Philosoph des «paradoxen» Subjekts

Über Pier Aldo Rovatti wusste man bisher wenig. Nun legt der Schweizer Publizist René Scheu die erste umfassende Studie vor, die seinem Denken gewidmet ist.

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Inspiriert von Kants Ausspruch «Man kann niemals ‹Philosophie›, sondern höchstens nur philosophieren lernen», begibt sich der Schweizer Publizist René Scheu in seinem Buch auf die Spuren des italienischen Philosophen Pier Aldo Rovatti. 1942 geboren, studierte Rovatti Philosophie in Mailand bei einer der wichtigsten philosophischen Persönlichkeiten der italienischen Nachkriegszeit, dem Phänomenologen Enzo Paci, und wurde Herausgeber der innovativen Zeitschrift «Aut Aut». 1983 veröffentlichte er zusammen mit Gianni Vattimo den Sammelband «Il pensiero debole» («Das schwache Denken») und avancierte damit auf einen Schlag zum Hauptvertreter einer neuen philosophischen Richtung.

Sorgfältige Analyse

Der Band, der auch einen Aufsatz von Umberto Eco enthält, löste eine unerwartet heftige, zum Teil auch brutale Polemik aus. Und das nicht nur in der abgeschotteten Arena der akademischen Zeitschriften, sondern auch auf der Bühne der medialen Öffentlichkeit. So liess sich der sonst so gestrenge Turiner Philosoph Carlo Augusto Viano – unvergesslich ist seine giftige Rezension des Sammelbandes unter dem Titel «Vapensiero» – in der Rolle des Chefanklägers im trendigen Magazin «Panorama» fotografieren, in typischer Denkerpose, mit dem Kopf auf Daumen und Zeigefinger gestützt.

Das Echo dieser Debatte hallte in vielen Ländern Europas wider und ist bist heute nicht ganz verstummt. Dennoch blieb Rovatti ein eher unbekannter Philosoph, und dies ist die erste umfassende Studie, die seinem Denken gewidmet ist. Nach einigen eher theatralischen Bemerkungen übers Schreiben und Töten («Die Veröffentlichung des ersten Buches über einen lebenden Autor kann man in der Tat als seine Todeserklärung betrachten») bietet Scheu eine interessante Darstellung des Denkens des Mailänder Meisters Enzo Paci, dessen Husserl-Kritik zu Rovattis philosophischer Grundproblematik hinführt. Schon Husserl hatte bemerkt, dass unsere Subjektivität sich nicht in Worte fassen lässt. Rovatti geht dieser Einsicht auf den Grund und entwirft die Idee eines «paradoxen» Subjekts. Die menschliche Subjektivität lässt sich nach seiner Auffassung nicht durch das logische, «starke» Denken erfassen, weil sie widersprüchlich ist. Wenn es aber so ist, wie kann man dann darüber reden? Um diese Frage zu beantworten, wird ein anderer Meister, diesmal aus Deutschland, bemüht, und das Buch endet mit einer langen Analyse von Rovattis eigenwilliger Heidegger-Interpretation. Obwohl diese Analyse sorgfältig durchgeführt ist, bleibt am Ende doch die Frage offen, wie originell und zeitgemäss Rovattis Denken tatsächlich sei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2008, 07:47 Uhr

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