner, was passiert. Sie gaffen, filmen, machen Selfies, einige versuchen das Geschehen zu beschleunigen: «Spring doch endlich, du Pussy», ruft ein Halbstarker.

«Die Leute kaufen lieber Dinge, die sie nicht brauchen.»

Die Situation stellt eine «Anomalie» dar, wie es eine Figur formuliert, eine Abweichung von der Normalität, und Simone Lappert benutzt diese Anomalie wie einen Schlüssel, der die Psyche ihres Personals aufschliesst, aber auch Aufschluss gibt über die Verfasstheit einer Gesellschaft. Die ist, auch in der längst nicht mehr beschaulichen Provinz, den Zwängen der Ökonomie ausgesetzt, der Beschleunigung und Umwälzung und dem Untergang des Bestehenden.

Da ist Egon, der sein Herrenkonfektionsgeschäft schliessen musste und mit dem Fernglas den Nachfolger beobachtet: eine «Handy-Klinik». «Die Leute kaufen lieber Dinge, die sie nicht brauchen», lautet sein Kommentar zur neuen Konsumwelt. Da sind Theres und Werner, die das betreiben, was man früher Tante-Emma-Laden nannte (dieser hier heisst Werner’s Grocery). Ein naher Discounter und ein Einkaufszentrum haben die Kundschaft abgesaugt, die Pleite ist nicht abzuwenden, nur noch eine Weile herauszuzögern (und vor Werner geheim zu halten).

Ganz unten angelangt ist schon Henry, der Obdachlose; er hat gelernt, «seine Bedürftigkeit anderen gegenüber gut zu dosieren, sodass ihre Hilfe ihnen wie eine Wohltat an sich selbst vorkam, weil sie lediglich eine Abwechslung war und keine Gewohnheit. Die meisten Dinge, die Menschen aus Gewohnheit taten, wurden ihnen irgendwann zuwider. Die Angst vor Veränderung machte Gewohnheiten mit der Zeit zur Pflicht. Abwechslungen aber, die kleinen Geschwister der Veränderung, waren den meisten willkommen.»

Macht Randständigkeit klarsichtig?

Mit solchen Sätzen zeigt die Autorin, dass es nicht die Dümmsten sind, die aus dem System herausgefallen sind. Oder macht Randständigkeit klarsichtig? Umgekehrt ist das Weltbild der erfolgreichen Geschäftsfrau Astrid ganz auf ihre Karriere zusammengeschnurrt; sie will Bürgermeisterin in Freiburg werden und fürchtet negative Publicity, wenn sie mit einer potenziellen Selbstmörderin in Zusammenhang gebracht wird. Denn die Frau auf dem Dach ist ihre Halbschwester.

Astrid, Henry, Theres, Egon und sechs weitere Figuren ziehen an uns vorbei, kapitelweise beleuchtet vom Scheinwerfer der Autorin. Wie in Echtzeit verfolgen wir, wie sie sich zur Frau auf dem Dach verhalten – entsetzt, mitleidig, aggressiv – und was das über sie selbst aussagt.

Gegenwartsfixiert sind viele aus Simone Lapperts Personal; wie stark ihre Vergangenheit trotz Verdrängung diese Gegenwart bestimmt, erfahren sie – und wir – durch schmerzhaft beschleunigte Erkenntnisprozesse. Der junge Polizist Felix etwa steht der Schwangerschaft seiner Freundin eher ängstlich als freudig gegenüber; das hat mit einem Unglück in seiner Kindheit zu tun, an dem er schuldhaft beteiligt war.

«... und dann sind wir trotzdem der Liebe ausgeliefert und dem Wunsch, jemandes grosses Glück zu sein.»

Anderes bleibt uns verborgen. Warum Manu, die Frau auf dem Dach, aus der Spur geraten ist und, nach Ansicht ihrer Mutter, einen «Sprung» hat (der Titel des Romans offenbart so seinen Doppelsinn), müssen wir uns selbst ausdenken. Jedenfalls hat Manu als «Störgärtnerin» gerade wieder einen sinnvollen Platz in der Welt gefunden, ehe sie aufs Dach geriet. Wie das kam, verschweigt der Roman nicht, wohl aber diese Rezension.

Manu ist Projektionsfläche der anderen und bekommt deshalb keine eigenen Kapitel, ebenso wenig wie Roswitha, die gute Seele des Cafés, in dem sich alle treffen. Sie hat so vielen zugehört und daraus den Schluss gezogen, der der Autorin als Erklärgrundbass zum Geschehen dient: «Wir sitzen hier auf einem zillionenalten Planeten, evolutioniert bis hinter die Ohren, es gibt kleine ferngesteuerte Autos, in die man sich nicht hineinsetzen kann, es gibt Kanarienvögel und Drohnenkriege und künstliches Apfelaroma, und dann sind wir trotzdem der Liebe ausgeliefert und dem Wunsch, jemandes grosses Glück zu sein» und so weiter, und nach dieser, im Buch weit längeren Tirade, kommt das Fazit, dass Nichtverrücktsein die eigentliche Anomalie sei.

In seiner Anschaulichkeit ist der Roman stärker als in dieser Quintessenz. Es gibt auch in den Kapiteln ein paar Durchhänger. Gerade die Teenagerfiguren, die gemobbte Winnie und ihr Quälgeist Salome, sind etwas klischiert geraten; und der Einfall mit dem wandernden Hut ist zwar hübsch, jedoch etwas gar märchenhaft. Insgesamt aber ist Simone Lappert der Schritt vom Ich zur Welt, von der Naheinstellung zur Totale, der Sprung vom ersten zum zweiten Roman (und, nicht zuletzt, zum grossen Publikumsverlag Diogenes!) auf respektgebietende Weise gelungen.

Simone Lappert: Der Sprung. Roman. Diogenes, Zürich 2019. 332 S., ca. 30 Fr. Lesungen am 4.9. in Basel, am 6.9. in Olten, am 19.9. in Zürich und am 23.9. in Winterthur.

Erstellt: 26.08.2019, 13:29 Uhr

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